Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Undine
Eingang · Werke · Undine
Cover Undine
Undine
1811
– Werkseintrag –

Undine

1811 · Märchen

Ein Ritter heiratet eine Wasserfrau, die durch die Ehe eine unsterbliche Seele erlangen will – und gerät zwischen die Mächte zweier Welten, die einander nicht verstehen.

Überblick

Das Kunstmärchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué erschien 1811. Es kam zunächst in seiner Zeitschrift Jahreszeiten heraus und im selben Jahr als Buch. Es erzählt von der Wasserfrau Undine. Sie will durch die Ehe mit einem Menschen eine unsterbliche Seele erlangen. Das Werk gehört zu den bekanntesten Schöpfungen der deutschen Romantik. Über zwei Jahrhunderte hinweg hat es Komponisten, Dichter und Filmemacher angeregt – von musikalischen Bearbeitungen des 19. Jahrhunderts bis zu Christian Petzolds Kinofilm von 2020.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ritter Huldbrand verirrt sich in einem verrufenen Spukwald. Er soll ihn auf Geheiß der hochmütigen Bertalda durchqueren. Am anderen Ende des Waldes findet er Zuflucht bei einem alten Fischerehepaar, auf einer einsamen Landzunge zwischen See und Wasser. Dort lebt auch deren Pflegetochter Undine, ein eigensinniges, anmutiges Mädchen. Sie ist vor fünfzehn Jahren als kleines Kind aus dem Wasser zu ihnen gekommen.

Eine Überschwemmung schneidet die Landspitze von der übrigen Welt ab. In dieser Abgeschiedenheit nähern sich Huldbrand und Undine an. Ein Pater, den die Flut an Land gespült hat, traut die beiden. Schon bald nach der Hochzeit eröffnet Undine ihrem Mann ein Geheimnis. Es rückt ihre Liebe und ihr ganzes Leben in ein neues Licht.

Gemeinsam ziehen sie in die Stadt und später auf Huldbrands Burg Ringstetten an den Donauquellen. Dort begegnet ihnen Bertalda wieder. Immer wieder taucht ein rätselhafter Alter aus den Gewässern auf, der sich Undines Oheim Kühleborn nennt. Zwischen menschlicher Welt und Elementarreich, zwischen Treue und Wankelmut spannt sich eine Geschichte. In ihr fließen Wasser, Liebe und Schuld unauflöslich ineinander.

Die Handlung im Detail

Ritter Huldbrand reitet im Auftrag der schönen, hochmütigen Bertalda, der Pflegetochter eines Herzogs, durch einen Wald, den die Menschen meiden. Drohende Gestalten, ein hässlicher Kobold und ein undeutliches weißes Gesicht treiben ihn aus dem Forst hinaus auf eine Landzunge, wo ein alter Fischer mit seiner Frau lebt. Bei ihnen findet er Aufnahme und lernt ihre Pflegetochter Undine kennen, ein zauberhaft anmutiges, fast wildes Mädchen. Als der Fischer am Abend nicht über den Spuk des Waldes sprechen will, läuft Undine erzürnt davon.

Während Huldbrand und der Fischer auf sie warten, erzählt der Alte, wie vor fünfzehn Jahren sein eigenes Kind im Wasser ertrunken ist und am selben Abend ein dreijähriges, triefnasses Mädchen vor der Tür stand, das Undine heißen wollte. Ein Sturm bricht los, der Bach tritt über die Ufer. Huldbrand findet Undine auf einer durch die Flut entstandenen Insel; sie willigt erst in die Rückkehr ein, als der Fischer dem Ritter erlaubt, vom Wald zu erzählen. Huldbrand schildert seine Erlebnisse, und bei der Erwähnung Bertaldas beißt Undine ihn eifersüchtig in die Hand.

Die Überschwemmung macht die Landzunge zur Insel und schließt die kleine Gemeinschaft von der übrigen Welt ab. Huldbrand fühlt sich heimisch, die Alten betrachten die Jungen wie ein Verlobtenpaar. Ein Pater, den die Flut an Land gespült hat, erbittet Obdach – und traut Undine und Huldbrand. Nach der Trauung gesteht Undine ihrem Mann, dass sie keine Seele besitze, und bricht in Tränen aus. Auf der Insel im Fluss offenbart sie ihm das Geheimnis ihrer Herkunft: Sie ist ein Wasserwesen, das ihr Vater unter die Menschen gesandt hat, damit sie durch die Ehe mit einem Menschen eine unsterbliche Seele erlange.

Mit dem Geistlichen reisen die beiden in die Stadt. Im Wald begegnet ihnen Undines Oheim, der Wassergeist Kühleborn, einmal als langer weißer Mann, einmal als Bach. In der Stadt wird Undine für eine befreite Prinzessin gehalten und freundet sich mit Bertalda an. Auf deren Namensfest singt Undine eine Geschichte und offenbart, dass Bertalda in Wahrheit die einst verlorene Tochter des einfachen Fischerpaares ist – das ebenfalls geladen ist. Die eitle Bertalda reagiert wütend, ihre adligen Pflegeeltern verstoßen sie, und auch die alten Fischer wollen sie nicht zurücknehmen. Aus Mitleid bietet Undine ihr Freundschaft und nimmt sie mit auf Huldbrands Burg Ringstetten an den Donauquellen.

Auf der Burg wendet sich Huldbrand allmählich Bertalda zu, die immer herrischer auftritt. Kühleborn dringt durch jede Wasserader ein und verfolgt Bertalda mit Ohnmachtsanfällen. Undine lässt den Burgbrunnen mit einem schweren Stein verschließen und mit Zeichen versehen, um ihren Oheim fernzuhalten. Sie bittet Huldbrand inständig, sie niemals an einem Gewässer zu schelten, da ihre Verwandten sie sonst zurückforderten. Als Bertalda sich zurückgesetzt fühlt und in das gefährliche Schwarztal flieht, eilt der Ritter ihr nach; Undine reitet beiden erschrocken hinterher und rettet sie vor Kühleborns Nachstellungen.

Bertalda regt zu einer Donaufahrt an. Auf dem Wasser zeigt Kühleborn seine Macht: Undine muss ihn immer wieder bannen, was Huldbrand verdrießlich macht. Als Bertalda ihr goldenes Halsband, mit dem sie über der Wasserfläche spielt, an die Flut verliert, fährt der Ritter sie an. Undine holt ein Korallenhalsband aus dem Wasser, doch Huldbrand verwünscht sie laut zu ihren Verwandten zurück. Weinend erinnert Undine ihn an die Pflicht zur Treue, die ihn schützen werde, und verströmt in die Donau.

Anfangs erscheint Undine dem Ritter im Traum, dann seltener. Der alte Fischer fordert seine Tochter Bertalda zurück; Huldbrand will sie heiraten. Pater Heilmann warnt, denn er hat Undine lebend im Traumgesicht gesehen, doch das Paar bleibt fest. Huldbrand träumt, Kühleborn fordere von Undine, Huldbrand zu töten, falls er erneut heirate; Undine bittet im Traum nur, den Brunnen geschlossen zu halten. Die Hochzeit findet in gedrückter Stimmung statt. Bertalda lässt den Burgbrunnen öffnen, weil das Wasser ihrer Haut guttue – und ermöglicht damit Undine den Aufstieg. Diese erfüllt weinend ihre Pflicht und küsst Huldbrand zu Tode. Bei der Beerdigung erscheint Undine ein letztes Mal und verwandelt sich in eine Quelle, deren zwei Wasserarme das Grab des Geliebten umschließen.

Stil

Das Werk Undine ist im Ton des Kunstmärchens gehalten. Handlungsorte und Figuren sind schlicht und typisiert: der gefürchtete Wald, die Fischerhütte auf der Landzunge, die Burg an den Donauquellen; der Ritter, die Braut und die Rivalin. Zeit und Ort bleiben unbestimmt. Angedeutet wird ein mittelalterlicher Rahmen.

Die Komposition ist auffallend symmetrisch. Die ersten neun Kapitel an der Fischerhütte führen Huldbrand und Undine im Rhythmus von je drei Kapiteln zusammen, unbemerkt beeinflusst von Kühleborn. Der Streit auf Bertaldas Namensfeier bildet einen Höhepunkt. Die zweite Hälfte spiegelt die Annäherung als Wiederentfremdung, ebenfalls mit Ortswechseln nach je drei Kapiteln, bis zur unheilvollen Hochzeit. Das letzte Kapitel enthält nur die Beerdigung. Schon zu Beginn werden die zwei Wasserarme, die nach der Landzunge zu greifen scheinen, mit zwei liebenden Armen verglichen. Dieses Bild kehrt am Schluss wieder, wenn die Quelle Huldbrands Grab umschließt.

Fouqué beschreibt die Wasserwesen als Trugwesen. Der Betrachter kann nie sicher sein, ob sie wirklich da sind. Sie sprechen mitunter in Versen. Kühleborn wechselt im Augenblick die Gestalt, ist einmal langer weißer Mann, einmal Bach. Um Undine herum werden pfeilschnelle Wogen und Wolken vor dem Mond beschrieben, ein Bewegungsmuster, das auf den Ritter überspringt. Kühleborn und sein besessener Hengst schäumen, tosen und sprudeln. Der Erzähler wendet sich zwischendurch direkt an den Leser, um Huldbrands Empfindungen verständlich zu machen.

Der deutlichste Kontrast besteht zwischen christlicher Menschenwelt und Elementarwelt, zwischen Licht und Dunkel, Haus und Wildnis. Den ersten Bereich verkörpert am stärksten der ehrbare Fischer, dessen Frömmigkeit die Trugbilder des Waldes in Schach hält. Den zweiten verkörpert Undine, der die Elemente gehorchen. Eigentümlich ist das fast vollständige Fehlen moralischen Urteils. Schon der Fischer nennt Undine ein unartiges Kind, dem man aber nie böse sein kann. Auch in der Stadt und als Burgherrin ist sie beliebter als die herrische Bertalda. Mit ihr sucht sie dennoch stets Versöhnung. Die Rollen von Braut und Rivalin bleiben am Ende nicht eindeutig verteilt.

Rezeption

Das Werk Undine hat eine außergewöhnlich lange Nachwirkung entfaltet. Schon zu Lebzeiten Fouqués entstand 1816 das gleichnamige dramatisch-musikalische Werk. Ihm folgten 1845 eine weitere Opernfassung und 1850 die russischsprachige Bearbeitung Undina. 1842 wurde der Stoff in einer musikalischen Komposition aufgegriffen, 1882 in einer Undine-Sonate. Im 20. Jahrhundert wandte sich das Kino dem Stoff zu: 1916 verfilmte Henry Otto die Erzählung, 1918 entstand Hans Neumanns Nixenzauber, 1955 Ludwig Bergers Undine, 1974 Rolf Thieles Undine 74, 1992 Eckhart Schmidts Undine. Christian Petzolds Undine aus dem Jahr 2020 hat die Figur erneut in die Gegenwart geholt. Daneben gibt es ein choreografisches Werk Ondine und weitere literarische Bearbeitungen unter diesem Titel. Diese Reihe von Adaptionen erstreckt sich über mehr als zwei Jahrhunderte. Sie zeigt, dass der Stoff seine Wirkung über die Literatur hinaus bis in Musik, Film und Tanz behauptet hat.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten