Äsops Fabeln
Überblick↑
Unter dem Namen Äsops Fabeln ist eine Sammlung kurzer Lehrgeschichten überliefert. Sie werden Äsop zugeschrieben, einem Geschichtenerzähler, der zwischen 620 und 564 v. Chr. im antiken Griechenland gelebt haben soll. Er galt als missgestalteter Sklave, dessen Erzählungen ihn so beliebt machten, dass das Volk seine Freilassung erwirkte. In den Fabeln handeln vor allem Tiere, die miteinander sprechen und menschliche Eigenschaften zeigen. Jede Geschichte führt eine menschliche Schwäche vor – etwa Neid, Dummheit, Geiz oder Eitelkeit. Die Sammlung zählt zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Erzählwerken der europäischen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die einzelnen Fabeln sind kurze, in sich abgeschlossene Geschichten. In ihnen treten meist Tiere auf, die reden und handeln wie Menschen. Gelegentlich kommen auch antike Götter, Pflanzen oder bekannte Personen jener Zeit vor. Der Stoff stammt aus dem Alltag des einfachen Volkes im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. In kleinen Szenen prallen Klugheit und Torheit, Stärke und List, Habgier und Bescheidenheit aufeinander. So verpackt jede Erzählung eine Beobachtung über den Menschen in ein Gleichnis, das man leicht behält und weitererzählen kann.
Die Handlung im Detail↑
Eine einzelne Fabel ist knapp gebaut. Sie stellt eine Ausgangslage vor, lässt die Tiere in einen kleinen Konflikt geraten und endet mit einer klaren Lehre. Am Schluss wird die menschliche Schwäche benannt, um die es eigentlich ging. Neid, Dummheit, Geiz und Eitelkeit werden auf diese Weise vorgeführt, ohne dass ein Mensch dabei bloßgestellt werden müsste. Die Tiere tragen feste Rollen, und so weiß der Hörer sofort, welche Eigenschaft gemeint ist.
Ein durchgehender Handlungsfaden fehlt der Sammlung. Sie besteht aus vielen eigenständigen Geschichten, die nebeneinander stehen. Darum widersprechen sich manche der gezogenen Lehren sogar, je nachdem, aus welcher Quelle eine Fabel stammt. Genau diese Widersprüche gelten heute als Hinweis darauf, dass Äsop nicht der Verfasser aller ihm zugeschriebenen Geschichten war. Oft wurde eine Tierfabel einfach auf seinen Namen zurückgeführt, wenn kein anderer Urheber bekannt war.
Der Bestand der Sammlung war nie fest, sondern wuchs über die Jahrhunderte weiter. Manche Fabeln lassen sich bis in den westasiatischen Raum zurückverfolgen, andere haben Entsprechungen weiter im Osten. Verwandte Erzählungen finden sich schon im alten Sumer und in Akkad sowie in der indischen Überlieferung, etwa in den buddhistischen Jataka-Erzählungen und im hinduistischen Panchatantra. Etwa ein Dutzend Geschichten kehrt in beiden Traditionen wieder, wenn auch im Einzelnen oft stark verändert. Bis in die Gegenwart wurden immer wieder neue Stücke in den Äsop-Bestand aufgenommen, manche davon nachweislich jüngeren Datums.
Stil↑
Kennzeichnend für die Gattung ist die Kürze und Einfachheit der einzelnen Geschichten. Gerade diese Knappheit machte die Fabeln über die Jahrhunderte so anziehend für spätere Bearbeiter. Die Tiere sind keine ausgemalten Figuren, sondern Träger je einer festen Eigenschaft, und so wird die Geschichte zum durchsichtigen Gleichnis. Meist läuft alles auf eine abschließende Lehre zu, die den Sinn der Erzählung auf den Punkt bringt.
Zunächst gab man die Fabeln nur mündlich weiter, später wurden sie in ganz unterschiedliche Formen gebracht. Demetrios von Phaleron hielt sie in schlichter Prosa fest. Andere gossen den Stoff in Verse: Babrios nutzte im 1. Jahrhundert n. Chr. das Versmaß des Choljambus, Phaedrus übertrug die Fabeln etwa zur selben Zeit in lateinische jambische Trimeter. Später erschienen auch Fassungen im elegischen Versmaß. In der antiken Schule dienten die Fabeln zudem als Übung: Lehrer der Rhetorik ließen ihre Schüler den Stoff neu formen, um Ausdruck und Grammatik zu üben. Geschrieben wurden die Texte ursprünglich auf Altgriechisch.
Rezeption↑
Über Jahrhunderte wurden die Fabeln von Rednern, Predigern und Moralisten benutzt und dabei immer wieder neu aufgeschrieben. Äsop selbst zeichnete nichts auf. Als erster sammelte Demetrios von Phaleron im 4. Jahrhundert v. Chr. die umlaufenden Geschichten und ordnete sie in zehn Büchern; diese Fassung ging später verloren. Über griechische und lateinische Handschriften, unter anderem von Phaedrus, blieb der Stoff erhalten. Mit dem Buchdruck gehörten Sammlungen von Äsops Fabeln zu den frühesten Büchern in vielen Sprachen.
Einen kräftigen Anstoß gab eine deutsche Druckausgabe. Heinrich Steinhöwel legte um 1476 im Verlag von Johann Zainer in Ulm sein Aesopus: Vita et Fabulae vor, das lateinische Fassungen und deutsche Übersetzungen sowie zahlreiche Holzschnitte vereinte. Bearbeitungen nach diesem Vorbild erschienen bald auf Italienisch, Französisch, Tschechisch und Englisch. Die erste gedruckte englische Fassung brachte William Caxton 1484 heraus. Später bearbeiteten Dichter den Stoff so eigenständig, dass er mit ihrem eigenen Namen verbunden wurde, allen voran La Fontaine im 17. Jahrhundert. Iwan Krylow übertrug im 19. Jahrhundert einige Fabeln ins Russische, und Gotthold Ephraim Lessing berief sich im 18. Jahrhundert ausdrücklich auf den griechischen Fabeldichter.
Ursprünglich richteten sich die Fabeln an Erwachsene und behandelten religiöse, soziale und politische Fragen. Erst allmählich wurden sie zum Lehrstoff für Kinder. Der Philosoph John Locke sprach sich 1693 dafür aus, Kinder als eigenes Publikum anzusprechen. Schon zuvor gab es solche Bemühungen: Für den jungen Sohn des französischen Königs Ludwig XIV. ließ man in den 1670er Jahren im Labyrinth von Schloss Versailles Wasserfiguren aufstellen, die achtunddreißig ausgewählte Fabeln darstellten. Bis heute werden die Geschichten neu übersetzt, gedeutet und künstlerisch bearbeitet, und noch immer kommen neue Stücke zum Bestand hinzu.
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