Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Voss
Eingang · Werke · Voss
Abbildung nicht verfügbar
Voss
1957
– Werkseintrag –

Voss

1957 · Roman

Ein deutscher Forscher bricht 1845 auf, um Australien zu durchqueren, während in Sydney eine junge Frau zurückbleibt, mit der ihn über alle Entfernung hinweg etwas Unerklärliches verbindet.

Überblick↑

Der Roman Voss von Patrick White erschien 1957 und ist der fünfte veröffentlichte Roman des australischen Autors. Er geht auf das Leben des preußischen Forschungsreisenden und Naturforschers Ludwig Leichhardt zurück, der im 19. Jahrhundert bei einer Expedition ins australische Landesinnere verschwand. White erzählt darin von einem Mann, der den Kontinent durchqueren will, und von einer jungen Frau, die in Sydney zurückbleibt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt stehen zwei Gestalten: Johann Ulrich Voss, ein Deutscher, und Laura Trevelyan, eine junge Waise, die neu in der Kolonie Neusüdwales ist. Sie begegnen einander zum ersten Mal im Haus von Lauras Onkel, Mr. Bonner, der zugleich Voss' Expedition finanziert. Vor dem Aufbruch treffen sich die beiden noch einmal in einem Garten.

Im Jahr 1845 macht sich Voss auf, den australischen Kontinent zu durchqueren. Er sammelt eine Gruppe von Siedlern und zwei Aborigines um sich und zieht von der Küste ins Landesinnere. Dort erwartet die Männer eine Widrigkeit nach der anderen: erst eine von Dürre gezeichnete Wüste, dann überschwemmtes Land. Schließlich ziehen sie sich in eine Höhle zurück und warten wochenlang darauf, dass der Regen aufhört.

Während Voss fort ist, gehen die Erzählstränge hin und her zwischen der Expedition und dem Leben in Sydney. Laura nimmt ein Waisenkind bei sich auf und besucht einen Ball. Zwischen ihr und dem Abwesenden besteht eine Verbindung, die sich der räumlichen Trennung entzieht. Die Kraft des Buches liegt weniger in der Schilderung der äußeren Ereignisse als in der Leidenschaft, der Einsicht und dem drohenden Untergang der Reisenden.

Die Handlung im Detail↑

Die Erzählung setzt mit der ersten Begegnung von Voss und Laura Trevelyan im Haus des Kaufmanns Bonner ein. Laura ist eine junge Waise und erst seit kurzem in der Kolonie Neusüdwales; ihr Onkel tritt als Geldgeber der geplanten Expedition auf. Vor dem Aufbruch kommt es zu einem Treffen der beiden in einem Garten, das an den Garten Eden erinnert.

Im Jahr 1845 bricht Voss auf, um den Kontinent zu durchqueren. Seine Gesellschaft besteht aus einer Reihe von Siedlern sowie zwei Aborigines. Von der Küste aus zieht die Gruppe landeinwärts und stößt auf immer neue Hindernisse. Sie durchquert eine von Dürre heimgesuchte Wüste und danach überschwemmtes Gelände. Zuletzt verkriechen sich die Männer in einer Höhle und liegen dort wochenlang, bis der Regen nachlässt.

Parallel dazu verfolgt der Roman Lauras Leben in Sydney. Sie nimmt das Waisenkind Mercy auf und besucht einen Ball. Voss und Laura bleiben einander trotz der Entfernung verbunden: Sie können sich in Visionen verständigen, und der Erzählfaden wechselt zwischen beiden hin und her.

Nach dem Tod von Mr. Palfreyman, der die Gruppe bis dahin zusammengehalten hat, spaltet sich die Reisegesellschaft. Ein Teil folgt Voss, der andere dem begnadigten Sträfling Judd. Fast alle Beteiligten kommen schließlich um.

Etwa zwanzig Jahre später schließt der Roman mit einer Gartengesellschaft, die Lauras Cousine Belle Radclyffe, geborene Bonner, ausrichtet. Es ist der Tag, an dem ein Standbild von Voss enthüllt wird. Unter den Gästen befinden sich Laura Trevelyan und Mr. Judd, der einzige Überlebende der Expedition.

Stil↑

Durchgehend arbeitet White mit religiöser Bildsprache. Voss wird immer wieder mit Gott, mit Christus und mit dem Teufel in Beziehung gesetzt: Wie Christus zieht er in die Wüste, führt Menschen an und pflegt Kranke. Das Gartentreffen vor dem Aufbruch lässt sich als Anspielung auf den Garten Eden lesen.

Ein zweiter, metaphysischer Faden hält den Roman zusammen. Voss und Laura dürfen sich über Visionen verständigen, obwohl sie voneinander getrennt sind. Die Wüste erscheint bei White als Bild für den menschlichen Geist: eine leere Landschaft, in der alle Anmaßung, gottgleich zu sein, zerbricht. Lauras Aufnahme des Waisenkindes Mercy steht dagegen für eine reine Form der Hingabe.

Auffällig ist auch das durchgehende Spiel mit Doppelungen. Der Reisegruppe stehen zwei Anführer vor, und der Verstand und die Anmaßung des Voss werden mit der Schlichtheit und Bodenständigkeit des begnadigten Sträflings Judd verglichen, wobei Judd besser abschneidet. Er hat, so legt es der Roman nahe, die Leere der inneren Wüste angenommen und ist dadurch gottähnlicher geworden. In die Wüstenkapitel zieht zudem die Spiritualität der indigenen Bevölkerung Australiens ein.

Rezeption↑

In der englischsprachigen Welt gilt der Roman als ein Hauptwerk. Der Journalist Robert McCrum nahm ihn 2015 im Guardian in seine Liste der 100 größten auf Englisch geschriebenen Romane auf.

Das Buch hat auch andere Künste angeregt. Richard Meale machte daraus eine Oper gleichen Namens, das Libretto schrieb David Malouf; die Uraufführung fand 1986 beim Adelaide Festival of Arts unter der Leitung von Stuart Challender statt. David Lumsdaines Aria for Edward John Eyre ist ebenfalls von dem Roman angeregt und überträgt dessen Verfahren auf die Reise eines anderen Australienforschers.

Ein Film kam dagegen nie zustande, obwohl White ihn sich gewünscht hatte. Der Sydneyer Musikveranstalter Harry M. Miller erwarb die Rechte, als Regisseure waren zunächst Ken Russell, dann Joseph Losey im Gespräch. Losey und der Drehbuchautor David Mercer reisten 1977 nach Sydney, doch nach wenigen Tagen der Motivsuche in der Wüste musste der Regisseur mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Bei der Besetzung kam es zum Streit: Miller wollte Donald Sutherland und Mia Farrow, White hielt Farrow für zu weich und urteilte über Sutherland, Voss sei „dry and ascetic“ gewesen. Schließlich wurde Maximilian Schell für die Rolle des Forschers verpflichtet und das Drehbuch fertiggestellt, doch Miller brachte das nötige Geld nicht auf.

Auch später blieb das Buch im Gespräch. Im Jahr 2009 richtete das National Film and Sound Archive gemeinsam mit dem Canberra International Music Festival und weiteren Einrichtungen ein viertägiges Ereignis unter dem Namen The Voss Journey aus, mit Vorträgen, Konzerten, Filmen und Ausstellungen rund um den Roman.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten