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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · The Second Coming
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Cover The Second Coming
The Second Coming
1920
– Werkseintrag –

The Second Coming

1920 · Lyrik

Ein Gedicht, das den Zerfall der alten Weltordnung in Bilder von unheimlicher Wucht fasst – und dessen Zeilen bis heute in Buchtiteln, Filmen und Liedern nachhallen.

Überblick

Das Gedicht The Second Coming stammt vom irischen Dichter William Butler Yeats und entstand 1919. Es wurde im November 1920 erstmals in der Zeitschrift The Dial gedruckt. 1921 nahm Yeats es in seinen Gedichtband Michael Robartes and the Dancer auf. Das Werk greift christliche Bilder vom Weltuntergang und von der Wiederkehr Christi auf, um damit gleichnishaft die Stimmung im Europa der Nachkriegszeit zu beschreiben. Es gilt als eines der bekanntesten Gedichte der literarischen Moderne und wurde in zahlreiche Sammlungen aufgenommen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Das Gedicht entfaltet sich in zwei Strophen, die zwei verschiedene Blickrichtungen einnehmen. Die erste schildert den Zusammenbruch der bestehenden Weltordnung. Gleich zu Beginn steht das Bild eines Kreisens, das sich unaufhaltsam weitet, bis es dem Punkt der Katastrophe zutreibt. Ein Falkner ruft vergeblich nach seinem Falken, der ihn nicht mehr hören kann – ein Bild für die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem Lauf der Dinge.

Es folgt eine Reihe düsterer Eindrücke: entfesselte Anarchie, eine blutgetrübte Flut, der Verlust der Unschuld. Die Guten handeln nicht, während die Bösen von einer leidenschaftlichen Entschlossenheit erfüllt sind. Alte Ordnungen und Einrichtungen zerfallen. Die zweite Strophe wendet sich dann von diesen einzelnen Schreckensbildern ab und geht in eine einzige prophetische Vision über, die eine kommende, dunkle Zeitenwende ankündigt.

Die Handlung im Detail

Die erste Strophe stellt sogleich Yeats' Grundgedanke vor: das Bild des sich weitenden Kreisens, das er als »Gyre« bezeichnete. Die Welt dreht sich in dieser Spirale immer weiter nach außen, dem Untergang entgegen. Der Falkner, der seinen Falken nicht mehr zurückrufen kann, steht für die Hilflosigkeit gegenüber dieser unabwendbaren Wende. Dann reiht das Gedicht seine Schreckensbilder aneinander – Anarchie, die blutgetrübte Flut, das Versinken der Unschuld, das Untätigsein der Guten und die Leidenschaft der Bösen. Das wiederholte Wort »losgelassen« ruft dabei immer wieder das Sichweiten der Spirale in Erinnerung, das all dem zugrunde liegt.

Die zweite Strophe ist keine Reihe einzelner Bilder mehr, sondern eine geschlossene Vision. Der Sprecher ruft aus, dass die Wiederkehr – das in der Offenbarung des Johannes beschriebene Endzeitgeschehen – nahe bevorstehen müsse. Da steigt aus dem »Spiritus Mundi«, der Weltseele, ein Bild in ihm auf: eine Sphinx in der Wüste, mit einem leeren und gnadenlosen Blick. Um sie kreisen aufgebrachte Wüstenvögel – ein Gegenbild zum Falken vom Anfang. Der Sprecher erkennt, dass zwanzig Jahrhunderte steinernen Schlafs von einer schaukelnden Wiege zum Albtraum gereizt wurden. Das Gedicht schließt mit einer Frage: Welches raue Untier schleppt sich nun, da seine Stunde gekommen ist, auf Bethlehem zu, um dort geboren zu werden?

Hinter diesen Bildern steht Yeats' Geschichtsdeutung, die er in seinem Buch A Vision ausbreitete. Er sah die Geschichte als Folge von Zeitaltern, deren jedes rund zweitausend Jahre währt. Am Wendepunkt löst ein neues, gegensätzliches Wertesystem das alte ab. In den ersten Entwürfen sprach Yeats denn auch von einer »zweiten Geburt« statt von der Wiederkehr Christi. So kündigt das an Bethlehem gemahnte Untier nicht die Erlösung an, sondern den gewaltsamen Beginn eines neuen, härteren Zeitalters. Der Ort, den das Christentum mit der Sanftheit des Jesuskindes verbindet, wird zum Geburtsort des Schreckens – was die Vision besonders verstörend macht.

Stil

Der Bau des Gedichts ruht auf zwei Strophen, die einander entgegengesetzt sind. Die erste häuft rasch aufeinanderfolgende Bilder des Zerfalls, die zweite bündelt sich zu einer einzigen, feierlich vorgetragenen Weissagung. Die Sprache ist erhaben und prophetisch, wie die eines Sehers, der eine Offenbarung empfängt. Christliche und antike Vorstellungen greifen ineinander: die Wiederkehr aus der Offenbarung des Johannes trifft auf die Sphinx der Wüste, das lateinische »Spiritus Mundi« steht neben dem Namen Bethlehem.

Wiederholungen tragen den Klang: das »kreisend und kreisend« zu Beginn und das mehrfach gesetzte »losgelassen« malen im Wortlaut das Sichweiten der Spirale nach. Gegensätze prägen die Bildwelt – der zahme Falke des Anfangs, die aufgebrachten Wüstenvögel am Ende. Am Schluss steht keine Antwort, sondern eine rhetorische Frage, die das Untier auf Bethlehem zugehen lässt. Auf die feierliche Tonlage, den Wortschatz und den Satzbau der ersten Strophe wirkte die Dichtung Percy Bysshe Shelleys ein; die Sphinx erinnert manche Ausleger an Shelleys Ozymandias.

Rezeption

Die Kritik zählt das Gedicht zu den bekanntesten der englischen Sprache. David A. Ross nannte es 2009 eines der berühmtesten Gedichte der englischen Sprache, und schon Harold Bloom hatte es 1986 als eines der am meisten bewunderten Gedichte des Jahrhunderts bezeichnet. Häufig wird es als Bild vom Zusammenbruch politischer Autorität gelesen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Zeile über die Bösen, die von leidenschaftlicher Entschlossenheit erfüllt seien – Fachleute sehen darin eine Vorausdeutung auf populistische, ganz auf Ausstrahlung gestützte Bewegungen. Ausleger wie Richard Ellmann und Giorgio Melchiori deuteten das raue Untier als Zeichen einer zyklischen, gewaltsamen Ablösung des von Christus begründeten Zeitalters.

Kaum ein anderes Gedicht hat so viele spätere Werke mit Titeln versorgt. Chinua Achebe entlehnte die Wendung »Dinge fallen auseinander« für seinen Roman Things Fall Apart. Joan Didion griff die Schlusszeile für ihren Essayband Slouching Towards Bethlehem auf. Weitere Buch-, Album- und Songtitel gehen ebenfalls auf einzelne Zeilen zurück. Zudem wird das Gedicht in Büchern, Filmen und Fernsehserien ausgiebig zitiert – etwa in Stephen Kings Roman The Stand und in mehreren Folgen der Serie The Sopranos. So klingen Yeats' Verse bis heute in der Kultur nach.

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