Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Poem ohne Held
Eingang · Werke · Poem ohne Held
Cover Poem ohne Held
Poem ohne Held
1967
– Werkseintrag –

Poem ohne Held

1967 · Lyrik

In einem nächtlichen Maskenzug kehren die verschwundenen Freunde eines ganzen Zeitalters wieder: So beschwört Anna Achmatowa in ihrer vielschichtigen Versdichtung das untergegangene Petersburg von 1913 und klagt um seine Toten.

Überblick

Zu den bedeutendsten Dichtungen von Anna Achmatowa zählt Poem ohne Held, eine als Triptychon angelegte Versnovelle. Vielfach gilt sie als ihr Hauptwerk. Mit der Niederschrift begann Achmatowa 1949, nach anderen Angaben bereits 1940, im Weißen Saal des Fontänenhauses in Leningrad – der Stadt, die bis 1924 und seit 1991 wieder Sankt Petersburg heißt. Über mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete sie an dem Text, ehe sie ihn 1963 vollendete; einige Quellen nennen 1962. Das Werk ist eine Totenklage für die Menschen, die in dieser Stadt starben und verschwanden, und zugleich eine Beschwörung des alten Petersburg.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz des ersten Teils ist das Petersburg des Jahres 1913 – eine untergegangene Welt kurz vor den großen Umbrüchen. In der Nacht erscheint der Dichterin im Fontänenhaus ein Zug maskierter Gestalten, ein Karnevalszug wie aus einer fernen Zeit. Hinter den Masken verbergen sich Freunde und Bekannte aus dem alten Petersburg, eine ganze Generation, die längst verschwunden ist. So wird das Werk zur Erinnerung an die Toten und an eine Stadt, deren Glanz die Geschichte hinweggefegt hat. Der Text ist in drei Teile gegliedert und reich an versteckten Anspielungen auf andere Dichter und ihre Werke. Wer die Verse liest, folgt weniger einer Handlung als einem Reigen von Schatten und Stimmen.

Die Handlung im Detail

Der Aufbau folgt der Form eines Triptychons, also eines dreiteiligen Altarbildes. Dem eigentlichen Text sind ein Wort „statt eines Vorwortes", mehrere Widmungen und eine Einleitung vorangestellt.

Der erste Teil trägt den Titel „Das Jahr Neunzehnhundertunddreizehn" und den Untertitel „Eine Petersburger Novelle". Er gliedert sich in vier Kapitel, ein Intermezzo im Treppenhaus und ein Nachwort. Hier tritt der nächtliche Karnevalszug auf: In das Fontänenhaus, die Wohnung der Dichterin, drängt eine Schar maskierter Gestalten. Es sind die Freunde und Bekannten aus dem Petersburg von 1913, eine Generation, welche die Geschichte hinter sich gelassen hat und die nun als Schatten wiederkehrt. Als Motto über das dritte Kapitel setzte Achmatowa Verse ihres Freundes Ossip Mandelstam, den sie ihren „Zwilling" nannte, aus dessen Gedicht Tristia von 1922.

Der zweite Teil heißt „Kehrseite" und besteht aus einundzwanzig Strophen. Er wendet sich gleichsam auf die Rückseite des Bildes und lässt die Dichterin über das eigene Werk und dessen Entstehung nachdenken.

Der dritte Teil, der „Epilog", führt aus der versunkenen Welt von 1913 in die Gegenwart. Das Poem ist hier auch ein Lied der Auferstehung: Es hält jene geistige Kraft fest, die den Menschen der Stadt erlaubte, die Sowjetmacht zu überdauern und einander in Petersburg wiederzufinden. So spannt sich der Bogen von den Toten des alten Petersburg zu den Überlebenden.

Stil

Als Versnovelle verbindet das Werk erzählende und lyrische Züge. Schon der Titel verzichtet auf einen Helden: Nicht ein einzelnes Schicksal, sondern eine ganze Generation steht im Mittelpunkt. Das bestimmende Bild ist die Maske – der Karnevalszug lässt die Toten verkleidet auftreten, und hinter jedem Gesicht verbirgt sich eine Anspielung. Der Text ist dicht mit Zitaten und Verweisen auf andere Dichter durchsetzt, sodass sich zahlreiche Gelehrte an seiner Deutung versucht haben. Kunstvoll ist auch der Rahmen: mehrere Widmungen, das Wort „statt eines Vorwortes" und eine Einleitung führen in die Dichtung hinein. Zu einzelnen Ausgaben fügte Achmatowa „Anmerkungen des Redakteurs" hinzu – Erläuterungen, die sie selbst verfasste, aber einer erfundenen Redakteursstimme in den Mund legte. Der zweite Teil, die „Kehrseite", tritt aus der Erzählung heraus und spricht über das Gedicht selbst.

Rezeption

Über Jahrzehnte blieb das Werk unvollendet und ungedruckt. Zu Lebzeiten der Dichterin erschienen in der Sowjetunion nur kleine Auszüge, und die erste Fassung überarbeitete sie immer wieder. Eine vollständige Ausgabe kam erst 1967 in New York heraus. In Russland selbst wurde das Poem sogar erst 1974 ganz veröffentlicht. Dennoch – oder gerade deshalb – gilt es vielfach als Höhepunkt ihres Schaffens. Schon 1945 hatte der Philosoph Isaiah Berlin die Dichterin im Fontänenhaus daraus vorlesen hören. Orlando Figes würdigt das Werk in seiner Kulturgeschichte Russlands Nataschas Tanz. Im deutschen Sprachraum haben sich mehrere Übersetzer an dem schwierigen Text versucht; zweisprachige Ausgaben erschienen bei Reclam in Leipzig, und 2001 legte Alexander Nitzberg eine neue Übertragung vor.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten