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Porträt Chinua Achebe
Chinua Achebe
1930 – 2013
– Autorenporträt –

Chinua Achebe

1930 – 2013 · 82 Jahre

Nigerianischer Erzähler, dessen Roman „Things Fall Apart“ die moderne afrikanische Literatur begründete – 2002 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Kurzbiografie↑

Chinua Achebe war ein nigerianischer Schriftsteller, der auf Englisch schrieb und als einer der Väter der modernen afrikanischen Literatur gilt. Geboren 1930 in Ogidi, wuchs er in einer Igbo-Familie auf und arbeitete lange beim nigerianischen Rundfunk, bevor er als Hochschullehrer in Nigeria und den USA tätig wurde. Sein erster Roman Things Fall Apart von 1958 erzählt vom Leben der Igbo im späten 19. Jahrhundert und von den Folgen der christlichen Mission und der Kolonialherrschaft; er gilt heute als Meilenstein der afrikanischen Literatur. Achebes Bücher wurden in rund fünfzig Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2007 den Man Booker International Prize. Er starb 2013 in Boston.


Biografie↑

Als fünftes von sechs Kindern kam Chinua Achebe am 16. November 1930 in Ogidi in Nigeria zur Welt; sein voller Name lautete Albert Chinụalụmọgụ Achebe. Die Familie gehörte den Igbo an, der Vater arbeitete als evangelikaler Katechist. In den 1930er Jahren besuchte Achebe eine Missionsschule in seinem Heimatort. Später wechselte er auf das Government College in Umuahia, eine Eliteschule. Ab 1948 studierte er am University College von Ibadan Anglistik, Geschichte und Theologie und schloss das Studium 1953 ab.

Nach einer Ausbildung zum Rundfunkjournalisten bei der British Broadcasting Corporation kehrte er nach Nigeria zurück. Von 1954 an arbeitete er zwölf Jahre lang für die Nigerian Broadcasting Corporation, zunächst in Lagos. Ab 1958 leitete er deren Büro in der östlichen Region des Landes in Enugu. Im selben Jahr erschien in London sein erster Roman Things Fall Apart, rund zweihundert Seiten stark. Ebenfalls 1958 lernte er bei der NBC Christiana Chinwe Okoli kennen, die er heiratete. Das Paar bekam vier Kinder: die Tochter Chinelo, die Söhne Ikechukwu und Chidi sowie die Tochter Nwando. Nwando Achebe wurde Historikerin und lehrt als Professorin für afrikanische Geschichte an der Michigan State University.

In rascher Folge erschienen weitere Romane: No Longer at Ease 1960, Arrow of God 1964 und A Man of the People 1966. Im selben Jahr kam auch sein erstes Kinderbuch Chike and the River heraus.

Während des nigerianischen Bürgerkriegs stellte sich Achebe auf die Seite Biafras. Zwischen 1967 und 1970 reiste er als Sonderbotschafter in die USA und nach Europa. In diese Jahre fallen auch seine Gedichtbände Beware, Soul-Brother, and Other Poems von 1971 und Christmas at Biafra, and Other Poems von 1973. Zwei Jahre nach der Niederlage der Streitkräfte Biafras nahm er eine Professur an der University of Massachusetts in Amherst an, die er von 1972 bis 1976 innehatte. 1972 erhielt er gemeinsam mit George McWhirter den ersten Commonwealth Poetry Prize.

1975 hielt Achebe an der Universität von Massachusetts eine Rede, in der er das Afrikabild in Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis scharf angriff. Der Vortrag wurde als Essay unter dem Titel An Image of Africa gedruckt. Zunächst erntete Achebe dafür viel Kritik. Er betonte, es gehe ihm um die fortlaufende Auseinandersetzung mit dem Werk, und verwahrte sich gegen die Unterstellung, er habe die Lektüre unterbinden wollen.

Von 1976 bis 1990 lehrte Achebe als Professor für Literatur an der Universität von Nsukka. 1979 eröffnete er in West-Berlin das erste Horizonte-Festival der Weltkulturen. An einer Reihe britischer und amerikanischer Universitäten war er Gastprofessor. 1984 erschien der Essayband The Trouble With Nigeria, 1988 der Roman Anthills of the Savannah.

1990 erlitt er bei einem Autounfall in Lagos schwere Verletzungen und war von der Hüfte abwärts gelähmt. Von da an bewegte er sich im Rollstuhl. Nach dem Unfall ging er in die USA. Mehr als fünfzehn Jahre lang lehrte er am Bard College in Annandale-on-Hudson im Staat New York, ab 2009 an der Brown University.

Achebe stand Autoritäten und Vaterfiguren skeptisch gegenüber. Er äußerte sich kritisch zur Politik, zur Wirtschaft und zur Lage der Menschenrechte in seinem Heimatland. 2011 lehnte er zum wiederholten Mal den staatlichen Titel eines Commander of the Federal Republic ab, aus Protest gegen die anhaltende Korruption in Nigeria. Ein Jahr darauf erschien sein Buch There was a Country.

Am 21. März 2013 starb Chinua Achebe nach kurzer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Boston.


Literarische Merkmale↑

Auf der Erzähltradition seiner Heimat baute Achebe einen eigenen Stil auf. Europäische Literaturkonventionen ließ er dabei bewusst beiseite, nigerianische Erzählungen dagegen arbeitete er in seine Romane ein. Er schrieb durchweg auf Englisch. Über den Zweck des Erzählens hat er sich klar geäußert: Nach seinen eigenen Worten „sollte jede gute Geschichte, jeder gute Roman, eine Botschaft enthalten, einen Zweck haben“.

Wie das aussieht, zeigt Things Fall Apart. Der Bildungsroman schildert in realistischer Erzählweise zunächst das Leben einer Igbo-Dorfgemeinschaft in den 1890er Jahren: Wirtschaft, Kultur, Traditionen, Religion und das Verhältnis der Geschlechter. Im zweiten und dritten Teil rücken dann die Folgen in den Blick, die die neuen christlichen und kolonialen Einflüsse für dieses Dorfleben haben.

Neben den Romanen schrieb Achebe Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und Bücher für Kinder. Der Essay gab ihm Raum für unmittelbare Zeitkritik, wie The Trouble With Nigeria und die Auseinandersetzung mit Joseph Conrad zeigen.


Rezeption↑

Als Begründer der modernen afrikanischen Literatur wird Achebe bis heute genannt, und er zählt weltweit zu den herausragenden englischsprachigen Schriftstellern. Seine Werke wurden in rund fünfzig Sprachen übersetzt. Things Fall Apart gilt als Meilenstein der afrikanischen Literatur; auf Deutsch erschien der Roman zunächst 1959 unter dem Titel Okonkwo oder Das Alte stürzt in der Übersetzung von Richard Moering, 2012 dann in einer Neuübersetzung als Alles zerfällt.

Seine Conrad-Kritik von 1975 stieß anfangs auf viel Widerspruch. Später wurde sie weitgehend als berechtigt anerkannt und als Wendepunkt in der postkolonialen Lesart Conrads gewürdigt.

An Ehrungen erhielt Achebe 1972 gemeinsam mit George McWhirter den ersten Commonwealth Poetry Prize. 2002 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt; im selben Jahr wählte ihn die American Academy of Arts and Sciences zum Mitglied. In seiner Dankesrede zum Friedenspreis sagte er, die Auszeichnung und die damit verbundene internationale Beachtung hätten ihm buchstäblich das Leben gerettet, denn mit seinem Werk habe er sich bei der nigerianischen Regierung sehr unbeliebt gemacht. 2007 folgte der Man Booker International Prize.

Auch die Forschung hat sich seiner angenommen. 2003 erschien bei Greenwood Press eine Chinua-Achebe-Enzyklopädie, 2011 ein Sammelband allein zu Things Fall Apart. Eckhard Breitinger nannte ihn 2012 in einem Aufsatz den Gründervater der afrikanischen Literatur.

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