1812
Schneewittchen
Überblick↑
Schneewittchen gehört zu den berühmtesten Märchen der Brüder Grimm. In den Kinder- und Hausmärchen steht es an Stelle 53. In der Erstausgabe von 1812 trug es den niederdeutschen Titel Sneewittchen. Als hochdeutsche Übersetzung war Schneeweißchen angegeben. Durchgesetzt hat sich später die Form Schneewittchen. Ludwig Bechstein nahm die Erzählung 1845 unter dem Titel Schneeweißchen in sein Deutsches Märchenbuch auf. In der internationalen Märchenforschung wird der Stoff unter der Nummer ATU 709 geführt. Bis heute ist Schneewittchen eines der meistgelesenen, meistillustrierten und meistadaptierten deutschen Märchen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine Königin näht am Fenster und sticht sich in den Finger. Beim Anblick der drei Blutstropfen im Schnee wünscht sie sich ein Kind, weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz. Ihr Wunsch erfüllt sich, und das Mädchen wird Schneewittchen genannt. Als das Kind heranwächst, wird seine Schönheit zur Bedrohung. Eine eitle Königin befragt täglich ihren sprechenden Spiegel, wer die Schönste im ganzen Land sei. Sie erträgt es nicht, übertroffen zu werden.
Schneewittchen muss fliehen. Tief im Wald findet es Zuflucht in einem kleinen Haus. Dort leben sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz graben. Die Zwerge nehmen das Mädchen auf. Sie warnen es jedoch eindringlich davor, niemand Fremdes hereinzulassen. Doch die Königin gibt sich nicht geschlagen. Dreimal sucht sie Schneewittchen in verschiedenen Verkleidungen auf, jedes Mal mit einer neuen List. Wie es dem Mädchen ergeht, wer ihm beisteht und wie sich die Begegnungen wenden, gehört zu den eindringlichsten Bildern der deutschen Märchenliteratur.
Die Handlung im Detail↑
An einem Wintertag sitzt eine Königin am Fenster mit schwarzem Ebenholzrahmen und näht. Sie sticht sich in den Finger, drei Blutstropfen fallen in den Schnee, und sie wünscht sich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz am Rahmen. Bald darauf wird ihr eine Tochter geboren, die Schneewittchen genannt wird. Während in der Erstausgabe von 1812 noch die leibliche Mutter selbst zur bösen Figur wird, ist es in der Ausgabe letzter Hand von 1857 die neue Gemahlin des Königs, die Stiefmutter. Diese ist sehr schön und ebenso eitel.
Als Schneewittchen sieben Jahre alt ist, verkündet der sprechende, allwissende Spiegel, dass nun das Mädchen die Schönste im ganzen Land sei. Von Neid getrieben, beauftragt die Königin einen Jäger, das Kind im Wald zu töten und ihr zum Beweis Lunge und Leber zu bringen. Der Jäger aber lässt das flehende Mädchen laufen und bringt der Königin stattdessen Lunge und Leber eines jungen Wildschweins, die sie in dem Glauben verzehrt, es seien die des Kindes.
Schneewittchen flüchtet allein durch den Wald und gelangt zu einem Häuschen, in dem ein Tisch für sieben Personen gedeckt ist. Es nimmt von jedem Platz ein wenig zu essen und zu trinken und legt sich schließlich in eines der Bettchen. Abends kommen die sieben Zwerge heim, die in den Bergen nach Erz graben. Sie entdecken das schlafende Mädchen und sind hingerissen von seiner Schönheit. Am nächsten Morgen erzählt Schneewittchen seine Geschichte und darf bleiben, wenn es den Haushalt führt. Tagsüber ist es nun allein, und die Zwerge warnen es eindringlich vor der Stiefmutter.
Die Königin befragt unterdessen erneut ihren Spiegel und erfährt, dass Schneewittchen noch lebt und sich hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen verbirgt. Dreimal verkleidet sie sich als Händlerin und sucht das Mädchen auf. Beim ersten Mal schnürt sie ihm einen Schnürriemen so eng, dass es zu ersticken droht. Beim zweiten Mal kämmt sie ihm das Haar mit einem vergifteten Kamm. Beide Male lassen sich die Zwerge das Mädchen retten, indem sie Riemen und Kamm entfernen. Beim dritten Mal reicht die Königin Schneewittchen einen Apfel, dessen rote Hälfte sie vergiftet hat. Schneewittchen beißt hinein und fällt wie tot um. Diesmal finden die Zwerge die Ursache nicht und halten das Mädchen für tot.
Weil Schneewittchen so schön ist und aussieht, als schliefe es nur, legen die Zwerge es in einen gläsernen Sarg, auf dem sein Name und sein Titel stehen, und stellen ihn auf einen Berg. Die Tiere des Waldes betrauern das Mädchen, und immer einer der Zwerge hält Wache. Der Spiegel verkündet der Königin nun wieder, dass sie die Schönste sei.
Schneewittchen liegt sehr lange Zeit in dem Sarg und bleibt schön wie zuvor. Eines Tages reitet ein Königssohn vorüber, verliebt sich in die scheinbar Tote und bittet die Zwerge inständig, ihm den Sarg zu überlassen. Aus Mitleid willigen sie schweren Herzens ein. Als die Diener den Sarg fortbringen, stolpert einer von ihnen. Durch den Aufprall rutscht das vergiftete Apfelstück aus Schneewittchens Hals, sie erwacht, und der Prinz hält um ihre Hand an. Zur Hochzeit wird auch die böse Königin geladen. Voller Neugier, wer die junge Königin sei, erscheint sie, erkennt Schneewittchen und muss zur Strafe in rotglühenden Eisenpantoffeln tanzen, bis sie tot zusammenbricht.
Stil↑
Schneewittchen ist in der schlichten, gereihten Erzählweise des Volksmärchens gehalten. Die Sprache lebt von Wiederholungen, festen Formeln und einprägsamen Bildern. Der Spiegelvers „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ ist zur volkstümlichen Redensart geworden. Die Mordversuche kehren dreifach wieder: Schnürriemen, Kamm und Apfel. Das folgt dem für das Märchen typischen Dreierschema und steigert die Spannung Schritt für Schritt.
Schon der Beginn verdichtet die Erzählung in eine berühmte Farbsymbolik: weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Diese drei Farben durchziehen das Märchen leitmotivisch und kehren in unzähligen späteren Illustrationen wieder. Die Zahl Sieben verstärkt den märchenhaften Klang: sieben Zwerge, sieben Berge, sieben Jahre.
Zwischen den Fassungen lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen. In der Erstausgabe von 1812 ist es noch die leibliche Mutter, die ihr Kind töten lassen will. In der Ausgabe letzter Hand von 1857 haben die Brüder Grimm sie durch die Stiefmutter ersetzt. Damit milderten sie die Härte des Stoffes für ein bürgerliches Publikum.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten der Brüder Grimm gehörte Schneewittchen zu den bekanntesten Märchen ihrer Sammlung. Bereits 1809, also vor der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen, hatte Albert Ludwig Grimm eine Dramatisierung im Band Kindermährchen veröffentlicht. Ludwig Aurbacher nahm 1834 eine Kurzform in sein Büchlein für die Jugend auf, eingeschachtelt in das Märchen Die zwei Brüder.
Alexander Sergejewitsch Puschkin verfasste 1833 das Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken. Es soll in Teilen auf die Grimmsche Fassung zurückgehen, stützt sich in seinen Motiven jedoch auf eine polnische Variante. Ernst Ludwig Rochholz veröffentlichte 1856 die kurze Erzählung Der Tod der sieben Zwerge. Robert Walser schrieb 1899 mit einundzwanzig Jahren das Dramolett Schneewittchen, in dem die Figuren nach Schneewittchens Erwachen ihre eigene Geschichte deuten. Heinz Holliger nutzte den Text 1997/98 als Libretto für seine Oper Schneewittchen. Der portugiesische Regisseur João César Monteiro verfilmte ihn 2000 als Branca de Neve.
Auch die bildende Kunst hat sich des Stoffes immer wieder bemächtigt. Marianne Stokes gestaltete um 1880 Schneewittchen im Glassarg in den Märchenfarben Schwarz, Weiß und Rot. Heinrich Lefler entwickelte 1905 zusammen mit Joseph Urban im Wiener Jugendstil eine comicartige Bildfolge. Sie vereint acht Szenen des Märchens in einer einzigen ornamentalen Rahmung. Arthur Rackham schuf 1909 das berühmte Bild der heimkehrenden Zwerge, die das bewusstlose Schneewittchen finden. Kay Nielsen tauchte 1925 den Scheintod in eine surreale Schneelandschaft mit fahlen Farben. Eine besondere Schlüsselbedeutung hat das Schneewittchen-Wandbild der Comic-Künstlerin Dinah Gottliebova Babbitt von 1942.
Im 20. und 21. Jahrhundert ist die Liste der Bearbeitungen, Parodien und Umdeutungen kaum mehr zu überblicken. Donald Barthelmes Roman Snow White verlegt die Erzählung 1967 zu sieben Fensterputzern nach Manhattan. Iring Fetscher deutet das Märchen 1972 in seinem satirischen Märchen-Verwirrbuch als marxistische Klassenkämpferin um. Michael Kumpe lässt 1975 in seinem Gedicht Schneewittchen die Lust am Haushalten verlieren und auf modernere Leute warten. Andrzej Sapkowski verarbeitet den Stoff als grimmige Persiflage in Das kleinere Übel. Neil Gaimans Erzählung Snow, Glass, Apples (1995) erzählt das Märchen aus der Perspektive der Königin. Auch in der zeitgenössischen Kriminal- und Unterhaltungsliteratur wirkt der Stoff fort, etwa in Nele Neuhaus’ Schneewittchen muss sterben oder Krystyna Kuhns Schneewittchenfalle. Besonders der Spiegelvers wird gern zitiert. Die Popgruppe Tic Tac Toe nahm ihn 1995 in ihrem Lied Ich find’ dich scheiße auf.
Im Film prägte vor allem Walt Disneys Animationsfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937 in der Regie von David Hand das Bild des Märchens weltweit. Es folgten zahlreiche weitere Verfilmungen, von Gottfried Kolditz’ DEFA-Film 1962 über Pablo Bergers Stummfilm Blancanieves (2012) bis zu Tarsem Singhs Spieglein Spieglein (2012).
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →