1892 – 1950
Edna St. Vincent Millay
Kurzbiografie↑
Edna St. Vincent Millay war eine amerikanische Lyrikerin und Dramatikerin. Geboren wurde sie 1892 in Rockland im Bundesstaat Maine, gestorben ist sie 1950 in Austerlitz im Staat New York. Mit zwanzig Jahren machte ihre Lyrik sie berühmt, mit dreißig war sie weltweit bekannt. 1923 erhielt sie den Pulitzer-Preis für Dichtung und war damit die dritte Frau, der diese Auszeichnung zuteilwurde. Bekannt war sie außerdem für ihren unkonventionellen, bohemienhaften Lebensstil. Für ihre frühen Prosa-Arbeiten verwendete sie das Pseudonym Nancy Boyd.
Biografie↑
Geboren wurde sie in Rockland in Maine als Tochter der Krankenschwester Cora Lounella Buzelle und des Lehrers Henry Tolman Millay. Ihren zweiten Vornamen verdankte sie dem Krankenhaus „St. Vincent“, in dem kurz vor ihrer Geburt ihrem Onkel das Leben gerettet worden war. Zwei jüngere Schwestern kamen 1893 und 1896 zur Welt: Norma Lounella und Kathleen Kalloch.
Die Eltern lebten schon einige Jahre getrennt, als sich die Mutter 1904 scheiden ließ. Grund war die finanzielle Verantwortungslosigkeit des Vaters. Cora zog daraufhin mit ihren drei Töchtern von Stadt zu Stadt und war auf die Güte von Freunden und Verwandten angewiesen. Trotz der Armut reiste sie nie ohne einen mit Büchern gefüllten Koffer. Darin führte sie William Shakespeare, John Milton und andere Klassiker mit sich und las ihren Kindern mit großem Enthusiasmus und irischem Akzent daraus vor.
Nach jahrelanger Wanderschaft ließ sich die Familie in Camden in Maine nieder. Sie bezog dort ein kleines Haus inmitten von Feldern, das einer wohlhabenden Tante der Mutter gehörte. In diesem bescheidenen Haus schrieb Millay ihre ersten Gedichte. Die Mutter erzog ihre Töchter dazu, unabhängig zu sein und ihre eigenen Gedanken offen auszusprechen.
An der Highschool in Camden baute Millay ihre literarische Begabung weiter aus. Sie arbeitete an der Schulzeitschrift The Megunticook mit. Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte sie erste Gedichte in der Kinderzeitschrift St. Nicholas und im Camden Herald. Besonders bedeutsam war der Abdruck in der Anthologie Current Literature.
Den Durchbruch brachte 1912 das Gedicht Renascence. Sein Erscheinen und seine literarische Eigenart trugen ihr ein Stipendium für das Vassar College ein. 1917 schloss sie ihr Studium ab und zog nach New York City.
Dort lebte sie in Greenwich Village und wurde in Amerika rasch beliebt. 1923 erhielt sie den Pulitzer-Preis für ihre Gedichtbände The Harp-Weaver und Other Poems. 1929 wählte man sie in die American Academy of Arts and Letters.
Millay war bisexuell und hatte bereits am Vassar College Beziehungen zu Mitstudentinnen. Im Januar 1921 ging sie nach Paris. Dort lernte sie die Bildhauerin Thelma Ellen Wood kennen, mit der sie fortan verbunden war. In den Jahren in Greenwich Village und Paris hatte sie auch zahlreiche Verbindungen mit Männern. Der Literaturkritiker Edmund Wilson machte ihr 1920 einen Heiratsantrag, den sie ablehnte.
1923 heiratete sie Eugene Jan Boissevain, den damals 43-jährigen Witwer der Arbeitsrechtsanwältin und Kriegskorrespondentin Inez Milholland. Dem Andenken dieser Frau widmete Millay ein Sonett. Boissevain förderte ihre Karriere außerordentlich und übernahm vor allem den Haushalt. 1925 kaufte das Paar bei Austerlitz im Staat New York eine Farm namens Steepletop und lebte dort.
Die Ehe war sehr offen angelegt; Geliebte auf beiden Seiten wurden geduldet. Eine der wichtigsten anderen Beziehungen Millays in dieser Zeit war die zu dem Dichter George Dillon, dem sie viele ihrer Sonette widmete. Gemeinsam mit Dillon übersetzte sie Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal unter dem Titel Flowers of Evil.
Im Zweiten Weltkrieg schrieb Millay Arbeiten zur Unterstützung der alliierten und besonders der amerikanischen Kriegsanstrengungen. Ihrem Ruf schadete das zeitweise. Sie beteiligte sich an mehreren öffentlichen Foren, in denen es darum ging, den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten voranzutreiben. Merle Rubin bemerkte dazu: „She seems to have caught more flak from the literary critics for supporting democracy than Ezra Pound did for championing fascism.“
1943 wurde ihr für das Lebenswerk die Frost Medal der Amerikanischen Gesellschaft für Dichtung zuerkannt. Sie war die sechste Person und die zweite Frau, die diese Ehrung erhielt. Ihr Mann starb 1949 an Lungenkrebs. Am 19. Oktober 1950 fand man Millay tot am Fuß der Treppe ihres Hauses; offenbar hatte sie sich bei einem Sturz das Genick gebrochen.
Literarische Merkmale↑
Zentral für Millays Werk war die Lyrik, daneben schrieb sie Dramen, Libretti und Prosa. Ihre frühen Prosa-Arbeiten erschienen unter dem Pseudonym Nancy Boyd. Eine bevorzugte Form war das Sonett: Zahlreiche Sonette widmete sie dem Dichter George Dillon, ein weiteres dem Andenken der Kriegskorrespondentin Inez Milholland. Als Übersetzerin arbeitete sie zusammen mit Dillon an einer englischen Fassung von Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal.
Von ihrem Leben ließ sich ihre Dichtung nur schwer trennen. Ihr freizügiger Lebensstil gab Anlass zu Mutmaßungen und Gerüchten, und wer wirklich hinter den angesprochenen Personen ihrer Verse stand, blieb offen. Genau diese Unbestimmtheit gehört zur Wirkung ihrer Gedichte.
Rezeption↑
Bereits mit zwanzig Jahren war Millay durch ihre Lyrik berühmt, mit dreißig weltweit bekannt. In New York, wo sie in Greenwich Village lebte, erlangte sie rasch große Beliebtheit. 1923 folgte der Pulitzer-Preis, 1929 die Wahl in die American Academy of Arts and Letters. 1943 kam die Frost Medal für das Lebenswerk hinzu.
Wie hoch ihr Ansehen war, zeigt eine Äußerung von Thomas Hardy: Amerika habe zwei große Attraktionen zu bieten, die Wolkenkratzer und die Poesie von Edna St. Vincent Millay.
Ungetrübt blieb ihr Ruf allerdings nicht. Die Texte, die sie im Zweiten Weltkrieg zur Unterstützung der Alliierten schrieb, brachten ihr zeitweise Schaden ein. Merle Rubin urteilte, sie habe von den Literaturkritikern mehr Prügel für ihr Eintreten für die Demokratie bezogen als Ezra Pound für sein Eintreten für den Faschismus.
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