1956
Éthiopiques
Überblick↑
Der Gedichtband Éthiopiques von Léopold Sédar Senghor entstand zwischen 1947 und 1956 und erschien 1956. Senghor war französischer und senegalesischer Schriftsteller. Ästhetisch knüpft die Sammlung an seinen vorangegangenen Band Hosties noires an. Sie feiert die Werte einer schwarzafrikanischen Kultur, die in der Kolonialzeit missachtet wurde. Zugleich zielt sie über diese Rückbesinnung hinaus: auf kulturelle Vermischung und auf den Gedanken einer Zivilisation des Universellen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wer den Band Éthiopiques aufschlägt, findet keine fortlaufende Geschichte, sondern eine Folge von Gedichten, die wie die Blätter einer Partitur angeordnet sind. Zu den Texten gehören Angaben, welches Instrument sie begleiten soll. Den Anfang machen sieben Gedichte, die Senghor Guimms nennt. Es folgen ein dramatisches Gedicht über Chaka, eine lange Reihe von Briefgedichten an eine Prinzessin und acht Elegien. Den Abschluss bildet ein Nachwort, in dem Senghor sein Verständnis von Dichtung darlegt.
Die Gedichte rufen die Vergangenheit Afrikas auf und stellen sie groß heraus. Zugleich holen sie die griechisch-römische Überlieferung herein, die zum zweiten Erbe des Dichters gehört. Zwischen beiden Welten spannt sich der Band auf. Immer wieder erscheinen Dinge, die einem europäischen Leser fremd sind: Instrumente wie Kora, Balafon und Tamtam, die Sänger und Erzähler des Landes, wilde Tiere, Landschaften. Die Sinne haben Vorrang vor dem Gedanken.
Die Handlung im Detail↑
Der Aufbau des Bandes folgt dem Bild einer Notenhandschrift. Auf die sieben Guimms folgt das dramatische Gedicht Chaka. Darin treten ein Chor und ein Chorführer auf, wie im antiken griechischen Theater. Daran schließen die Briefgedichte Épîtres à la Princesse an sowie acht Elegien unter dem Titel D'autres chants…. Beschlossen wird die Sammlung von einem Nachwort, das zugleich ein dichterisches Programm ist: Comme les lamantins vont boire à la source.
Den ersten Strang bildet das Lob der afrikanischen Vergangenheit. Senghor beruft sich auf die Geschichte des Kontinents und auf seine sagenhaften Helden, etwa auf Chaka. Das Reich der Königin von Saba wird bei ihm zu einem mythischen Äthiopien, die Königin selbst nennt er die Mutter der Négritude. Diese Rückbesinnung schließt sich aber nicht ein. Sie sucht ihre Wurzeln auch in der griechisch-lateinischen Überlieferung, was sich an zahlreichen altertümlichen Wörtern und lateinischen Anklängen zeigt.
Ein zweiter Strang ist das sinnliche Verhältnis zur Welt. Senghor übernimmt von Sartre den Gedanken des In-der-Welt-Seins und überträgt ihn auf einen anderen Kulturraum. Das afrikanische In-der-Welt-Sein zeichne sich durch ein Mitgehen mit der Welt aus, durch ein Verhältnis zu den Dingen, das über die Sinne läuft. So wird in einem Gedicht der Aufbruch des Frühlings in der Natur unmittelbar auf den menschlichen Körper übertragen. Auch biblische Anklänge nimmt Senghor auf, verschiebt sie aber so, dass das Stoffliche den Vorrang behält: Aus einem erwarteten Wort wird ein landwirtschaftliches Gerät, und die Abwesenheit nimmt die handgreifliche Gestalt einer Hungersnot an.
Der dritte Strang ist die Vermischung der Kulturen. Die Négritude ist bei Senghor der Ausgangspunkt, nicht das Ziel. Das Dichten wird zum Mittel, den Gegensatz zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Erbe zu überwinden. Daraus entstehen die Spannungen, die den Band durchziehen: Überlieferung und Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Eigenes und Fremdes. In den Briefgedichten an die Prinzessin wird die Dichtung zum Ort der Versöhnung, an dem das Land des Salzes und das Land des Schnees im Einklang singen. Die Vergangenheit erscheint dabei nicht als weiche Sehnsucht, sondern wird mit der Kraft einer Gegenwart erlebt, die nach vorn gerichtet ist. Auch die Wertung der Farben kehrt Senghor um: Schwarz steht bei ihm nicht für den Tod, sondern für Lebenskraft.
Stil↑
Auffällig ist zunächst, dass zu jedem Text ein Musikinstrument angegeben wird. Darin unterscheidet sich der Band Éthiopiques von Senghors übrigen Sammlungen: Gesang, Wort und Musik sollen zugleich da sein. Man hat seine Dichtung gelegentlich auf den bloßen Rhythmus des Tamtam verkürzt. Tatsächlich arbeitet sie auf mehreren Ebenen der Sprache. Senghor spielt mit Stabreimen und Vokalklängen, mit Wiederaufnahmen und mit Wortwiederholungen am Zeilenanfang. Häufig mischt er diese Mittel, sodass einzelne Wörter wie gehämmert hervortreten. Die Wiederholung, so Senghor selbst, sei die gebräuchlichste Wendung der schwarzafrikanischen Dichtung und habe beschwörende, auffordernde Kraft.
Der Satzbau ruht auf Hauptwörtern und ist nur locker gefügt. Diese Reihung statt Verknüpfung versteht Senghor als Nachhall der Muttersprache und zugleich als Verwandtschaft mit dem Surrealismus, dem er zuschrieb, die Angeln der Wörter gesprengt und die Fügung der Reihung wiedergefunden zu haben. Zugleich ist sie der Versuch, afrikanischen Satzbau in französischer Sprache zu verwirklichen. Wo Verben auftauchen, sind sie oft in einer blassen, allgemeinen Bedeutung gebraucht, sodass der Sinn erst durch Anklang entsteht.
Die Namen der Dinge tragen viel Gewicht. Senghor benennt so, dass ein unmittelbarer Kontakt mit der Natur spürbar wird, die dabei nicht bloß Kulisse bleibt, sondern selbst handelt. Makhily Gassama hat für diese wiederkehrenden Wörter einen eigenen Begriff geprägt; Senghor selbst verglich den Dichter mit einer gebärenden Frau. Wo der Leser einen Namen keiner vertrauten Wirklichkeit zuordnen kann, schlägt das Benennen in bloßes Andeuten um. Das gilt besonders für Eigennamen, die entweder fremd wirken oder offenlassen, worauf sie sich beziehen. So entsteht ein Fremdheitseffekt: Der französische Leser hat das eigentümliche Gefühl, in seiner Muttersprache eine andere Sprache zu lesen.
Rezeption↑
Makhily Gassama prägte für Senghors wiederkehrende Schlüsselwörter einen eigenen Begriff. Eine verbreitete Verkürzung hat seine Dichtung allein auf den Rhythmus des Tamtam festgelegt; die neuere Betrachtung hält dem entgegen, dass die musikalische Wirkung auf mehreren Ebenen der Sprache zugleich entsteht.
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