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Autoreneintrag · Anna Andrejewna Achmatowa
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Porträt Anna Andrejewna Achmatowa
Anna Andrejewna Achmatowa
1889 – 1966
– Autorenporträt –

Anna Andrejewna Achmatowa

1889 – 1966 · 76 Jahre

Seele des Silbernen Zeitalters der russischen Dichtung, die im Gedichtzyklus „Requiem" eine Sprache für den stalinistischen Terror fand.

Kurzporträt

Anna Andrejewna Achmatowa gilt als eine der bedeutenden Dichterinnen des russischen 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1889 bei Odessa geboren und starb 1966 bei Moskau. Man nennt sie die Seele des Silbernen Zeitalters der russischen Literatur. Sie zählte zu den zentralen Vertretern des Akmeismus, einer Dichterbewegung. Diese setzte der entrückten Bildwelt des Symbolismus eine klare, diesseitige Sprache entgegen. Ihre frühen Liebesgedichte machten sie früh bekannt. Ihr späteres Werk steht im Schatten der stalinistischen Herrschaft. Unter ihr hatte sie Schreibverbot, ihr Sohn und ihr Mann wurden inhaftiert, und viele ihrer Freunde kamen ums Leben. In dem Gedichtzyklus Requiem fand sie eine Sprache für den Terror dieser Jahre.


Biografie

Anna Gorenko wurde am 23. Juni 1889 im Dorf Bolschoi Fontan bei Odessa geboren. Sie war das dritte von sechs Kindern eines Marine-Ingenieurs. Ihr Vater Andrey Gorenko stammte aus einer adligen ukrainischen Kosakenfamilie. Ihre Mutter Inna Stogova kam aus einer wohlhabenden russischen Landbesitzerfamilie. 1890 übersiedelte die Familie nach Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg. Dort wuchs Anna in privilegierter Umgebung auf. Die Sommer verbrachte sie meist bei Sewastopol am Schwarzen Meer. Ihre ersten Gedichte schrieb sie mit elf Jahren. Da ihr Vater um seinen guten Ruf fürchtete, dichtete sie nicht unter dem Namen Gorenko. Als Pseudonym wählte sie den Namen ihres bulgarischen Urgroßvaters Chan Achmat. Wie Puschkin neunzig Jahre vor ihr besuchte sie das exklusive Lyzeum von Zarskoje Selo. Ihr Verhältnis zu diesem Dichter zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.

Nachdem sich die Eltern 1905 getrennt hatten, lebte sie ein Jahr mit Mutter und Geschwistern in Jewpatorija auf der Krim. Die Schule beendete sie am Kiewer Funduklejew-Gymnasium. Von 1907 bis 1910 studierte sie in Kiew in „Höheren Frauenkursen" Jura. Sie interessierte sich aber mehr für Rechtsgeschichte und Latein als für die juristischen Fachthemen. 1910 heiratete sie den Dichter Nikolai Gumiljow, den sie seit der Schulzeit kannte. Gemeinsame Reisen führten nach Paris und Italien. Dort traf sie den Künstler Modigliani, dessen Zeichnungen von ihr später berühmt wurden.

Mit Gumiljow und Ossip Mandelstam wurde Achmatowa zur zentralen Vertreterin des Akmeismus. Nach der Rückkehr nach Sankt Petersburg studierte sie Literaturgeschichte. Sie schrieb die Gedichte ihres ersten Bandes Abend (1912), vor allem Liebesgedichte über Trennung und Kummer. Im Oktober 1912 wurde ihr einziger Sohn Lew geboren. 1914 erschien der zweite Band Rosenkranz. Er wurde trotz des beginnenden Weltkriegs ein großer Erfolg und enthielt das Gedicht Für Alexander Blok. Der nächste Band, Die weiße Schar, fiel 1917 in die unruhige Zeit der Revolution. Das schmälerte seinen Verkauf.

Nach der Oktoberrevolution arbeitete sie als Bibliothekarin am Landwirtschaftlichen Institut. Von 1922 bis 1940 wurden ihre Gedichte nicht mehr gedruckt, da sie den Machthabern als zu privat galten. In der Sowjetenzyklopädie hieß es, sie seien mit religiös-mystischen und erotischen Motiven überladen. Ältere Werke kursierten nur im Untergrund. Von Gumiljow hatte sie sich 1918 scheiden lassen. Er wurde 1921 wegen angeblich konterrevolutionärer Aktivitäten erschossen. Es folgte eine kurze Ehe mit dem Assyriologen Wladimir Schileiko und ab 1926 das Zusammenleben mit dem Kunsthistoriker Nikolai Punin. Oft lebte Achmatowa buchstäblich von Brot und Tee, ohne ihren Stil aufzugeben.

In den 1930er Jahren wurden sowohl ihr Sohn Lew als auch Punin mehrfach verhaftet. Lew verbrachte insgesamt anderthalb Jahrzehnte in Lagerhaft. Endgültig entlassen wurde er erst im April 1956, drei Jahre nach Stalins Tod. Punin starb 1953 im Arbeitslager Workuta. Während der Inhaftierung ihres Sohnes stand Achmatowa lange in den Warteschlangen vor dem Gefängnis. In dieser Zeit begann sie Requiem, ein Klagelied gegen den Stalin-Terror. Freunde verschwanden, darunter Mandelstam, der 1938 in einem Lager bei Wladiwostok starb. Die Dichterin Marina Zwetajewa hatte Achmatowa als „Anna von ganz Russland" geehrt. Sie nahm sich 1941 das Leben.

Ihre Bücher erschienen seit Jahren nicht, doch Achmatowa blieb so populär, dass es um den 1940 zugelassenen Band Aus sechs Büchern in den Läden zu Prügeleien kam. Die Drucklegung geschah auf persönlichen Befehl Stalins. Bei Ausbruch des Krieges lebte sie in Leningrad. Nach Beginn der deutschen Blockade 1941 wurde sie nach Taschkent ausgeflogen, wo sie Verwundeten Gedichte vortrug. 1942 erschien ihr patriotisches Gedicht Tapferkeit sogar in der Prawda. Im Juni 1944 kehrte sie nach Leningrad zurück. 1946 schloss man sie als Vertreterin eines „ideenlosen reaktionären Sumpfes" aus dem Schriftstellerverband aus. Der Kultursekretär Andrei Schdanow brandmarkte sie öffentlich. Mitverantwortlich war aus ihrer Sicht ihre kurze Begegnung mit dem englischen Philosophen Isaiah Berlin 1945/46. In den folgenden Jahren arbeitete sie überwiegend an Übersetzungen, unter anderem von Victor Hugo, Rabindranath Tagore und Giacomo Leopardi.

Nach Stalins Tod wurde sie schrittweise rehabilitiert und 1958 wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen. An ihrem Versepos Poem ohne Held hatte sie 22 Jahre gearbeitet; es gilt als ihr wichtigstes Werk. Es erschien 1960/61 in einem New Yorker Almanach und 1963 in Russland. 1964 nahm sie in Taormina auf Sizilien den Ätna-Taormina-Preis an. 1965 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford und war für den Literaturnobelpreis nominiert. Am 5. März 1966, dem 13. Jahrestag von Stalins Tod, starb sie in einem Erholungsheim in Domodedowo bei Moskau. Requiem durfte in der Sowjetunion erst 1987 erscheinen. Ihr Grab liegt in der Siedlung Komarowo unweit von Sankt Petersburg.


Literarische Merkmale

Achmatowas Dichtung ist knapp und lakonisch. Sie ist vom Akmeismus geprägt, der dem Symbolismus eine eigene Poesie jedes „irdischen Dings" und eine entschiedene Diesseitigkeit entgegensetzte. Während die Symbolisten über Weiblichkeit, Schönheit und das Metaphysische sinnierten, wählte Achmatowa eine einfache, prägnante Sprache. In ihren Versen verwendete sie Alltagssprache, in der Gefühle nur gestisch angedeutet werden. Ein linker Handschuh, der versehentlich auf die rechte Hand gestreift wird, genügt schon. Er drückt Verzweiflung und Verwirrung einer Frau aus, die äußerlich ruhig bleibt. Das Innere zeigt sich im beiläufigen Detail.

Kennzeichnend ist außerdem ihre Metonymietechnik. Ohne eine Sache beim Namen zu nennen, macht sie durch typische Eigenschaften und Gegenstände klar, wer und was gemeint ist. So spielt sie in einem frühen Gedicht auf den jungen Puschkin an, ohne Lyzeum und Dichter zu benennen. Ihre dichterischen Wurzeln fand sie neben Puschkin bei Innokenti Annenski, einem Vorläufer der Akmeisten, sowie beim französischen Symbolisten Verlaine und beim jungen Majakowski.

Im Spätwerk wurde ihre Bauweise komplexer. In Poem ohne Held arbeitete sie mit verschlungenen strukturellen und zeitlichen Verschlüsselungen. Diese machten einerseits ihren persönlichen Stil aus. Andererseits dienten sie in einer Zeit der Zensur dem Selbstschutz. Der zuständige Redakteur gab Schwierigkeiten beim Verstehen offen zu. Dieselbe Dichterin konnte auch ganz schlicht sein. Das zeigte ihr Kriegsgedicht Tapferkeit. Der Schriftsteller Lew Kopelew empfand das „schlichte, klare Gedicht" als vernehmlicher als alle trommelnden und donnernden Kriegsverse.


Rezeption

Anna Achmatowa wird in Russland auch deshalb verehrt, weil sie eine Sprache fand, die den Terror der Stalin-Jahre in Worte fasste. Schon zu Lebzeiten war sie so populär, dass es um einen zugelassenen Band zu Prügeleien kommen konnte. Ihr dichterischer Einfluss auf jüngere Kollegen zeigte sich laut dem Material insbesondere bei Joseph Brodsky. Nach ihrem Tod nannten die Moskauer Zeitungen sie in den Nachrufen eine überragende Schriftstellerin und Lyrikerin.

Über Russland hinaus wirkte sie vor allem auf Ingeborg Bachmann, die sie sehr bewunderte. Bei der Verleihung des Premio Etna-Taormina am 12. Dezember 1964 trug Bachmann ihr das Gedicht Wahrlich vor, das sie ihr gewidmet hatte. Wie wichtig ihr Achmatowa war, zeigt auch Bachmanns Entscheidung von 1967, sich vom Piper Verlag zu trennen. Es war ein Protest dagegen, dass der Verlag Achmatowas Gedichte vom ehemaligen HJ-Führer Hans Baumann hatte übersetzen lassen.

Ehrungen erreichten sie erst spät. 1964 kam der Ätna-Taormina-Preis in Taormina. 1965 folgten die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford und eine Nominierung für den Literaturnobelpreis. 1962 wünschte der amerikanische Dichter Robert Frost bei seinem Russland-Besuch eigens, ihr vorgestellt zu werden. Die Veröffentlichung von Requiem 1987 wurde als Ergebnis der Perestroika gefeiert. 1982 benannten zwei Astronominnen ihr zu Ehren den Kleinplaneten 3067 Akhmatova. 2018 wurde sie im Frauen-Bildungskanon von Sibylle Berg, Simone Meier und anderen als Beispiel genannt.

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