1787 – 1862
Ludwig Uhland
Kurzporträt↑
Ludwig Uhland (1787–1862) gehört zu den meistgelesenen deutschen Dichtern des 19. Jahrhunderts. Seine Balladen und Lieder zählten zum Grundbestand des bürgerlichen Bücherschranks, darunter Der gute Kamerad und Frühlingsglaube. Komponisten wie Schubert, Schumann und Brahms vertonten sie. Daneben war Uhland Jurist und Professor für deutsche Sprache und Literatur in Tübingen. Er war auch Pionier der germanistischen Mediävistik und Politiker. Im württembergischen Landtag wie in der Frankfurter Paulskirche von 1848/49 trat er für staatsbürgerliche Rechte und nationale Einheit ein. Zeitgenossen nannten ihn das "Gewissen Deutschlands".
Biografie↑
Johann Ludwig Uhland kam am 26. April 1787 in Tübingen zur Welt. Er stammte aus einer seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren württembergischen Gelehrtenfamilie, die seit 1720 in der Universitätsstadt ansässig war. Sein Großvater Ludwig Joseph Uhland war Professor für Geschichte und später für Theologie in Tübingen. Sein Vater Johann Friedrich Uhland war Hofgerichtsadvokat und Universitätssekretär. Die Mutter Rosine Elisabeth, geborene Hoser, stammte aus einer ebenfalls in Tübingen verwurzelten Familie. Laut der Deutschen Biographie gehörte Uhland damit zur württembergischen "Ehrbarkeit" – jener bürgerlich-gelehrten Schicht, die in der Ständekammer den Ton angab.
Von 1793 bis 1801 besuchte Uhland die Tübinger Lateinschule, die Schola Anatolica. Im Sprachunterricht zeigte er deutliche Begabung, in der Mathematik weniger. 1801 erhielt er ein Stipendium für das Tübinger Stift und widmete sich zunächst philologischen Studien. 1805 begann er das eigentliche Studium der Rechtswissenschaften. Doch schon zuvor hatten ihn Lehrer wie David Christoph Seybold, Christian Friedrich Roesler und Karl Philipp Conz an die Literatur herangeführt. Aus dieser Zeit stammt seine lebenslange Vorliebe für das Walthariuslied, Saxo Grammaticus, Herders Volkslieder und das mittelhochdeutsche Heldenbuch.
1804 kam der Medizinstudent Justinus Kerner nach Tübingen. Zwischen den beiden entstand eine lebenslange Freundschaft. Mit Gustav Schwab, Karl Mayer und anderen bildeten sie den Tübinger Kreis, aus dem später der Schwäbische Dichterkreis hervorging. Erste Veröffentlichungen erschienen 1807 im "Sonntagsblatt für gebildete Stände" und in Achim von Arnims "Zeitung für Einsiedler". Bereits 1805 fand Uhland mit Gedichten wie Die Kapelle und Schäfers Sonntagslied zu seinem eigenen Ton.
Am 3. April 1810 wurde Uhland mit einer Dissertation zum römischen Recht zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert. Von Mai 1810 bis Januar 1811 hielt er sich in Paris auf, offiziell zum Studium des Code Napoléon. Tatsächlich las und kopierte er dort aber vor allem in der Nationalbibliothek deutsche und französische mittelalterliche Handschriften. Zurück in Tübingen eröffnete er eine Anwaltskanzlei. In dieser Phase entstand am 21. März 1812 sein wohl bekanntestes Gedicht Frühlingsbeginn, besser bekannt als Frühlingsglaube. 1809 hatte er bereits Der gute Kamerad verfasst, ein Lied über Freundestreue und Kriegsschicksal. Durch Friedrich Silchers Vertonung von 1825 fand es später weite Verbreitung.
Ende 1812 zog Uhland nach Stuttgart und nahm eine unbesoldete Stelle als zweiter Sekretär des Justizministers an. 1815 berief König Friedrich I. eine Ständeversammlung ein, um eine neue Verfassung für das vergrößerte Königreich Württemberg auszuhandeln. Uhland griff mit seinen Vaterländischen Gedichten (1817) in den Streit ein. Am 26. Juli 1815 wurde er zum führenden Sprecher der Landstände, die das "Alte Recht" verteidigten. Erst 1819 kam unter König Wilhelm I. ein Kompromiss zustande. Die feierliche Verkündung wurde mit einer Aufführung von Uhlands Drama Ernst, Herzog von Schwaben begangen. 1817 hatte Uhland sein Dienstverhältnis aufgegeben und arbeitete fortan als freier Advokat in Stuttgart, oft als Armen- und Pflichtverteidiger.
Am 29. Mai 1820 heiratete Uhland in der Stuttgarter Hospitalkirche Emilie Auguste Vischer (1799–1881), Tochter eines wohlhabenden Calwer Kaufmanns. Die Ehe blieb kinderlos. Emilie ermöglichte ihm finanzielle Unabhängigkeit und verfasste später die erste Biographie über ihn. Von 1819 bis 1826 gehörte Uhland dem württembergischen Landtag an. Er versäumte in dieser ganzen Zeit nur eine einzige Sitzung; sogar am Hochzeitstag erschien er in der Kammer.
Ende 1829 wurde Uhland zum Professor für deutsche Sprache und Literatur an die Universität Tübingen berufen. Das Ehepaar zog im April 1830 in die Stadt zurück. Schon 1832 musste er das Lehramt niederlegen, weil er erneut ein Landtagsmandat angenommen hatte. Diesem gehörte er bis 1838 an. 1848/49 vertrat Uhland in der Frankfurter Paulskirche großdeutsche und republikanisch-demokratische Positionen. Berühmt wurden seine Reden gegen den Ausschluss Österreichs aus dem Reichsverband und gegen die Kaiserwahl. Heinrich Laube notierte: "Er stimmte konsequent mit der Linken, soweit sie nicht unpatriotisch war." Am 30. Mai 1849 beschloss das "Rumpfparlament" die Verlegung nach Stuttgart. Als die württembergische Regierung den Sitzungssaal schloss, suchten die Abgeordneten mit Uhland an der Spitze einen anderen Ort. Am 18. Juni wurden sie von Militär auseinandergetrieben. Damit endete seine politische Tätigkeit.
Nach Tübingen zurückgekehrt, lebte Uhland als Privatgelehrter und arbeitete an seinem groß angelegten Volksliedwerk. Hohe Auszeichnungen wie den preußischen Orden Pour le Mérite und den bayerischen Maximiliansorden lehnte er ab. Im Februar 1862 nahm er an der Beerdigung seines Freundes Justinus Kerner in Weinsberg teil. An dem eisigen Wintertag zog er sich eine Erkältung zu, von der er sich nicht mehr erholte. Sein 75. Geburtstag am 26. April 1862 wurde in ganz Deutschland gefeiert; vielerorts wurden Uhland-Linden und Uhland-Eichen gepflanzt. Am 13. November 1862 starb Uhland in Tübingen und wurde auf dem Stadtfriedhof beigesetzt, nahe der Ruhestätte Friedrich Hölderlins.
Literarische Merkmale↑
Schon früh fand Uhland zu einem eigenen, unverwechselbaren Ton. Seine lyrischen Anfänge waren laut der Deutschen Biographie in "wehleidigem und ossianisch-schwermütigem Stil" gehalten. 1805 gelang ihm mit Gedichten wie Die Kapelle und Schäfers Sonntagslied der Durchbruch zu jener Schlichtheit, die später als sein Markenzeichen galt. Bereits Karl August Varnhagen von Ense und Friedrich de la Motte-Fouqué erkannten seine künstlerische Sicherheit in Stoffwahl und Form sowie seine glaubwürdige Volkstümlichkeit.
Anders als bei vielen Romantikern neigen Uhlands Verse weniger zu Schwärmerei und Gefühlsergüssen als zur knappen, anschaulichen, präzisen Darstellung. Der Ton ist nüchtern, schlicht und unpathetisch. Häufig lehnt er sich an Volkslieder an, mit denen sich Uhland auch wissenschaftlich beschäftigte. Er wählte zwar die typischen romantischen Themen – Natur, Mittelalter, Sage. Dennoch kann er nur in eingeschränktem Sinn als Romantiker gelten, denn seine wortkarge und nüchterne Art schlägt sich auch in den Gedichten nieder. So wurde er zum Volksdichter. Seine Bände erschienen in immer neuen Auflagen und gehörten im 19. Jahrhundert zum Grundbestand des deutschen Bücherschranks.
Neben den stimmungsintensiven Liedern trugen vor allem seine historischen Balladen zur Popularität bei. In den Dramen Ernst, Herzog von Schwaben (1818) und Ludwig der Baier (1819) klingen politische Töne an. Letzteres war laut Tagebuch ausdrücklich als "Symbol der deutschen Stammeseinheit" konzipiert. Bezeichnend für sein uneitles Wesen ist eine von seiner Frau überlieferte Anekdote. Beim Auszug aus Stuttgart 1830 hängte er einen Lorbeerkranz an einen Baum im Wald, mit den Worten: "Ich kann doch nicht mit einem Lorbeerkranz in Tübingen ankommen!"
Die Deutsche Biographie fasst Uhlands Eigenart als "volkstümlich-schlichte, formal gebändigte, klare und ethisch fundierte Romantik" zusammen, verbunden mit einem glaubwürdigen, unpathetischen Patriotismus. Diese Verbindung von schlichter Form, ethischem Ernst und politischer Haltung machte ihn quer durch die sozialen Schichten lesbar.
Rezeption↑
Uhlands Gedichtband erschien 1815 bei Cotta erstmals. Zu seinen Lebzeiten erlebte er 42 Auflagen, in den folgenden siebzig Jahren insgesamt 64. Substantielle Erweiterungen gab es laut der Deutschen Biographie nur in den Auflagen von 1820, 1829 und 1834, denn Uhland dichtete von der Stimmung abhängig und unregelmäßig. Sein Drama Ernst, Herzog von Schwaben erreichte über 100 Auflagen. Zur Beliebtheit trugen die zahlreichen Vertonungen seiner Lyrik bei. Seine Texte griffen Johannes Brahms, Max Bruch, Peter Cornelius, Heinrich von Herzogenberg, Conradin Kreutzer, Franz Liszt, Carl Loewe, Felix Mendelssohn Bartholdy, Josef Gabriel Rheinberger, Othmar Schoeck, Franz Schubert, Robert Schumann, Richard Strauss und Carl Friedrich Zelter auf. Das Gedicht Der gute Kamerad wurde mit Friedrich Silchers Melodie von 1825 zu einem deutschen Nationallied. Wie die Wikipedia anmerkt, wurde es später bis hin zum Nationalsozialismus im Sinne patriotischen Aufbruchs und der Kriegsverherrlichung umgedeutet, obwohl Uhlands Text nüchtern von Freundestreue und Kriegsschicksal handelt.
Hohe Ehrungen lehnte Uhland zu Lebzeiten ab. 1853 schlug er den preußischen Orden Pour le Mérite aus, den ihm Alexander von Humboldt zugedacht hatte, ebenso den bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst. 1845 nahm er aber die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen an. Er war Mitglied der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin sowie der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Nachrufe nannten ihn das "Gewissen Deutschlands" und den "Hausgeist des deutschen Volkes".
Die Wirkung blieb sichtbar im öffentlichen Raum. Das Uhlanddenkmal in Tübingen wurde durch eine große überörtliche Spendenaktion finanziert und am 14. Juli 1873 eingeweiht. In Tübingen gibt es das Uhland-Gymnasium und das Uhlandbad, an der Universität zudem das seit 1971 bestehende Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft. Seit 1991 wird in Ludwigsburg der Ludwig-Uhland-Preis verliehen. Sein Teilnachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Selbst der Asteroid (9052) Uhland und eine Ortschaft im US-Bundesstaat Texas tragen seinen Namen.
Laut der Deutschen Biographie galt Uhland rund hundert Jahre lang quer durch alle sozialen Schichten und parteipolitischen Lager als Idealgestalt – politisch durch sein lebenslanges Eintreten für Bürgerrechte, dichterisch durch seine volkstümlich-schlichte Romantik. Wurde er früher vor allem als Dichter und mutiger Demokrat bewundert, so ist er heute auch als Pionier der Romanistik, der Minnesangforschung sowie der Sagen- und der Volksliederforschung anerkannt.
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