Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · 1984
Eingang · Werke · 1984
Cover 1984
1984
1949
– Werkseintrag –

1984

1949 · Roman

Ein kleiner Angestellter im Ministerium für Wahrheit wagt in einem lückenlos überwachten Staat das Verbotenste überhaupt: einen eigenen Gedanken.

Überblick↑

Der Roman 1984 zählt zu den bekanntesten dystopischen Werken der Weltliteratur. George Orwell schrieb ihn zwischen 1946 und 1948 auf der schottischen Insel Jura. Erschienen ist er im Juni 1949. Geschildert wird ein totalitärer Überwachungsstaat im Jahr 1984. Der Titel entstand als Zahlendreher aus dem Entstehungsjahr 1948 – er verweist auf eine Zukunft, die damals noch fern schien und doch eng mit der Gegenwart verknüpft war. Nach dem Kindlers Literatur Lexikon entstand der Roman unter dem Eindruck von Nationalsozialismus, Stalinismus und der Wirtschaftspolitik der Industriestaaten während des Zweiten Weltkriegs. Bis heute werden der Titel, der Name Orwell und die Parole „Big Brother is watching you“ zitiert, wenn vor staatlicher Überwachung gewarnt wird.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Winston Smith, ein einfaches Mitglied der herrschenden Staatspartei. Er lebt in Ozeanien, einem von drei Machtblöcken, die sich in ständig wechselnden Bündnissen in dauerhaftem Krieg befinden. Über allem wacht der nie wirklich sichtbare Große Bruder. Nicht abschaltbare Bildschirme kontrollieren jede Wohnung, und die Gedankenpolizei überwacht jeden Schritt. Schon der bloße Wunsch nach Widerstand gilt als Verbrechen.

Winston arbeitet im Ministerium für Wahrheit. Seine Aufgabe ist es, alte Zeitungsberichte umzuschreiben und das Geschichtsbild fortlaufend an die jeweils gültige Parteilinie anzupassen. Innerlich lehnt er das System längst ab. Heimlich beginnt er, ein Tagebuch zu führen, in dem er seine verbotenen Gedanken festhält. Sein Interesse für die Vergangenheit zieht ihn in die Elendsviertel der einfachen Leute und in einen alten Kramladen.

Eine junge Frau namens Julia fällt ihm auf, und zwischen den beiden entsteht eine geheime Beziehung, die selbst schon ein schweres Vergehen ist. Zugleich hofft Winston, Kontakt zu einer verbotenen Untergrundbewegung zu finden. In O'Brien, einem Mitglied der mächtigen Inneren Partei, glaubt er einen Gleichgesinnten zu erkennen. Wie weit sich Winston auf diesen gefährlichen Weg wagt und worauf er dabei zusteuert, entfaltet der Roman Schritt für Schritt.

Die Handlung im Detail↑

Die Welt des Romans ist in die drei Superstaaten Ozeanien, Eurasien und Ostasien aufgeteilt, die sich in ständig wechselnden Koalitionen dauerhaft bekriegen. Winston Smith lebt in Ozeanien, in dem Gebiet, das früher England war. Dort unterdrückt eine kleine Parteielite, die Innere Partei, die übrigen Parteimitglieder der Äußeren Partei und die breite Masse des Volkes, die „Prolls“. Die Gedankenpolizei überwacht alle Parteimitglieder rund um die Uhr. Über nicht abschaltbare Bildschirme, die Teleschirme, wird täglich der Hass auf den Staatsfeind Emmanuel Goldstein geschürt, der angeblich eine Untergrundbewegung namens „Bruderschaft“ anführt. Ständig wiederholte Parolen wie „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“ formen das Denken der Menschen.

Winston arbeitet im Ministerium für Wahrheit und fälscht dort im Auftrag der Partei die Geschichte. Er löscht unbequeme Fakten und passt alte Berichte der herrschenden Linie an. Schon lange kann er sich nicht mehr mit der Parteidoktrin identifizieren, doch er muss seine Meinung verbergen, denn bereits ein verräterisches Zucken oder ein falscher Blick kann zur Verhaftung führen. Ob die feindlichen Superstaaten überhaupt existieren, bleibt zweifelhaft – womöglich täuscht die Partei den Krieg nur vor, und sogar die einschlagenden Raketen könnte sie selbst abfeuern. Heimlich beginnt Winston, Tagebuch zu führen, in einem Buch, das er im Kramladen von Mr. Charrington entdeckt hat. Eine junge Frau, Julia, fällt ihm bei der Arbeit auf; zunächst hält er sie für eine Spitzelin der Gedankenpolizei. In Charringtons Laden kauft er eine gläserne Kugel mit einer eingeschlossenen Koralle und ist von diesem Stück Vergangenheit fasziniert. Der Händler zeigt ihm ein möbliertes Zimmer, in dem es keinen Teleschirm zu geben scheint.

Im zweiten Teil steckt Julia ihm heimlich einen Zettel zu, auf dem steht: „Ich liebe Dich.“ Unter größten Mühen und in ständiger Angst vor der Überwachung finden die beiden zueinander. Sie mieten das Zimmer über Charringtons Laden, um dort ihre verbotene Liebe zu leben. Winston sucht O'Brien auf, ein Mitglied der Inneren Partei, das er für einen Regimegegner hält. In dessen Wohnung lässt sich der Teleschirm kurzzeitig abschalten. O'Brien gibt sich als Mitglied der Bruderschaft aus und lässt Winston ein Exemplar von Goldsteins verbotenem Buch Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus zukommen. Winston kann daraus nur das erste und dritte Kapitel lesen. Er findet dort vor allem eine klare Beschreibung dessen, was ihm ohnehin schon bewusst war, und stellt fest: „Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum“. Während Julia von einem stillen gemeinsamen Leben träumt, will Winston die Partei um jeden Preis bekämpfen. In diesem Augenblick wird das Zimmer gestürmt. Der harmlos wirkende Mr. Charrington entpuppt sich als Mann der Gedankenpolizei, der das Paar die ganze Zeit über durch einen hinter einem Wandbild versteckten Teleschirm beobachtet hat.

Der dritte Teil schildert Winstons Gefangenschaft. Er erwacht in einem fensterlosen, ständig hell erleuchteten Raum, den er dem Ministerium für Liebe zuordnet. Er verliert bald jedes Zeitgefühl, hungert und magert ab. Von einem gefürchteten „Zimmer 101“ ist die Rede, vor dem alle Angst haben. Sein Verhörführer ist ausgerechnet O'Brien, der in Wahrheit nicht zur Bruderschaft, sondern zur Parteispitze gehört. Unter Folter muss Winston die üblichen Geständnisse ablegen, dann beginnt die eigentliche Gehirnwäsche. Stück für Stück zerlegt O'Brien Winstons Weltbild; bei Widerstand fügt er ihm über eine Streckbank Schmerzen durch Elektroschocks zu. Er führt Winston die Stufen der Umerziehung vor: Lernen, Verstehen und Akzeptieren. Er zwingt ihn, seinen ausgemergelten Körper im Spiegel zu betrachten, bis Winston seinen Anblick als würdelos empfindet und die Hand der Partei dankbar annimmt. O'Brien enthüllt das Geheimnis der Partei: Macht über Menschen sei Selbstzweck. „Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft ausmalen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt – immer und immer wieder.“ Am Ende bricht Winston psychisch zusammen. Er verrät Julia, verliert seine wiedergewonnene Individualität und glaubt nach der Gehirnwäsche schließlich, durch seine neu entdeckte Liebe zum Großen Bruder endlich frei zu sein.

Stil↑

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die den Weg der Hauptfigur nachzeichnen: das bedrückte Leben im Überwachungsstaat, den Weg in den Widerstand und schließlich die Gefangenschaft mit Folter und Umerziehung. Erzählt wird durchgängig aus der Sicht Winston Smiths, sodass der Leser die Welt mit seinen Augen und seiner Angst erfährt. Der Alltag ist nüchtern und mit anschaulichen Einzelheiten geschildert – von den Versorgungsproblemen über die Teleschirme bis zur gläsernen Koralle als Bild einer verlorenen Vergangenheit.

Ein prägendes Mittel ist die erfundene Staatssprache Neusprech, mit der die Partei das Denken der Menschen einengt, indem sie „schädliche Begriffe“ tilgt. Dazu treten die widersprüchlichen Parolen „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“, die durch bloße Wiederholung wirken sollen. Begriffe wie „Gedankenverbrechen“, „Doppeldenk“ oder „Der Große Bruder beobachtet dich“ verdichten die politische Idee zu einprägsamen Formeln. In die Handlung ist zudem ein fiktives Buch eingelagert, Goldsteins Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus, das dem System eine eigene, scheinbar sachliche Theorie an die Seite stellt.

Rezeption↑

Bis heute wird das Werk regelmäßig zitiert, häufig auch nur der Titel oder der Name Orwell, um kritisch auf Tendenzen zu einem Überwachungsstaat hinzuweisen. In ähnlicher Weise dient der Begriff des Großen Bruders als Schlagwort, etwa bei den Big Brother Awards. Ab etwa 2009 geschah dies vermehrt mit Bezug auf das EU-Forschungsprojekt INDECT zur automatischen Auswertung von Überwachungskamerabildern; der britische Daily Telegraph bezeichnete das Vorhaben 2009 als Orwellschen Plan. In der Debatte um politische Korrektheit wird das Buch ebenfalls angeführt, weil Sprachtabus und Euphemismen an Orwells „Neusprech“ und „Gutdenk“ erinnerten. 1999 wurde das Werk in Frankreich auf Platz 22 einer Liste der hundert besten Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt.

Immer wieder erlebte das Buch nach aktuellen Ereignissen einen neuen Verkaufsschub. Nach dem Bekanntwerden des US-Überwachungsprogramms PRISM durch Edward Snowden im Juni 2013 stieg es beim Internet-Buchhändler Amazon in den USA und in Großbritannien wieder hoch in die Verkaufslisten. 2017 erreichte es in den USA sogar Platz 1, nachdem die Trump-Beraterin Kellyanne Conway von „alternativen Fakten“ gesprochen hatte – eine Wendung, die dem „Doppeldenk“ des Romans nahekommt. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 nahmen die Verkäufe in Russland um 75 Prozent zu, während die Staatspropaganda den Angriffskrieg als „Befreiung“ und „Friedensmission“ darstellte.

Auch in der Musik hinterließ das Buch Spuren. Das Album Diamond Dogs von David Bowie aus dem Jahr 1974 war ursprünglich als Musical nach dem Roman geplant. Als Orwells Witwe die Rechte verweigerte, blieben davon Titel wie „1984“ und „Big Brother“ auf der fertigen Platte, und einzelne Textzeilen spielen auf die ständige Überwachung an.

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