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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Thornton Wilder
Thornton Wilder
1897 – 1975
– Autorenporträt –

Thornton Wilder

1897 – 1975 · 78 Jahre

Amerikanischer Erzähler und Bühnenautor, der mit schlichter Kleinstadtwelt große Menschheitsfragen stellte – dreifach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt Thornton Wilder, der am 17. April 1897 in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin geboren wurde. Er schrieb ebenso erfolgreich Romane wie Theaterstücke und wurde dreimal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet: für den Roman Die Brücke von San Luis Rey sowie für die Bühnenstücke Unsere kleine Stadt und Wir sind noch einmal davongekommen. Für den Roman Der achte Schöpfungstag erhielt er außerdem den National Book Award. Sein Werk verbindet einfache Kleinstadtwelten mit großen Fragen nach dem Menschen und trägt, anders als bei vielen Zeitgenossen, einen ausgeprägten Optimismus. Wilder starb am 7. Dezember 1975.


Biografie↑

Geboren wurde Thornton Niven Wilder als Sohn des Zeitungsverlegers Amos Parker Wilder und dessen Ehefrau Isabella Thornton Niven, einer Pastorentochter. Der Vater war ein strenggläubiger Calvinist. 1906 wurde er als amerikanischer Generalkonsul nach Hongkong und später nach Shanghai berufen. So verbrachte Wilder einen Teil seiner Kindheit in China, wo er 1911 eine englische und 1912 eine deutsche Missionsschule besuchte.

Erste Theaterstücke schrieb er als Schüler an der Thacher School in Ojai in Kalifornien. Dort fühlte er sich fremd und wurde von den Mitschülern als überintellektuell gehänselt. Ein Klassenkamerad erinnerte sich später: „Wir ließen ihn alleine, ganz einfach alleine. Und er zog sich dann in die Bibliothek, seinen Zufluchtsort, zurück und lernte, sich von Demütigung und Indifferenz fernzuhalten.“ 1915 beendete Wilder seine Schulzeit an der Berkeley High School in Kalifornien.

Von 1915 bis 1917 studierte er neuere Sprachen am Oberlin College in Ohio, danach ging er 1918 an die Yale University. Während des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst und diente acht Monate bei einer Artillerieeinheit der amerikanischen Küstenwache. 1920 erwarb er an der Yale University den Bachelor of Arts. Im selben Jahr veröffentlichte er sein erstes Drama The Trumpet Shall Sound in der Universitätszeitschrift.

Von 1920 bis 1921 besuchte Wilder die American Academy in Rom. Anschließend arbeitete er zwei Jahre als Französischlehrer an der Lawrenceville School in New Jersey. 1925 erwarb er an der Princeton University den Grad eines Master of Arts in Französisch. Ein Jahr später erschien sein erster Roman The Cabala, dessen Niederschrift er bereits in Rom begonnen hatte. Bekannt und wirtschaftlich erfolgreich wurde er 1927 mit dem Roman The Bridge of San Luis Rey, der ihm 1928 den ersten Pulitzer-Preis einbrachte und mehrfach verfilmt wurde. 1928 wurde Wilder in die American Academy of Arts and Letters gewählt.

1931 veröffentlichte er unter dem Titel The Long Christmas Dinner eine Sammlung von Einaktern; das Titelstück vertonte später Paul Hindemith. In diesen Jahren lehrte Wilder vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Chicago. Seinen zweiten Pulitzer-Preis erhielt er 1938 für das abendfüllende Stück Our Town, einen Dreiakter, der in der erfundenen Kleinstadt Grover's Corners in New Hampshire spielt. Den dritten Pulitzer-Preis brachte ihm The Skin of Our Teeth ein, das 1943 mit Fredric March und Tallulah Bankhead in den Hauptrollen uraufgeführt wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs meldete sich Wilder erneut freiwillig und gehörte zwischen 1942 und 1945 einem amerikanischen Luftwaffenstab in Afrika und Italien an. Er wurde zum Lieutenant Colonel befördert. Später übersetzte er Stücke von André Obey und Jean-Paul Sartre. Von 1950 bis 1951 war er Professor of Poetry an der Harvard University, 1952 leitete er die amerikanische Delegation der UNESCO-Konferenz in Venedig.

Wilder war nie verheiratet und lebte seine Homosexualität nur versteckt. 1957 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1959 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst sowie die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main. Seine letzte Erzählung Theophilus North erschien 1973. Wilder starb am 7. Dezember 1975 in Hamden in Connecticut. Begraben ist er auf dem Mount Carmel Cemetery in Hamden.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Wilders Theater ist eine bewusst schlichte Bühne. In Our Town arbeitet er mit einem Erzähler, dem sogenannten „Spielleiter“, der gewissermaßen die Rolle des antiken Chors übernimmt. Durch die minimale Ausstattung der Bühne rückt Wilder das Allgemeingültige menschlicher Erfahrung in den Vordergrund. Dieses Stück gilt als bekanntestes Beispiel für seine besondere dramatische Technik.

Auch in The Skin of Our Teeth spielt er mit den Grenzen von Zeit und Raum und hebt sie geradezu auf: Vier Gestalten und drei Akte genügen ihm, um die ganze Geschichte der Menschheit aufzurollen. Wiederkehrende Themen sind Krieg, Seuchen, wirtschaftliche Not und Feuer als existenzielle Erfahrungen des Menschen. Anders als viele Autoren seiner Zeit, die den Nihilismus und die Absurdität des Daseins betonten, zeigt Wilder dabei „einen erstaunlichen Optimismus und eine nahezu unbekümmerte Bejahung des Lebens“.


Rezeption↑

Breite Anerkennung fand Wilder schon zu Lebzeiten. Der Roman The Bridge of San Luis Rey machte ihn 1927 einem großen Publikum bekannt und wurde mehrfach verfilmt. Insgesamt errang er drei Pulitzer-Preise sowie den National Book Award für den Roman Der achte Schöpfungstag. Sein Bühnenstück Our Town wurde verfilmt und wird bis heute gern gespielt.

Auch im deutschsprachigen Raum wurde Wilder geehrt. 1957 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1959 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main.

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