1889
Unter dem Joch
Überblick↑
Der historische Roman Unter dem Joch von Iwan Wasow gilt als der erste große Nationalroman der bulgarischen Literatur. Er brachte seinem Verfasser den Ruf ein, der Patriarch der bulgarischen Literatur zu sein. Erzählt wird vom Freiheitskampf des bulgarischen Volkes gegen die osmanische Herrschaft, in dessen Mittelpunkt der Aprilaufstand von 1876 steht. Das Buch zählt zu den am häufigsten übersetzten Werken der bulgarischen Literatur und ist in mehr als dreißig Sprachen erschienen. Im Jahr 2009 ging es als Sieger aus einer bulgarischen Leseraktion hervor.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einer kleinen bulgarischen Stadt unter osmanischer Herrschaft herrscht nur an der Oberfläche Ruhe. Im Verborgenen bereiten sich die Bewohner auf einen Aufstand vor. In diese gespannte Lage kehrt ein Bulgare zurück, der aus türkischer Gefangenschaft geflohen ist. Unter falschem Namen will er die Erhebung gegen die Fremdherrschaft vorantreiben.
In der Stadt trifft er alte Freunde und alte Feinde wieder – und die Liebe seines Lebens. Der Roman entfaltet das persönliche Schicksal zahlreicher Menschen: ihre Beweggründe, sich dem Aufstand anzuschließen oder ihn zu bekämpfen, ihre Hoffnungen, ihren Mut und ihren Verrat. Neben dem Anführer treten ein lebenslustiger Heilkundiger, eine junge Lehrerin, ein reicher und ehrbarer Kaufmann sowie ein Verräter im Dienst der türkischen Behörden auf. Vor dem Leser breitet sich das Bild einer ganzen Gemeinschaft aus, die zwischen Angst, Alltag und dem Traum von Freiheit steht.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist das Städtchen Bjala Tscherkwa, hinter dem sich Wasows Heimatstadt Sopot verbirgt. Iwan Kralitsch, Sohn eines reichen Kaufmanns, war 1868 wegen seiner Teilnahme an einer Erhebung gegen die Obrigkeit in das Gefängnis von Diyarbakır verbannt worden. Nach acht Jahren in der Festung gelingt ihm die Flucht. Unter dem falschen Namen Boitscho Ognjanow kehrt er nach Bulgarien zurück, um das Werk der Revolution fortzusetzen. In Bjala Tscherkwa verliebt er sich in die Waise Rada Gosposchina, die im Frauenkloster aufwuchs und später Lehrerin an der Mädchenschule wurde.
An Ognjanows Seite steht der Heilkundige Doktor Sokolow, ein fröhlicher Junggeselle, der sich zu Hause eine zahme Bärin hält und das Leben zunächst leichtnimmt. Die Begegnung mit Ognjanow verwandelt ihn in einen aufopferungsbereiten Kämpfer. Der reiche Kaufmann Marko Iwanow, ein Freund von Kralitschs Vater, verkörpert den ehrbaren, aufgeklärten und vaterlandsliebenden Bulgaren; sein Vorbild war Wasows eigener Vater. Um sie herum sammeln sich weitere Gestalten: der treue blinde Koltscho, der Klosterobere Nafanail, ein früherer Räuber und guter Schütze, der zunächst scheue Diakon Wikenti, der aus Russland stammende, von sozialistischen Ideen erfüllte Student Kandow sowie der ungestüme Schuster Dimo.
Ihnen gegenüber steht Kirjak Steftschow, Sohn eines reichen Notablen, der offen für die türkische Macht spioniert und die Aufständischen bei jeder Gelegenheit verleumdet. Er wird zum Hauptfeind Ognjanows und Sokolows und liefert Ognjanow mehrfach an die Türken aus. Seine Frau Lalka, die Sokolow liebt, stirbt als unschuldiges Opfer von Steftschows Hass. Auch der alte, hartherzige Notable Jurdan Diamandiew und seine Schwester, die klatschsüchtige Nonne Hadschi Rowoama, gehören zu den Gegnern der Revolutionäre.
Die Vorbereitungen zur Erhebung schreiten voran, getragen von Begeisterung, aber schlecht organisiert. Historisch scheiterte der Aprilaufstand von 1876 an mangelnder Organisation, knappen Mitteln und Verrat. Auch im Roman führen Verrat und die Übermacht der türkischen Truppen zum Untergang der Erhebung. Der Diakon Wikenti, der sich vom Zögernden zum Revolutionär wandelt, opfert seine eigenen Überzeugungen für die Gemeinschaft und fällt als Held des Aufstands. Die grausame Niederschlagung der Erhebung durch die Türken wurde zum Anlass des russisch-türkischen Krieges, der Bulgarien schließlich in die Unabhängigkeit führte. In das Geschehen sind viele autobiografische Züge eingeflochten, denn Wasow nahm selbst an den geschilderten Ereignissen teil. Ein Teil der Handlung spielt in den Nachbarorten von Sopot, etwa in Klisura.
Stil↑
Deutlich ist der Roman von der französischen Literatur geprägt, für die sich Wasow begeisterte. Die Forschung hebt den starken Einfluss Victor Hugos auf seine Schreibweise hervor. Der Autor selbst bekannte, ihm sei bei der Arbeit in Odessa der Gedanke gekommen, etwas Ähnliches wie Die Elenden zu schaffen. So verbindet das Werk das große historische Panorama mit dem persönlichen Drama einzelner Menschen und zeichnet eine ganze Gemeinschaft mit ihren Tugenden und Schwächen.
Die Figuren sind fest in einer erkennbaren Wirklichkeit verankert; viele haben reale Vorbilder, darunter der Vater des Autors und ein Arzt, der zum Doktor Sokolow wurde. Auffällig ist der Reichtum der Sprache: Der Text enthält mehr als sechshundert veraltete Wörter und aus dem Türkischen entlehnte Ausdrücke, die im heutigen Bulgarisch nicht mehr vorkommen. Diese Sprachschicht macht das Buch für junge Leser schwer zugänglich, verleiht ihm aber die dichte Atmosphäre der geschilderten Zeit.
Rezeption↑
Mit diesem Roman wurde Iwan Wasow zum Nationalschriftsteller und gilt seither als Patriarch der bulgarischen Literatur. Das Werk erschien zunächst in Fortsetzungen in einer Literaturzeitschrift, ehe es als eigenständiges Buch herauskam. Fast zeitgleich mit der bulgarischen Buchausgabe erschien 1894 eine englische Übersetzung unter dem Titel Under the Yoke. Es folgten Übersetzungen ins Russische, Französische und in zahlreiche weitere Sprachen; in der Sowjetunion erschien das Buch unter anderem auf Armenisch, Georgisch, Ukrainisch und Litauisch und wurde vielfach neu aufgelegt. Insgesamt gilt es als das am häufigsten übersetzte Werk der bulgarischen Literatur.
Bis heute ist der Roman Pflichtlektüre an den bulgarischen Schulen und wird immer wieder neu aufgelegt. 2009 gewann er eine landesweite Leseraktion. Weil die vielen veralteten und türkischen Wörter jungen Lesern Mühe bereiten, entstanden eigene Hilfsmittel und Bearbeitungen. 2017 brachte ein Verlag eine Fassung in lateinischer Netzschreibweise heraus, um auf den Verfall der Rechtschreibung aufmerksam zu machen; das sorgte in Presse und Fernsehen für Aufsehen. 2025 stellte der Schauspieler Russi Tschanew gemeinsam mit seiner Tochter eine sprachlich behutsam modernisierte Ausgabe vor, in der die alten Fremdwörter durch heutige bulgarische ersetzt wurden.
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