1815
Schäfers Sonntagslied
Überblick↑
Bei Schäfers Sonntagslied handelt es sich um ein dreistrophiges Gedicht von Ludwig Uhland. Es trägt als Anfangs- und Schlusszeile die Worte „Das ist der Tag des Herrn“ und erschien erstmals 1815 bei Cotta im Band Gedichte von Ludwig Uhland. Das Gedicht entfaltet die schlichte Andacht eines einsamen Hirten an einem Sonntagmorgen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlangte es durch zahlreiche Vertonungen große Popularität und wurde bis weit ins folgende Jahrhundert hinein gesungen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein Schäfer, der einen Sonntagmorgen allein bei seiner Herde verbringt. Das Gedicht gibt sein stilles Selbstgespräch wieder. Von ferne klingt eine Kirchenglocke herüber und deutet die christliche Bedeutung des Tages an. Den Hirten umgeben die Stille der Natur und die Weite des Himmels. In dieser Einsamkeit regen sich in ihm Empfindungen, die ihn über sich selbst hinausführen.
Die Handlung im Detail↑
Den ganzen Text trägt die Stimme eines einzigen Sprechers: ein Schäfer, der am Sonntagmorgen mit seiner Herde draußen ist, fern von Kirche und Gemeinde. Er ist allein. Das wiederkehrende Bild dafür liefert die Wendung „allein auf weiter Flur“, die später zur Redensart geworden ist.
Eröffnet und beschlossen wird das Gedicht von derselben Zeile: „Das ist der Tag des Herrn.“ Diese Klammer macht aus dem Sonntag das eigentliche Thema. Das Herüberklingen einer Kirchenglocke aus der Ferne erinnert den Hirten an die christliche Bedeutung des Tages, ohne dass er selbst am Gottesdienst teilnimmt.
Im weiteren Verlauf treten die Stille der Natur und die Weite des Himmels in den Vordergrund. Aus diesen Eindrücken erwächst dem Einsamen ein Gefühl der Andacht. Obwohl er körperlich von aller menschlichen Gesellschaft getrennt ist, erlebt er sich als Teil einer unsichtbaren Gemeinschaft. So schließt das Gedicht mit derselben feierlichen Zeile, mit der es begonnen hat, und führt den stillen Lobpreis des Hirten zu seinem Höhepunkt.
Stil↑
Hinter der scheinbaren Anspruchslosigkeit des kleinen Gedichts steht ein ungewöhnlich kunstvoller Strophenbau. Jede der drei Strophen besteht aus vier jambischen Zeilen. Alle vier Zeilen enden auf männliche, also einsilbig betonte Reimworte. Das Reimschema ist umschließend angelegt (abba), sodass die äußeren und die inneren Zeilen jeweils zusammenklingen.
Die erste und die letzte Zeile jeder Strophe sind kürzer: sechssilbig und dreihebig. Die beiden Binnenzeilen dagegen sind länger, achtsilbig und vierhebig. Aus diesem Wechsel von kurzen und langen Zeilen ergibt sich ein eigener Rhythmus, der dem schlichten Inhalt eine feierliche Form gibt.
Rezeption↑
Im 19. Jahrhundert erlangten Uhlands Verse große Popularität. Mehrere Komponisten vertonten das Gedicht, darunter Felix Mendelssohn Bartholdy, Alexis Holländer, Felix von Weingartner und Ernesto Drangosch. Am weitesten verbreitet wurde jedoch die Bearbeitung für vierstimmigen Männerchor von Conradin Kreutzer. Sie gehörte bis weit ins 20. Jahrhundert zum festen Repertoire der Männergesangvereine und ist bis heute in zahlreichen Arrangements der volkstümlichen Musik zu hören. Ihre Wirkung bezieht sie vor allem aus dem feierlich-hymnischen Anfang und Schluss auf der Zeile „Das ist der Tag des Herrn!“.
Aus dem Gedicht ging zudem ein geflügeltes Wort hervor: Die Wendung „allein auf weiter Flur“ wurde zur Redensart, die heute meist mit ironischem Unterton gebraucht wird.
Ein literarisches Echo findet sich in Thomas Manns Roman Buddenbrooks. Dort soll der Knabe Hanno seinem Vater, dem Senator, das Gedicht aufsagen, scheitert aber kläglich. Schon die Anfangszeile bringt er nur „ganz leise“ heraus, und bei der Zeile „Ich bin allein auf weiter Flur“ versagt ihm endgültig die Stimme. Die Stimmung des Verses geht so sehr mit ihm durch, dass ihm vor Mitleid mit sich selbst die Tränen kommen. Mann setzt damit gerade die vertraute, feierliche Bekanntheit des Liedes voraus, um die Verletzlichkeit der Figur umso eindringlicher zu zeigen.
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