1937
Schneeland
Überblick↑
Der Roman Schneeland von Kawabata Yasunari erschien ab 1935 in Fortsetzungen und 1937 erstmals als Buch unter dem japanischen Titel 雪国 (Yukiguni); seine endgültige Fassung erhielt es 1948. Er gilt als ein Klassiker der japanischen Literatur. Als das Nobelkomitee Kawabata 1968 den Literaturnobelpreis zusprach, nannte es Schneeland als eines von drei Werken. Erzählt wird von der Begegnung eines wohlhabenden Müßiggängers aus Tokio mit einer Geisha in einem abgelegenen Ort mit heißen Quellen. Auf Deutsch liegt das Buch in einer Übersetzung von Tobias Cheung vor, die 2004 bei Suhrkamp erschien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Shimamura, ein reicher verheirateter Mann aus Tokio, der sein Vermögen geerbt hat. Er hält sich für einen Kenner des Balletts, obwohl er nie eine Aufführung gesehen hat. Mit dem Zug fährt er in einen entlegenen Ort im verschneiten Norden, dessen Namen der Roman nicht nennt und der für seine heißen Quellen bekannt ist.
Während der Fahrt beobachtet Shimamura eine junge Frau, die einen kranken Mann pflegt. Er sieht sie in der Spiegelung der Zugscheibe und ist von ihren Augen und ihrer Stimme gefangen. Sein eigentliches Ziel aber ist Komako, eine junge Frau, die er bei einem früheren Aufenthalt kurz kennengelernt hat. Inzwischen arbeitet sie als Geisha.
Aus den Begegnungen der beiden entwickelt sich eine ungleiche Beziehung. Komako verliebt sich in Shimamura und verstößt damit gegen die Regel, dass eine Geisha den Wünschen ihrer Gäste ohne eigene Gefühle nachkommt. Shimamura fühlt sich zu ihr hingezogen, doch seine Zuneigung bleibt unbeständig. Nach und nach erfährt der Leser aus ihren Gesprächen, warum Komako Geisha wurde und wie sie mit dem kranken Mann aus dem Zug verbunden ist.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman beginnt mit Shimamuras Zugfahrt in den abgelegenen Kurort. Shimamura ist reich, verheiratet und lebt von einem ererbten Vermögen. Er gibt sich als Ballettkenner aus, ohne je eine Aufführung besucht zu haben. Im Abteil beobachtet er eine junge Frau, die sich um einen kranken Mann kümmert. Später erfährt man ihre Namen: Yoko und Yukio. Shimamura betrachtet sie im Spiegelbild der Fensterscheibe und ist von ihren Augen und ihrer Stimme wie gebannt.
Er reist in den Ort, um Komako wiederzusehen. Bei seinem ersten Aufenthalt war sie noch keine Geisha, bei diesem zweiten Besuch ist sie es. Shimamura fühlt sich zu der jungen Geisha hingezogen, doch seine Neigung bleibt schwankend und unsicher. Komako dagegen verliebt sich wirklich in ihn. Damit bricht sie mit dem, was von einer Geisha erwartet wird: die Wünsche der Gäste zu erfüllen, ohne sich selbst zu binden.
In ihren Gesprächen tritt Komakos Leben nach und nach hervor. Sie wurde Geisha, um Yukios Krankenhausrechnungen zu bezahlen. Es heißt, die beiden seien verlobt gewesen; ihr Verhältnis zueinander ist gespannt. Auch wie sie in den Haushalt von Yukio und dessen Mutter kam und wie ihr Alltag als Geisha aussieht, wird erzählt.
Der Höhepunkt fällt in einen von Komakos Besuchen in Shimamuras Zimmer im Gasthof. Im Gespräch nennt er sie eine „gute Frau“ statt, wie zuvor, ein „gutes Mädchen“. Diese kleine Verschiebung im Wort macht deutlich, dass die beiden niemals zusammenkommen werden. Komakos Hoffnung auf ein besseres, glücklicheres Leben an Shimamuras Seite bleibt eine Einbildung.
Ganz am Ende bricht im Lagerhaus des Ortes ein Feuer aus. Das Gebäude diente damals als Kino. Shimamura und Komako eilen zum Brand und sehen, wie Yoko leblos vom Balkon des Lagerhauses stürzt. Komako trägt Yokos Körper aus dem brennenden Haus fort, während Shimamura zurückweicht und zum Nachthimmel aufblickt, in dem die Milchstraße über ihm steht.
Stil↑
Von knapper, sparsamer Sprache lebt dieses Buch. Edward Seidensticker, der Kenner japanischer Literatur, dessen englische Übersetzung 1956 erschien, verglich den Roman mit dem Haiku: wegen der vielen feinen Gegenstimmen im Text und weil Kawabata mit kurzen Szenen eine größere Geschichte erzählt. Auch die englische Kritik hob die Knappheit der Darstellung hervor.
Kennzeichnend ist zudem, dass Kawabata den Ort der Handlung nie beim Namen nennt. Die Beschreibung bleibt bei den heißen Quellen, dem Schnee und dem Gasthof. Wiederkehrend sind gespiegelte und mittelbare Wahrnehmungen: Shimamura sieht Yoko zuerst nicht unmittelbar, sondern als Bild in der Fensterscheibe des Zuges.
Rezeption↑
Sowohl bei seinem Erscheinen als auch in den Jahren danach fand der Roman freundliche Aufnahme. Edward Seidensticker nannte ihn „perhaps Kawabata's masterpiece“, also wohl Kawabatas Meisterwerk. In der Times hieß es, der Autor habe aus wenig verheißungsvollem Stoff ein Idyll geformt. Eileen Fraser sprach im Times Literary Supplement von einem schön und sparsam geschriebenen Roman und lobte auch die Übersetzung. Jason Cowley zählte Schneeland zu Kawabatas besten Arbeiten.
Als Kawabata 1968 den Nobelpreis für Literatur erhielt, führte das Nobelkomitee Schneeland unter den drei Romanen an, auf die es sich bezog. Der Stoff wurde auch verfilmt: 1957 von Shirō Toyoda und ein weiteres Mal 1965. Im deutschen Sprachraum erschien 2004 bei Suhrkamp eine Neuübersetzung von Tobias Cheung, die als erstmals textgetreue Übertragung angekündigt wurde. Kawabata selbst, 1899 in Osaka geboren, war von 1948 bis 1965 Präsident des Japanischen PEN-Zentrums und hatte maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des japanischen Literaturbetriebs nach dem Zweiten Weltkrieg. Er starb 1972 durch eigene Hand.
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