1963
Requiem
Überblick↑
Das Poem Requiem gehört zu den bekanntesten Werken der russischen Dichterin Anna Achmatowa. Es entstand über viele Jahre in der Zeit des stalinistischen Terrors. Achmatowa gibt darin der Trauer jener Frauen eine Stimme, die vor den Gefängnismauern auf ein Lebenszeichen ihrer verhafteten Söhne und Männer warteten. Der Titel verweist auf die Totenmesse: Das Werk ist eine Klage um die Verfolgten und zugleich ein stiller Einspruch gegen die Gewalt jener Jahre. In der Sowjetunion durfte es lange nicht gedruckt werden. Sein vollständiger Text erschien zuerst im Ausland, während er in der Heimat heimlich abgeschrieben und weitergereicht wurde.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Den Hintergrund des Werks bilden die Jahre der stalinistischen Verfolgung. Vor den Mauern der Gefängnisse stehen Frauen in endlosen Schlangen. Sie wollen verhafteten Angehörigen ein Päckchen übergeben und hoffen auf eine Nachricht. Mütter, Ehefrauen und Bräute warten dort Stunde um Stunde, ohne zu wissen, ob die Männer und Söhne noch leben.
Aus dieser Erfahrung heraus spricht das Poem. Es ist die Klage einer Frau, die selbst in dieser Schlange gestanden hat. Zugleich weitet sich ihre Stimme zur Klage aller Leidenden. Ein kurzes Vorwort in Prosa und eine Widmung leiten die Verse ein. Was folgt, ist keine fortlaufende Geschichte, sondern eine Reihe von Gedichten. Sie umkreisen das Warten, die Angst und den Schmerz in immer neuen Bildern. Der Titel Requiem gibt den Ton vor – getragen, ernst und feierlich wie ein Trauergesang.
Die Handlung im Detail↑
Hinter dem Werk steht Achmatowas eigenes Schicksal. Während des Terrors wurde ihr Sohn mehrfach verhaftet. Um ihm ein Päckchen zu bringen, stand die Dichterin oft siebzehn bis neunzehn Stunden in der Schlange vor dem Untersuchungsgefängnis »Kresty«. Dort, im Gedränge der wartenden Frauen, arbeitete sie an den Versen weiter. Aus dieser Erfahrung wuchs das Poem.
Der Aufbau folgt dem Bogen einer Totenmesse. Zunächst hatte Achmatowa einen Zyklus einzelner Gedichte geplant und ihn später zu einem einzigen Poem zusammengefügt. Am Anfang steht ein kurzes Vorwort in Prosa, danach eine Widmung. Die ersten beiden Kapitel bilden den Prolog.
Es folgen mehrere Kapitel, in denen verschiedene Frauenstimmen aus unterschiedlichen Zeiten sprechen. Eine Stimme gehört einer Mutter aus der Zeit des Strelizen-Aufstands, eines fernen Aufruhrs in der russischen Geschichte. Eine andere Passage klingt wie aus einer Tragödie Shakespeares. Schließlich meldet sich Achmatowas eigene Stimme aus den Jahren um 1910. So verbindet das Werk das persönliche Leid mit dem Leid der Mütter aller Zeiten.
Die Mitte des Poems bildet den Höhepunkt. Hier steigert sich das Leiden der Sprecherin bis zum Äußersten. Ein Abschnitt trägt den Titel »Das Urteil« – der Augenblick, in dem der Spruch über den Gefangenen fällt. In einem weiteren Abschnitt, »Kreuzigung«, hebt Achmatowa den Schmerz der Mutter in ein biblisches Bild. Sie greift die Worte des gekreuzigten Christus an seine Mutter auf und stellt die trauernde Frau neben die Gottesmutter unter dem Kreuz.
Gegen Ende wenden sich mehrere Gedichte dem Gedächtnis zu – dem Erinnern an die Toten und an die Wartenden. Den Abschluss bilden die letzten beiden Kapitel, der Epilog. Sie treten aus der ganz persönlichen Klage heraus. Die Stimme spricht nun für alle Frauen, die vor den Gefängnissen gestanden haben, und bewahrt ihr Andenken.
Stil↑
Der Aufbau folgt dem Vorbild einer Totenmesse und trägt schon im Titel deren feierlichen Ernst. Das Werk ist aus einzelnen Gedichten zusammengesetzt, die Achmatowa zu einem größeren Ganzen fügte. Ein Prosa-Vorwort, eine Widmung, ein Prolog und ein Epilog rahmen die Verse.
Prolog und Epilog heben sich vom übrigen Text ab. Sie neigen zur Verallgemeinerung und zum Epischen, während der Mittelteil ganz von lyrischer Empfindung getragen ist. Bemerkenswert ist der Wechsel der Stimmen: Mütter aus verschiedenen Jahrhunderten kommen zu Wort, und ihre Klagen verschmelzen zu einem gemeinsamen Chor. Kirchliche und biblische Bilder – die Totenmesse, die Kreuzigung, die Gottesmutter – geben dem persönlichen Leid einen überzeitlichen Rahmen.
Die Sprache ist von großer Schlichtheit. Achmatowa verwendet scheinbar gewöhnliche Worte, die doch mit der Wucht eines Grabgeläuts nachhallen. Gerade aus dieser Einfachheit gewinnt das Poem seine erschütternde Kraft.
Rezeption↑
Die Entstehung des Werks reicht bis in die 1930er Jahre zurück. Seine Verbreitung war lange lebensgefährlich. Achmatowa arbeitete besonders zwischen 1938 und 1940 an den Versen. Gegen Ende der 1950er Jahre kehrte sie noch einmal zu ihnen zurück. Sie las die Verse oft nur vertrauten Menschen vor – unter ihnen Lidija Tschukowskaja – und verbrannte sie danach wieder. So lebte das Werk zunächst allein im Gedächtnis weniger Eingeweihter.
In den 1960er Jahren begann Requiem im sogenannten Samisdat zu kursieren, in heimlich abgetippten Abschriften. 1963 gelangte eine solche Abschrift ins Ausland. Dort wurde der Text in München erstmals vollständig gedruckt. Die Ausgabe erschien ausdrücklich ohne Wissen und Zustimmung der Dichterin. Der Schriftsteller Boris Saizew berichtete in der Zeitung »Russkaja Mysl« über das schmale Bändchen von dreiundzwanzig Seiten, das ihn aus München erreichte. Er hatte Achmatowa einst als heitere Dichterin gekannt und war erschüttert, welch bitteres Schicksal ihr das Leben nun auferlegt hatte. Ihre Klage, schrieb er, gelte nicht nur ihr selbst, sondern allen leidenden Müttern, Ehefrauen und Bräuten.
In der Sowjetunion selbst konnte der vollständige Text erst spät erscheinen. Erst 1987, in der Zeit der Perestroika, wurde er in den Zeitschriften »Oktjabr« und »Newa« abgedruckt. Heute gehört das Poem zum festen Bestand des russischen Schulunterrichts.
Auch Komponisten hat das Werk immer wieder angezogen. Boris Tischtschenko vertonte es 1966 für Singstimmen und Orchester. Der englische Komponist John Tavener schuf 1980 ein Werk auf Achmatowas Text. Jelena Firsowa schrieb eine Vertonung für Sopran, Chor und Orchester, die 2003 in Berlin mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Weitere Vertonungen folgten, bis in die Gegenwart und bis in die populäre Musik hinein.
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