1955
Memed mein Falke
Überblick↑
Der Roman Memed mein Falke erschien 1953–1954 zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung Cumhuriyet und kam 1955 als Buch heraus. Der türkische Originaltitel lautet İnce Memed. Erzählt wird die Geschichte eines Bauernjungen, der sich gegen die Willkür des Großgrundbesitzers Abdi Ağa auflehnt und zum Räuber und Rächer wird. Yaşar Kemal wurde mit diesem Buch auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei. Die erste deutsche Übersetzung von Horst Wilfrid Brands erschien 1960 unter dem Titel Rot sind Allahs Berge. In den Jahren 1969, 1984 und 1987 folgten drei Fortsetzungen der Memed-Geschichte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz der Handlung ist ein Hügelland nördlich der Çukurova-Ebene, am Fuß des Taurusgebirges im Süden der Türkei. Dort herrscht der Großgrundbesitzer Abdi Ağa über fünf Dörfer. Nach und nach hat er das Land verschuldeter Bauern aufgekauft und verpachtet es ihnen nun zurück. Zwei Drittel des Ertrags muss ihm abgeliefert werden, und im Winter bleibt den Familien oft kaum etwas zu essen.
Zu ihnen gehört die Witwe Döne mit ihrem Sohn, den alle Ince Memed nennen, Memed den Schlanken. Der Junge muss neben der eigenen Feldarbeit als Tagelöhner für den Ağa schuften und wird bei jeder Unzufriedenheit hart bestraft. Einmal läuft er davon und findet Unterschlupf bei einem gutmütigen Mann im Nachbardorf, doch Abdi Ağa holt ihn zurück.
Mit achtzehn liebt Memed seine Kinderfreundin Hatçe. Ihre Eltern jedoch versprechen sie einem Neffen des Ağas. In einer Regennacht fliehen die beiden ins Gebirge, und schon am Morgen setzt eine Suchmannschaft ihnen nach. Was bei dieser Verfolgung geschieht, treibt Memed in die Berge und in das Leben eines Räubers. Er schließt sich der Bande des Deli Durdu an, dessen Grausamkeiten ihn abstoßen. Bald geht er eigene Wege und verschont die Armen.
Während sein Ruf im Land wächst und ihn viele Bauern verstecken und mit Vorräten versorgen, sucht der Ağa Verbündete, um ihn beseitigen zu lassen. Der reiche Ali Safa Bey stiftet Räuberbanden an, damit verarmte Bauern ihm ihr Land verkaufen müssen. Zugleich verfolgen Gendarmen den Aufsässigen durch Sümpfe, Höhlen und verschneite Felsen. Memed will Hatçe befreien und Abdi Ağa zur Rechenschaft ziehen.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht die Vorgeschichte des Jungen. Abdi Ağa ist Herr über fünf Dörfer und hat das Land der verarmten Bauern nach und nach an sich gebracht. Zwei Drittel des Ertrags gehen an ihn, im Winter müssen manche betteln. Im Dorf Değirmenoluk lebt Döne, die Witwe Ibrahims, allein mit ihrem halbwüchsigen Sohn. Ince Memed pflügt für Abdi mit einem Ochsengespann Distelland um und wird bei Unzufriedenheit des Ağas geschlagen. Eines Tages läuft er weg und kommt beim gutmütigen Süleyman im Nachbardorf Kesme unter, wo er Ziegen hütet. Abdi Ağa erfährt davon und holt ihn zurück. Weil die Mutter die Arbeit während seiner Abwesenheit nicht allein bewältigte und sich von Abdis Tagelöhnern helfen lassen musste, steigen die Abgaben, und sie muss ihre Kuh verkaufen.
Mit dem siebten Kapitel beginnt die Haupthandlung. Memed ist achtzehn und arbeitet neben dem gepachteten Land der Mutter als Tagelöhner. Er liebt Hatçe, die ihm Liebesbotschaften in gestrickte Strümpfe schickt. Um ihr ein Geschenk zu kaufen, wandert er mit seinem Freund Mustafa in die Stadt und entdeckt dabei eine Welt ohne Ağas. Er träumt von einem selbständigen Leben mit Hatçe. Doch ihre Eltern versprechen sie Veli, dem Neffen Abdi Ağas, und verbieten ihr den Umgang mit dem Freund. In einer Nacht bei Dauerregen fliehen die beiden ins Gebirge und verbringen die erste gemeinsame Nacht in einer Höhle.
Am frühen Morgen wird ihr Verschwinden bemerkt. Abdi Ağa verprügelt Döne, stellt mit dem Bräutigam eine Suchmannschaft zusammen und findet die Flüchtenden mit Hilfe des Spurensuchers Ali. Als man Memed festnehmen will, schießt er auf den Ağa und auf Veli und entkommt. Den schwer verletzten Abdi, Velis Leiche und Hatçe bringt man ins Dorf zurück. Für die Demütigung rächt sich der Ağa: Er besticht Männer der Suchmannschaft zur Falschaussage, Hatçe habe ihren Verlobten erschossen. Sie wird verhaftet und in der Stadt eingesperrt. Döne stirbt in der Folge aus Gram.
Memed rettet sich zu Süleyman nach Kesme, und dieser bringt ihn zur Bande des Räubers Deli Durdu ins Gebirge, wo er sich vor der Polizei verstecken kann. Die sadistischen Grausamkeiten Durdus stoßen ihn ab, doch er muss an den Überfällen teilnehmen. Gendarmen umzingeln und beschießen die Bande. Nach dem geglückten Ausbruch finden Memed und sein Freund Cabbar Zuflucht bei Yürüken-Nomaden. Zurück bei der Bande erzählen sie von der gastfreundlichen Bewirtung und vom Reichtum der Nomaden, worauf Durdu einen Überfall plant. Zum ersten Mal lehnt Memed sich gegen den Bandenchef auf. Zwei Kameraden schließen sich ihm an, es kommt zum Kugelwechsel. Den Raub können sie nicht verhindern, doch sie beschützen die Nomaden und vertreiben Durdu. Die drei bilden nun eine eigene kleine Gruppe und verschonen, anders als zuvor, die Armen.
Als sich die Nachricht von Memeds Räuberleben herumspricht, bekommt Abdi Angst und verschwindet aus dem Dorf. Memed, Cabbar und Recep verfolgen ihn und finden ihn bei seinem Verwandten Hüseyin im Dorf Aktozlu. Sie fordern die Auslieferung, Abdi verteidigt sich mit Schüssen, und die Räuber stecken das Haus in Brand. Das Feuer greift auf das ganze Dorf über und zerstört es. Die drei glauben, Abdi sei verbrannt. Doch er entkommt, versteckt in einem Teppich, den eine Frau aus dem brennenden Haus zieht. Wütende Bauern und Gendarmen verfolgen die Räuber durch die Sümpfe, diese aber retten sich in die Berge. In Değirmenoluk verkünden sie den vermeintlichen Tod des Ağas und rufen die Bauern auf, das Land wieder an sich zu nehmen und als freie Bauern zu bewirtschaften. Einige folgen begeistert, andere fürchten die Rache des Ağas.
Abdi findet Schutz beim reichen Ali Safa Bey in Karadut. Der nutzt für den Aufbau seines Grundbesitzes die Überfälle der Räuberbanden aus. Er arbeitet mit Osman dem Verzinner zusammen und nach dessen Tod mit dem schwarzen Ibrahim und stiftet sie an, Bauern auszurauben. Verarmt müssen diese ihr Land verkaufen und bei ihm als Tagelöhner arbeiten. So ist er Herr über viele Dörfer der Çukurova geworden. Als Gegenleistung für die Ermordung Memeds soll Abdi ihm bei der weiteren Vermehrung seines Besitzes helfen. Osman der Verzinner denkt sich eine List aus und lockt Memed mit Hilfe eines alten Bekannten in einen Hinterhalt. Memed aber ist misstrauisch und tötet Osman im Schusswechsel. Dieses bestandene Abenteuer steigert seinen Ruf als Bauernbefreier ins Heldenhafte. Viele verstecken ihn und versorgen ihn mit Lebensmitteln und Munition.
Beim nächsten Vorhaben, der Befreiung Hatçes, helfen ihm neben dem Spurensucher Ali der Lahme vor allem der rüstige achtzigjährige Osman der Mächtige. Als Hatçe und ihre Mitgefangene Iraz ins Gefängnis nach Kozan gebracht werden sollen, überfällt Memed die Eskorte und flieht mit den Frauen ins Gebirge. Mühsam erreichen sie eine Höhle im schwer zugänglichen felsigen Alidağ. Sergeant Asim fahndet mit einer ganzen Polizeiabteilung nach ihnen, unterstützt von Ibrahim und dessen Horde. Herbst und Winter hindurch durchsucht er die Gegend und verhört die Bauern brutal. Schließlich führen Spuren im Schnee zur Höhle. Es kommt zu einem langen Gefecht, bis Memed keine Munition mehr hat und sich ergibt. Als der Sergeant bei der Verhaftung Hatçe mit ihrem neugeborenen Jungen entdeckt, bricht er aus Mitleid ab, zieht sich mit seiner Abteilung zurück und meldet den Misserfolg.
Ali Safa und Abdi suchen nun Unterstützung bei der Regierung in Ankara. Diese verlangt vom Landrat ein energisches Vorgehen gegen die Räuberbanden. Hauptmann Faruk ersetzt Asim, verstärkt den Druck auf die Bevölkerung und greift das Versteck an. Memed wehrt sich wild, verletzt den Hauptmann und zwingt dessen Truppe zum Rückzug. Beim Schusswechsel wird Hatçe getötet. Memed bringt sein Kind ins Dorf und gibt es der mütterlichen Freundin Iraz in Pflege. Dann macht er sich auf den Weg in die Kreisstadt, erschießt Abdi in dessen Haus und flüchtet in Richtung des Alidağ.
Stil↑
Kennzeichnend für dieses Buch ist eine Erzählweise, die aus der mündlichen Überlieferung der Volksepen, der Märchen und Lieder schöpft und von Mythen und Legenden durchsetzt ist. Gelobt wurde die Sprache der großen Balladen, in der alle erdenklichen Schattierungen von Freude, Hoffnung und Verzweiflung, von Mut und Niedergeschlagenheit, von Trotz und Ergebung an den Gestalten vorüberziehen. Ein Rezensent nannte dies eine „Kunst des Erzählens, die mit westlichen Begriffen kaum umschrieben werden kann: eine originale Epik, die eine neue Welt der Begriffe, Vorstellungen und Moralgesetze eröffnet.“ Ein anderer sprach von einem Gesang, „kraftvoll und elegisch zugleich, märchenhaft auch und durchsetzt mit Anklängen an so viele alte Sagen, die an den Lagerfeuern gesungen wurden – als es diese Feuer noch gab.“
Zugleich ist der Roman eng an eine bestimmte Landschaft und deren Menschen gebunden: an die Çukurova. Wie viele bedeutende Autoren blieb Kemal dieser Gegend verpflichtet. Er verband das erzählte Geschehen mit dem, was er dort früh erfahren hatte: die Verschandelung der Natur sowie die Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern durch die Großgrundbesitzer. So sind seine Werke nicht nur moderne Epen, sondern zugleich Zeitdokumente epochaler Verwandlungen in Natur und Gesellschaft.
Rezeption↑
Zum erfolgreichsten Werk seines Verfassers wurde dieser Roman schon bald nach dem Erscheinen. Kemal wurde damit auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei, und ihm gelang der Durchbruch in die internationale Literatur. Inzwischen liegt das Buch in über vierzig Sprachen vor. 1955 erhielt Kemal den Varlık-Preis, den höchsten Literaturpreis der Türkei. Für diesen und andere Romane wurde er mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.
Auch später blieb die Wertschätzung hoch. 1993 nahm die Bertelsmann-Jahrhundert-Edition das Buch auf, die hundert große Werke des 20. Jahrhunderts würdigte. Das Buch der 1000 Bücher des Harenberg-Verlags zählte es 2002 aufgrund seiner Wirkung zu den tausend kulturgeschichtlich bedeutsamsten Büchern der Weltliteratur. 2017 wählte eine hundertköpfige Jury unter der Leitung von Hürriyet Pazar den Roman auf Platz eins der Liste der „100 besten Romane der türkischen Literatur aller Zeiten“.
Dem Buch wird nachgesagt, es habe jenen oppositionellen Strömungen Auftrieb gegeben, die 1960 einen Umsturz in der Türkei herbeiführten. In einem Nachruf wurde Kemal als eine „Instanz des menschlichen und gesellschaftlichen Gewissens“ bezeichnet. Er habe sich immer wieder kritisch „zu brennenden Fragen seiner Nation, wie Umwelt, Menschenrechte und Kurden“ zu Wort gemeldet und diese Themen in seinen Romanen verarbeitet. So habe er sich „zum renommiertesten Romancier der türkischen Sprache seiner Generation“ entwickelt und sei früh zu internationalem Ruhm gelangt.
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