1912
Renascence
Überblick↑
Das Gedicht Renascence von Edna St. Vincent Millay entstand 1912. Es gilt als der Text, der die junge Dichterin einem größeren Publikum bekannt machte, und wird oft zu ihren gelungensten Gedichten gezählt. Es umfasst mehr als zweihundert Verse und spricht durchgehend in der Ich-Form. Verhandelt wird das Verhältnis eines einzelnen Menschen zur Natur und zur ganzen Menschheit. Millay war neunzehn Jahre alt, als sie das Gedicht bei einem Wettbewerb einreichte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein sprechendes Ich steht auf einem Berggipfel und blickt über die Landschaft. Was es sieht, ist zunächst überschaubar: die Grenzen der Welt scheinen mit den Händen greifbar. Doch je länger der Blick verweilt, desto mehr weitet sich die Wahrnehmung. Die Natur bedrängt das Ich mit ihrer Größe, und mit ihr drängen sich Gedanken an das Leid der Menschen auf. Das Ich fühlt fremdes Elend nicht nur mit, es erlebt es wie am eigenen Leib. Aus der stillen Aussicht wird so eine Erfahrung, die den Sprechenden bis an die Grenze dessen führt, was ein Mensch tragen kann. Der Titel deutet an, dass diese Erschütterung nicht das letzte Wort behält.
Die Handlung im Detail↑
Auf dem Gipfel eines Berges betrachtet ein Ich die Aussicht. Die Weite der Natur überwältigt es, und zugleich brechen Gedanken an menschliches Leid über es herein. Das Mitgefühl geht dabei so weit, dass das Ich den Tod anderer Menschen wie den eigenen empfindet. Es fühlt sich niedergedrückt, als läge es selbst im Grab. Aus dieser Todesnähe führt schließlich der Regen heraus: freundlich fallend, bringt er dem Ich die Freude am Leben zurück. Diese Wiedergeburt ist die im Titel genannte „renascence“.
Millay schrieb das Gedicht, während sie vom Gipfel des Mount Battie bei Camden im US-Bundesstaat Maine ins Land blickte. Eine Gedenktafel erinnert dort heute an die Entstehung. Möglicherweise wirkte auch ein Kindheitserlebnis der Dichterin nach: Sie wäre als Kind beinahe ertrunken.
Stil↑
Angelegt ist der Text als langes lyrisches Gedicht von mehr als zweihundert Versen. Er spricht durchgehend aus einer einzigen Perspektive, in der Ich-Form. Das Geschehen ist kein äußeres, sondern ein inneres: Es verläuft als Kette von Wahrnehmungen und Empfindungen, die sich aus einem einzigen Blick von einem Berggipfel entwickeln. Die Bewegung führt von der überschaubaren Aussicht über die Überwältigung durch Natur und fremdes Leid bis zur Rückkehr ins Leben. So verbindet das Gedicht die Erfahrung eines Einzelnen mit dem Schicksal der Menschheit im Ganzen.
Rezeption↑
Ihre Mutter Cora Millay hatte die Ausschreibung eines Gedichtwettbewerbs entdeckt, den der jährlich erscheinende Lyrikband The Lyric Year veranstaltete, und drängte die Tochter zur Teilnahme. Das Gedicht wurde gut aufgenommen und erschien gemeinsam mit den übrigen ausgezeichneten Einsendungen im Jahresband. Nach der Veröffentlichung galt Millays Beitrag vielen als der beste des Wettbewerbs. Dass er am Ende nur den vierten Platz erhielt, löste einen erheblichen Skandal aus. Selbst der Erstplatzierte Orrick Johns hielt Renascence für das beste Gedicht und erklärte, die Auszeichnung sei ihm ebenso peinlich wie ein Triumph gewesen. Ein Zweitplatzierter bot Millay sein Preisgeld von 250 Dollar an.
Der Streit verschaffte der jungen Dichterin große Aufmerksamkeit. Das Gedicht wurde weit verbreitet und sogar Schulkindern als Musterbeispiel amerikanischer Dichtung vorgelegt. Millay nutzte den Erfolg für ihre Laufbahn und hielt Briefkontakt zu den Herausgebern und Dichtern, die ihr gratulierten. Kurz nach der Auseinandersetzung hörte die vermögende Kunstmäzenin Caroline B. Dow, wie Millay im Whitehall Inn in Camden ihre Gedichte vortrug und Klavier spielte. Sie war so beeindruckt, dass sie anbot, Millays Studium am Vassar College zu bezahlen.
Auch später blieb der Text lebendig. Im Oktober 2018 kam ein Musical von Carmel Dean und Dick Scanlan zur Uraufführung, das auf Gedichten Millays beruht und Renascence einschließt.
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