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Unsere kleine Stadt
1938
– Werkseintrag –

Unsere kleine Stadt

1938 · Drama

Drei Akte aus dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt, in denen Frühstück, Schularbeiten und Hochzeit alles sind, was geschieht – und genau darin will Thornton Wilder das ganze Leben zeigen.

Überblick↑

Das Schauspiel Unsere kleine Stadt von Thornton Wilder erschien 1938 unter dem Originaltitel Our Town. Die Uraufführung fand am 22. Januar 1938 in den Vereinigten Staaten statt. Im selben Jahr wurde das Stück mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Es besteht aus drei Akten und folgt den Regeln des epischen Theaters. Schauplatz ist die erfundene Kleinstadt Grover's Corners in New Hampshire um die Jahrhundertwende. Wilder erzählt darin nichts Außergewöhnliches, sondern das ganz gewöhnliche Leben: Frühstück, Schularbeiten, Liebe, Heirat und Tod.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In drei Akten zeigt das Stück den Alltag einer amerikanischen Kleinstadt zu drei verschiedenen Zeitpunkten. Der erste Akt spielt 1901 und trägt das Motto „Das tägliche Leben“. Er führt die Nachbarsfamilien Gibbs und Webb ein, dazu Pfarrer, Polizist und weitere Bewohner. Zwischen den Jugendlichen George Gibbs und Emily Webb deutet sich eine Zuneigung an. Eine eigentliche Handlung gibt es kaum: Es wird gefrühstückt, im Haushalt gearbeitet, für die Schule gelernt.

Der zweite Akt setzt drei Jahre später ein und steht unter dem Motto „Liebe und Heirat“. George und Emily stehen vor der Hochzeit. Eine Rückblende zeigt, wie die beiden auf dem Heimweg in einer Eisbar zueinandergefunden haben. Den Abschluss bildet die große Hochzeitsszene.

Der dritte Akt führt in das Jahr 1913 auf den Friedhof von Grover's Corners. Hier verschiebt sich der Blickwinkel grundlegend, und das Stück stellt die Frage, ob die Menschen ihr eigenes Leben überhaupt wahrnehmen, solange sie es leben.

Zwischen den Akten verändert sich die Stadt in kleinen, oft augenzwinkernd gezeigten Schritten. Mit jeder Geburt wächst sie, das Automobil hält langsam Einzug, der elektrische Brutapparat wird erfunden. Zu den Skandalen des Ortes zählt der ständig betrunkene Kirchenorganist.

Die Handlung im Detail↑

Grover's Corners wird als heile Welt vorgeführt. Jeder kennt jeden, die Kinder sind wohlerzogen, jeden Morgen kommt der Milchmann Howie Newsome mit seinem Esel die Straße herauf.

Der erste Akt spielt 1901 unter dem Motto „Das tägliche Leben“. Zwischen den benachbarten Jugendlichen George Gibbs und Emily Webb deutet sich eine Romanze an. Daneben treten viele weitere Figuren auf: die Eltern und Geschwister der beiden, dazu Personen des öffentlichen Lebens wie Pfarrer und Polizist. Eine Inhaltsangabe fällt schwer, denn der Akt besteht fast ganz aus Belanglosigkeiten: Frühstück, Haushaltsarbeiten, Schularbeiten. Der Spielleiter berichtet vom Grundstein der neu gebauten Bank und davon, was hineingelegt werden soll.

Im zweiten Akt sind drei Jahre vergangen. Emily und George stehen kurz vor der Hochzeit. Eine Rückblende zeigt, wie sie auf dem Nachhauseweg in einer Eisbar zueinanderfanden. Den Abschluss bildet die große Hochzeitsszene. Emilys Mutter erinnert sich dabei an ihre eigene Heirat und daran, dass „die Welt vollkommen verkehrt eingerichtet ist“ – ein Wort des Widerspruchs bringt sie dennoch nicht vor.

Der letzte Akt spielt 1913 auf dem Friedhof von Grover's Corners. Emily ist bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben und kommt nun ins Reich der Toten. Von dort kann sie auf die Lebenden herabschauen, und sie möchte unbedingt zurück ins Leben. Ihre ebenfalls verstorbene Schwiegermutter Mrs. Gibbs erklärt ihr, dass sie tatsächlich an einen beliebigen Tag ihres Lebens zurückkehren und ihn noch einmal miterleben kann, nun aber aus der Distanz. Emily wählt ihren zwölften Geburtstag. Dort erkennt sie zum ersten Mal, wie nichtig die Dinge sind, mit denen sich die Lebenden abgeben. Sie versucht, ihre Mutter aus dem Alltagstrott zu reißen und aufzurütteln, doch das bleibt wirkungslos. Emily ist betrübt darüber, dass die Menschen blind für ihr Leben bleiben, weil alles so schnell vergeht, dass keine Zeit bleibt, es anzusehen. Resigniert kehrt sie ins Totenreich zurück und findet sich mit ihrem Tod ab.

Kurz vor dem Ende mischt sich der trunksüchtige Organist, der sich das Leben genommen hat, in Emilys Klage ein und spricht von der Wolke der Unwissenheit, in der die Menschen zeitlebens eingehüllt seien. Die Spannung zwischen dem Leben und der Blindheit, mit der es gelebt wird, löst das Stück nicht auf.

Stil↑

Als episches Theaterstück trägt Unsere kleine Stadt mehrere der Merkmale, die Bertolt Brecht für diese Form beschrieben hat. Es gibt keinen Vorhang, und die Zuschauer sehen zu, wie die Bühne umgeräumt wird. Requisiten und Hilfsmittel bleiben auf ein Minimum beschränkt: Der Esel des Milchmanns wird nur durch Gesten angedeutet, das Totenreich besteht bloß aus einer Ansammlung von Stühlen. Die Reise ins Jenseits wirkt als Verfremdungseffekt, der das Vertraute fremd erscheinen lässt.

Ein Spielleiter führt durch das Geschehen und spricht den Sinn des Lebens mal offen an; an anderen Stellen geschieht das eher beiläufig in den Monologen einzelner Figuren oder allein durch das Gezeigte. Eine Fabel im herkömmlichen Sinn hat das Stück nicht. Sein Inhalt ist das tägliche Leben: Liebe und Hochzeit, Tod und Friedhof. Dramatischen Konflikten im landläufigen Sinn geht Wilder konsequent aus dem Weg. Erst im dritten Akt erhebt sich das eigentliche Drama, und dieser Akt gilt als besonders wichtig für das Verständnis von Wilders Bühnenwerk.

Der Lerneffekt steht dabei vor der bloßen Unterhaltung. In der Banalität des Kleinstadtlebens soll sich das ganze Leben spiegeln: Die Romanze von Emily und George wiegt genauso schwer und ist genauso nichtig wie jede großbürgerliche Hochzeit. Das Leben erscheint höchst banal, „aber wunderbar“, wie es die Figur Mrs. Soames ausdrückt.

Rezeption↑

Bereits im Jahr der Uraufführung erhielt das Stück den Pulitzer-Preis und gehört seither zu den bekanntesten Werken Thornton Wilders. Es wurde mehrfach für Film und Fernsehen bearbeitet. 1955 entstand eine Folge einer Fernsehserie unter der Regie von Delbert Mann. 1961 folgte ein deutschsprachiger Fernsehfilm in der Regie von Ludwig Cremer. 2002 kam der Fernsehfilm The Big Time unter der Regie von Paris Barclay hinzu. Daneben gibt es eine musikalische Bearbeitung des Stoffes sowie eine Theaterproduktion unter dem Titel Eine kleine Stadt in der Regie von Oskar Wälterlin.

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