1774
Der Hofmeister
Überblick↑
Das Drama Der Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz erschien 1774 unter dem vollen Titel Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung. Der Autor selbst gab ihm den Untertitel „Eine Komödie“, doch das Stück wird meist als Tragikomödie in fünf Aufzügen bezeichnet. Es gehört zur literarischen Strömung des Sturm und Drang und zählt zu den bedeutendsten Werken seines Verfassers. Die Uraufführung fand am 22. April 1778 statt.
Den Grundstoff übernahm Lenz aus der Geschichte von Peter Abaelard und Heloisa: die Liebe eines Hauslehrers zu seiner Schülerin. Diesen Stoff hatte 1761 auch Jean-Jacques Rousseau bearbeitet, und zwar für seinen Briefroman Julie oder Die neue Heloise. Im Stück selbst fallen die Namen Abälard und Origenes, dazu der Titel von Rousseaus „neuer Heloise“.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Predigersohn Läuffer sucht in Ostpreußen eine Anstellung. Er findet eine Stelle als Hofmeister, also als Hauslehrer, beim Major von Berg. Dessen Sohn Leopold soll er „in allen Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren“ unterrichten; der Junge ist für die Soldatenlaufbahn bestimmt, erweist sich aber als faul und unwissend. Läuffers Bezahlung wird bald von 300 auf 150 Dukaten heruntergesetzt. Zusätzlich soll er die noch nicht konfirmierte Tochter Gustchen unterrichten. Sie ist, wie der Major sagt, seines „Herzens einziger Trost“ – wer ihr zu nahe kommt, soll umgebracht werden.
Gustchen liebt jedoch ihren Cousin Fritz, den Sohn des Geheimen Rats von Berg. Die beiden wollen sein wie Romeo und Julia und schwören einander Treue für die Zeit der bevorstehenden Trennung. Der Geheimrat belauscht den Schwur und hält ihn für unvernünftig und wirkungslos. Die Familie des Majors zieht auf das Landgut Heidelbrunn, Fritz soll später in Halle studieren.
Auf dem Landgut nimmt das Verhältnis zwischen dem Hofmeister und seiner Schülerin eine Wendung, die niemand im Haus ahnt. In Halle gerät Fritz unterdessen in eine ganz andere Not: Er bürgt für seinen Jugendfreund Pätus, der seine Schulden nicht bezahlen kann. Zwei Familien, zwei Söhne, eine Tochter – und ein Hauslehrer, dessen Gehalt immer weiter sinkt, während die Verwicklungen wachsen.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung beginnt in Ostpreußen. Der Predigersohn Läuffer sucht eine Anstellung und wird Hofmeister beim Major von Berg. Dessen Sohn Leopold soll Soldat werden und wird von Läuffer unterrichtet, zeigt sich aber als faul, unwissend und dumm. Der Geheime Rat von Berg, der Bruder des Majors, hatte Läuffer zuvor als Lehrer an einer Stadtschule abgelehnt. Fritz, der Sohn des Geheimrats, besucht diese Stadtschule und hat dort bürgerliche Mitschüler, was dem Major missfällt. Einer von ihnen ist Pätus.
Läuffers Gehalt sinkt von 300 auf 150 Dukaten. Zusätzlich soll er der noch nicht konfirmierten Gustchen Christenlehre und Zeichnen beibringen und sie behutsam behandeln. Gustchen aber liebt ihren Cousin Fritz. Sie verabredet mit ihm, während der Trennung treu zu bleiben. Der Geheimrat hört alles mit und hält den Eid für kindisch. Künftig sollen sich die beiden nur noch unter Zeugen sehen. Er bestimmt, dass Fritz länger auf der Schule bleiben muss. Die Familie des Majors zieht nach Heidelbrunn.
Auf dem Landgut quält sich Läuffer mit Gustchen, weil sie ihn zu übersehen scheint; dennoch kommen sich beide näher. Fritz studiert in Halle und sehnt sich nach Gustchen. Pätus versucht ihn mit Mädchen auf andere Gedanken zu bringen und will ihn zu sich holen, weil er eine derb-freundliche Wirtin hat. Läuffers Gehalt ist auf 40 Dukaten gesunken. Er hat ein Verhältnis mit Gustchen. An die Stelle von Fritz als Romeo tritt nun Läuffer, der das Stück von Shakespeare offenbar nicht kennt. Gustchen fühlt sich krank – es sind die Anzeichen einer Schwangerschaft. Der Major schuftet auf dem Acker, um ihr einen Platz im Hospital zu sichern, denn er hält sie für krank. Fritz hat in Halle für Pätus gebürgt und landet im Gefängnis. Pätus erhält kein Geld von seinem Vater und will sich umbringen; sein Freund Bollwerk hält ihn davon ab, Pätus flieht.
Die Majorin klärt den Major über das Verhältnis auf und fällt in Ohnmacht. Der Major wird vor Wut fast wahnsinnig. Läuffer flieht und findet Schutz in einer Dorfschule. Der Schulmeister Wenzeslaus versteckt ihn. Auch Gustchen flieht, mit unbekanntem Ziel.
Ein Jahr lang hört der Major nichts von seiner Tochter. In seiner Enttäuschung will er im Russisch-Osmanischen Krieg sterben. Dem Geheimrat geht es ähnlich: Sein Sohn ist geflüchtet, die Gläubiger suchen ihn. Der Major hält seine Familie für ruiniert, den Neffen für einen „Spitzbuben“ und die eigene Tochter für eine „Gassenhure“. Gustchen hat unterdessen im Wald bei der blinden Bettlerin Marthe Unterschlupf gefunden. Dort hat sie ihr Kind geboren. Sie hat von ihrem Vater geträumt. Nun will sie ins nächste Dorf, um ihm zu melden, dass sie noch lebt. Läuffer arbeitet seit einem Jahr als Gehilfe des Schulmeisters in der Dorfschule. Dort findet ihn der Major und schießt auf ihn. Läuffer weiß nichts von Gustchen, und so zieht der Major wieder ab. Gustchen gelingt es nicht, den Vater zu benachrichtigen. Verzweifelt stürzt sie sich in einen Teich. Der Vater rettet sie und verzeiht ihr. Fritz ist mit Pätus nach Leipzig gegangen, um den Verfolgern zu entgehen.
Weil Gustchen nicht zurückkommt, bringt die blinde Marthe das Kind zu Läuffers Schule. Läuffer erkennt sein Kind. Er kastriert sich und wird dafür vom Schullehrer gelobt. Der Schullehrer hält eigens für ihn eine Predigt, der Läuffer jedoch nicht zuhört, weil seine Aufmerksamkeit einem schönen Mädchen namens Lise gilt. Lise kommt bald zu ihm, die beiden küssen sich und wollen heiraten. Der Schullehrer warnt sie, dass Läuffer keine Kinder bekommen könne; ihr ist das gleichgültig, denn sie hat schon genug Sorgen mit ihren Enten und Hühnern. Pätus gewinnt in der Lotterie und kann die Reise bezahlen, so treffen Fritz und er in Insterburg ein. Der Geheimrat verzeiht seinem Sohn, und Fritz sieht Gustchen wieder. Er nimmt Läuffers Kind als sein eigenes an und verspricht ihm, es nie von Hofmeistern erziehen zu lassen. So endet das Drama scheinbar versöhnlich: Der Geheimrat versöhnt sich mit Fritz, dieser kommt mit Gustchen zusammen, und Läuffer soll mit Lise glücklich werden.
Stil↑
Angelegt ist das Stück als Komödie – so lautet der Untertitel des Autors –, doch der Verlauf rechtfertigt eher die Bezeichnung Tragikomödie. Komisches und Grausames stehen unmittelbar nebeneinander: Die Selbstverstümmelung des Hofmeisters wird vom Schullehrer gelobt, und einige Szenen später beginnt eine Liebesgeschichte mit heiterem Ausgang. Dieses harte Nebeneinander ist für den Sturm und Drang bezeichnend, dem das Werk zugerechnet wird.
Die fünf Aufzüge folgen nicht einem geschlossenen Ort und einer durchlaufenden Zeit, sondern springen zwischen Ostpreußen, dem Landgut Heidelbrunn, Halle, Leipzig und dem Wald hin und her. Zwei Handlungssträhne laufen parallel: die Geschichte von Läuffer und Gustchen und die Studentengeschichte von Fritz und Pätus. Beide werden gegeneinander geschnitten und erst am Ende zusammengeführt.
Auffällig ist der Umgang mit literarischen Vorbildern. Gustchen will mit Fritz sein wie Romeo und Julia, doch an die Stelle des Geliebten tritt der Hauslehrer, der das Stück von Shakespeare gar nicht zu kennen scheint. Die Figuren berufen sich also auf hohe Muster, während die Handlung sie unterläuft. Auf Abälard und Origenes verweist das Stück ausdrücklich im zweiten und im fünften Aufzug. Konkrete Zahlen tragen die Handlung mit: Läuffers Gehalt sinkt von 300 auf 150 und schließlich auf 40 Dukaten – der soziale Abstieg des Gebildeten wird in Geld ausgedrückt.
Rezeption↑
Zu den bedeutendsten Werken von Jakob Michael Reinhold Lenz zählt Der Hofmeister. Nach dem Erscheinen 1774 kam das Stück 1778 zur Uraufführung. Es wurde später auch literarisch bearbeitet.
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