1924
20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
Überblick↑
Der Gedichtband 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung gehört zu den bekanntesten Werken des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Neruda schrieb ihn als junger Mann von neunzehn Jahren. Die Sammlung erschien im Juni 1924 in Santiago de Chile. Es handelt sich also um ein frühes, jugendliches Werk. Das Publikum und ein großer Teil der Kritik nahmen es freundlich auf. Sein Erfolg wuchs stetig und erreichte im Lauf der Jahrzehnte zwei Millionen verkaufte Exemplare. Damit zählt der Band zu den wichtigsten Gedichtsammlungen in spanischer Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zwanzig Liebesgedichte und ein abschließendes Stück, das den Namen „Lied der Verzweiflung“ trägt, bilden diese Sammlung. Nur dieses letzte Gedicht besitzt einen eigenen Titel. Die übrigen sind schlicht durchnummeriert und werden gewöhnlich nach ihrer ersten Zeile benannt. Gleich das erste Gedicht setzt beim Körper der geliebten Frau ein und gibt damit einen der wichtigsten Töne des Buches an.
Im Mittelpunkt stehen drei große Themen: die Liebe, die geliebte Frau und die Natur. Die Liebe, von der Neruda spricht, ist ganz vom Empfinden der Jugend geprägt. Sie ist sinnlich und leidenschaftlich, voller widersprüchlicher Gefühle. Der junge Dichter begegnet zum ersten Mal dem Körper und dem Wesen eines anderen Menschen, und daraus entstehen Freude und Schmerz, Ruhe und Angst zugleich. Die Natur Südchiles, in der Neruda aufwuchs, durchzieht alle Gedichte und wird immer wieder mit der Gestalt der geliebten Frau verglichen.
Die Handlung im Detail↑
Bis zur endgültigen Fassung änderte Neruda den Titel des Werkes mehrfach. Zunächst dachte er an Gedichte einer Frau und eines Mannes, später an Zwölf Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung. Zwischen diesem zweiten und dem endgültigen Titel liegt nur ein Unterschied in der Zahl: Aus zwölf Gedichten wurden zwanzig, der Aufbau blieb gleich. Der Titel verrät dem Leser bereits den Weg, den das Buch nimmt: zwanzig Gedichte über die Liebe und ein einziges, davon abgesetztes „Lied der Verzweiflung“. Dieses letzte Stück hat eine besondere Aufgabe, denn es hebt das zweite große Thema hervor, die Verzweiflung.
Neruda will keine Ereignisse erzählen, sondern sein Inneres in Worte fassen. Am Anfang steht die Einsamkeit des jungen Mannes. Dann kommt die Liebe und wirft dieses Gefühl um. Doch die Liebe verlässt ihn wieder und gibt ihm eine neue Einsamkeit zurück, die sich von der früheren unterscheidet. Diesen letzten Zustand bringt das „Lied der Verzweiflung“ zum Ausdruck, das den Höhepunkt des ganzen Weges bildet. Es zeigt zugleich das tiefere Wesen des Dichters: Selbst in großem Schmerz bleibt in ihm eine starke Lebenskraft. Sie äußert sich im Drang, aufzubrechen und sich von allem zu entfernen, was ihm Leid zufügt.
Nicht eine einzige Frau, sondern zwei oder mehr geliebte Frauen gaben den Anstoß zu diesen Versen. Aus ihnen formte der Dichter eine ideale Gestalt, an die er sich wendet. Diese Frau bleibt jedoch nicht bloß eine Erfindung: Sie ist eigenständig, tritt dem Leser aber allein als Gegenstand der Liebe entgegen und spricht selbst kein Wort. Neruda erklärte, dass er vor allem an zwei Frauen dachte, ein Mädchen aus Temuco und eine Studentin aus Santiago, die er Marisol und Marisombra nannte. Er nannte dazu die Namen Teresa Vásquez León und Albertina Rosa Azócar. Hervorgehoben werden vor allem Körper, Augen und Stimme der Geliebten. Die Beziehung ist nicht immer leicht, was der Dichter auf seine einsame und wilde Seele zurückführt. Das fünfte Gedicht macht Schweigen und Worte zum eigentlichen Thema und zeigt, wie sehr die Sprache selbst zwischen den Liebenden steht. Die Natur schließlich nimmt breiten Raum ein. Sie wird nicht für sich beschrieben, sondern ganz in den Dienst der Liebe gestellt. In fortlaufenden Vergleichen verbindet Neruda den Körper der Frau mit der Gestalt der Landschaft, und selbst in Abwesenheit der Geliebten dient ihm das, was er in der Natur sieht, als Weg zur Erinnerung.
Stil↑
Auffällig ist zunächst die äußere Form der Sammlung: Nur das letzte Gedicht trägt einen Titel, das „Lied der Verzweiflung“, während die übrigen zwanzig nur nummeriert sind und über ihre erste Zeile in Erinnerung bleiben. Neruda erzählt keine Geschehnisse, sondern gibt seiner inneren Welt Ausdruck. Die Sprache ist stark von Sinnlichkeit und Leidenschaft geprägt, wie sie zum Empfinden der Jugend gehört. Aus der ersten Begegnung mit dem Körper eines anderen Menschen ziehen die Verse gegensätzliche Empfindungen: Freude und Schmerz, Ruhe und Angst.
Ein Grundzug des Stils ist das Bild. Die Natur Südchiles, in der Neruda seine Kindheit und Jugend verbrachte, dient nicht als eigene Gestalt, sondern als Vergleichsmaterial für die Liebe. In fortlaufenden Bildern stellt der Dichter den Körper der Frau neben die Formen der Landschaft und erhebt die Geliebte zu einem Wesen, das unmittelbar aus den Kräften der Natur hervorgeht. Die geliebte Frau selbst bleibt stumm; sie spricht in den Gedichten kein einziges Wort und erscheint ganz als Gegenüber der Anrede. So spannen sich die Verse zwischen Schweigen und Sprechen, zwischen der ersehnten Nähe und dem Gefühl der Einsamkeit.
Rezeption↑
Freundlich fiel die Aufnahme des Bandes aus, sowohl beim Publikum als auch bei einem großen Teil der Kritik. Der Erfolg wuchs nach und nach und erreichte im Lauf der Jahrzehnte zwei Millionen verkaufte Exemplare. So wurde das Werk zu einer der wichtigsten Gedichtsammlungen in spanischer Sprache. Dass Neruda es bereits mit neunzehn Jahren geschrieben hatte, verlieh dem raschen Aufstieg zusätzliches Gewicht.
Nur wenige Stimmen äußerten sich ablehnend. Ihnen warf man dem Dichter vor, er erzähle in den Gedichten keine wirklich erlebten Liebesgeschichten. Neruda verteidigte sich nicht öffentlich. In einem Brief an die chilenische Zeitung La Nación hielt er jedoch fest, er habe allein von seinem Leben und von der Liebe zu einigen ihm teuren Frauen geschrieben und sich mit Aufrichtigkeit und mit ganzem Willen in alles hineingegeben, was aus ihm hervorging.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →