1929
Menschen im Hotel
Überblick↑
Der Roman Menschen im Hotel von Vicki Baum erschien 1929. Er trägt den Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“. Zuerst wurde er vom 31. März bis zum 23. Juni 1929 als Fortsetzungsgeschichte in der Berliner Illustrierten Zeitung abgedruckt. Die Handlung spielt im Berlin der goldenen 1920er Jahre. Unter dem Dach eines einzigen Luxushotels versammelt sie eine Reihe sehr unterschiedlicher Gäste. Baum zeigt vereinsamte, seelisch verformte und körperlich kranke Figuren. Hinter ihrer bürgerlichen Fassade verbergen sie ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit. So entsteht das Bild des Einzelnen als Opfer einer anonymen Massengesellschaft und des Verfalls bürgerlicher Werte. Das Magazin Der Spiegel zählt das Buch zu den besten 100 deutschsprachigen Büchern zwischen 1924 und 2024.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Fast die gesamte Handlung spielt in einem Berliner Luxushotel. Der Roman lebt von den Begegnungen zwischen den Gästen. Sie laufen einander zufällig in der Lobby, im Aufzug oder auf den Fluren über den Weg. Als Vorbild soll das Hotel Excelsior gedient haben.
Im Mittelpunkt stehen einige sehr verschiedene Schicksale. Die alternde Balletttänzerin Grusinskaja hat ihren künstlerischen Höhepunkt längst überschritten und tanzt nur noch vor halb leeren Rängen. Sie leidet unter Einsamkeit, Stimmungstiefs und ihrem schwindenden Ruhm. Im Foyer sitzt Otternschlag, ein durch eine Kriegsverletzung im Gesicht entstellter, verbitterter Dauergast. Jeden Tag wartet er vergeblich auf Post. Der junge Baron Gaigern wirkt elegant und charmant. Er verbirgt aber, dass er verarmt ist und sich als Fassadenkletterer und Trickbetrüger durchschlägt.
Dazu kommen zwei Männer aus der Welt der Arbeit. Der schwer kranke Hilfsbuchhalter Kringelein bricht alle Brücken hinter sich ab, um vor seinem Tod endlich das Leben zu genießen. Sein Vorgesetzter, Generaldirektor Preysing, ist zu wichtigen Geschäftsverhandlungen angereist. Ihre Wege, Wünsche und Geheimnisse kreuzen sich auf eine Weise, die für alle Beteiligten Folgen hat.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist durchweg ein Berliner Luxushotel. Vicki Baum behauptete später im Programmheft zur Bühnenfassung, sie habe ihre Eindrücke in den 1920er Jahren als Zimmermädchen im Berliner Hotel Bristol gesammelt – ein Reklamegag, den sie 1959 selbst als erfunden zugab.
Zu Beginn wird die berühmte, aber alternde Balletttänzerin Grusinskaja vorgestellt. Vor ihren Auftritten hält sie mit ihrer hysterischen Art die ganze Hotelmannschaft auf Trab. Im Lauf des Romans wird gezeigt, wie sehr sie unter ihrem verblassenden Ruhm, ihrer Einsamkeit und ihrem zunehmenden Alter leidet. Sie ist schlecht gelaunt, niedergeschlagen und nimmt Beruhigungsmittel. Im Foyer sitzt Otternschlag, morphiumsüchtig und im Gesicht entstellt, der jeden Abend überlegt, ob er sich mit einer Überdosis das Leben nehmen soll, den Mut dazu aber nie findet. Eingeführt wird auch der junge Baron Gaigern, hinter dessen vornehmer Erscheinung niemand den verarmten Fassadenkletterer und Betrüger vermutet.
Dann betritt Herr Kringelein das Hotel, ein Angestellter der unteren Mittelschicht. Er verlangt ein luxuriöses Zimmer, wie es sein Generaldirektor Preysing zu nehmen pflegt, den er zu kennen vorgibt. Weil sein Äußeres gar nicht in ein Luxushotel passt, will ihm die Rezeption zunächst kein Zimmer geben. Kringelein ist todkrank und hat beschlossen, Familie und seine Stelle als Hilfsbuchhalter hinter sich zu lassen, um bis zu seinem Tod das Leben zu genießen. Er freundet sich mit Otternschlag an, und beide verabreden sich für den Abend, um die Grusinskaja im Theater zu sehen – Kringeleins erster Theaterbesuch überhaupt.
Am nächsten Tag steigt Generaldirektor Preysing ab. Er soll, um die Existenz seiner Firma zu sichern, eine Fusion mit einem Chemnitzer Unternehmen erreichen. Das gelingt ihm schließlich, doch er täuscht die Verhandlungspartner über eine angebliche Zusammenarbeit mit einem englischen Unternehmen. Zugleich will er seine Frau hintergehen und versucht, mit der Aushilfssekretärin seines Anwalts, Fräulein Flamm, genannt Flämmchen, anzubändeln.
Die Grusinskaja tanzt erneut vor fast leeren Rängen und fällt in eine neue Verzweiflung. Sie weigert sich weiterzutanzen, flüchtet ins Hotel und will sich dort mit einer Überdosis Beruhigungsmittel töten. In ihrem Zimmer überrascht sie Baron Gaigern, der gerade ein wertvolles Perlencollier stehlen wollte. Er gibt vor, in sie verliebt zu sein und über die Fassade eingedrungen zu sein, um ihr das zu gestehen. In der gemeinsamen Liebesnacht verlieben sich die beiden jedoch wirklich ineinander. Gaigern soll der Tänzerin nach Wien folgen.
Um Geld für die Reise zu beschaffen, nähert sich Gaigern dem todkranken Kringelein. Er bietet an, dem Sterbenskranken das wahre Leben der Großstadt zu zeigen. Sie besuchen ein nobles Herrenausstattungsgeschäft, wo Kringelein elegant neu eingekleidet wird, fahren Automobil, fliegen, sehen einen Boxkampf, gehen ins Spielkasino und landen in einem Nachtklub. Dort bricht Kringelein mit Magenschmerzen zusammen. Im Hotel behandelt ihn Otternschlag mit einer Morphiumspritze und verhindert, dass Gaigern ihn bestiehlt. Kringelein erholt sich und wirkt wie verwandelt. Er hat seine alte Buchhalterexistenz abgelegt, sucht seinen Chef Preysing auf, sagt ihm die Meinung und verurteilt dessen sture Haltung gegenüber den schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten. Preysings neue Bekanntschaft, das Flämmchen, ist von Kringelein beeindruckt.
Gaigern hat sich inzwischen den Generaldirektor als nächstes Opfer ausgesucht. Doch wieder wird er ertappt. In einem Handgemenge tötet Preysing den Baron, und die Polizei verhaftet ihn unter Verdacht auf Totschlag. Während der Ermittlungen erfährt seine Familie von der Affäre mit Flämmchen, und in der Firma fliegt sein Betrug auf. Preysing ist am Ende. Flämmchen sucht und findet bei Kringelein Zuwendung; beide beschließen, gemeinsam zu verreisen. Otternschlag bleibt einsam im Hotelfoyer zurück, und die Grusinskaja wartet in Wien auf ihren jungen Liebhaber, der nie ankommen wird.
Stil↑
Schon der Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ gibt die Bauweise vor. Baum bedient sich bewusst der Mittel des Unterhaltungsromans: Spannung, Zufall, dramatische Verwicklung. Zugleich legt sie einen ernsten gesellschaftskritischen Hintergrund darunter. Das Hotel dient dabei als geschlossener Schauplatz, an dem ganz verschiedene Lebensläufe für kurze Zeit zusammenfließen. Statt einer einzigen Hauptfigur verfolgt der Roman mehrere Schicksale parallel und schneidet zwischen ihnen hin und her.
In der Anlage der Figuren wird ein gesellschafts- und zivilisationskritischer Blick sichtbar, wie ihn der Expressionismus geprägt hat. Der Mensch erscheint als vereinsamtes, seelisch und körperlich verformtes Opfer der anonymen Massengesellschaft. Hinter bürgerlichen Fassaden zeigen sich Verfall und ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit.
Rezeption↑
Auch fast hundert Jahre nach dem Erscheinen gilt das Buch als literaturgeschichtlich bedeutsam. Cornelie Ueding sah in einem Beitrag für den Deutschlandfunk darin „einen Beitrag zum modernen Nihilismus der Zwischenkriegszeit“. Aygül Cizmecioglu beschrieb für die Deutsche Welle, dass der Roman „einen Nerv der Zeit“ getroffen habe. Das Hotel mit seinen Bewohnern sei „ein Spiegelbild der Gesellschaft“ gewesen. Das Magazin Der Spiegel nahm das Werk in seine Liste der besten 100 deutschsprachigen Bücher zwischen 1924 und 2024 auf. Zur Begründung hieß es, es sei „witzig, abgründig“ und „elegant“.
Der Stoff wirkte über das Buch hinaus weiter. Schon 1932 entstand unter der Regie von Edmund Goulding die Verfilmung Menschen im Hotel. 1945 folgte mit Weekend im Waldorf eine weitere Filmfassung. Auch auf der Bühne wurde der Stoff aufgegriffen, unter anderem als musikalisches Werk.
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