1912 – 1990
Patrick White
Kurzbiografie↑
Patrick White wurde 1912 in London geboren und wuchs in Australien auf. Er gilt als einer der wichtigsten englischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1973 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, als bislang einziger Schriftsteller seines Kontinents. Sein Werk umfasst zwölf Romane, dazu Gedichte, Kurzgeschichten, Dramen, Essays und eine Autobiografie. Bekannt wurde er mit Büchern wie The Tree of Man, Voss und Riders in the Chariot. White lebte zurückgezogen, mied Interviews und öffentliche Auftritte und starb 1990 in Sydney.
Biografie↑
Seine Eltern Victor White und Ruth Withycombe waren Australier. Ihre kleinbäuerlichen Vorfahren waren aus Somerset in England nach Australien ausgewandert; dort hatte es die Familie White als Viehzüchter zu beträchtlichem Grundbesitz gebracht. Nach der Hochzeit bereiste das Ehepaar etwa zwei Jahre lang Europa und Länder des Nahen Ostens. So kam Patrick White 1912 im Londoner Stadtteil Knightsbridge zur Welt. Als er ein halbes Jahr alt war, kehrte die Familie nach Australien zurück und ließ sich in Sydney nieder. Man bewohnte zwei benachbarte Wohnungen: eine für die Eltern, eine für Patrick, seine jüngere Schwester Sue sowie die Kindermädchen und Dienstboten. Diese räumliche Trennung wurde bezeichnend für sein Verhältnis zu den Eltern.
1916 kaufte die Familie ein großes Anwesen in Sydney. Im selben Alter von vier Jahren erkrankte Patrick an Asthma, woran bereits sein Großvater mütterlicherseits gestorben war. Die angegriffene Gesundheit hielt ihn von Sport und Jungenspielen fern und lenkte ihn zu geistigen Beschäftigungen: Er las viel, besuchte mit seiner Mutter das Theater und gab im Freundeskreis der Mutter eigene kleine Tanzvorstellungen. Beim Spiel in den weitläufigen Gartenanlagen entwickelte er kindliche Geheimrituale und eine tiefe Beziehung zur Natur.
Mit zehn Jahren kam er auf ein Jungeninternat in Moss Vale in New South Wales. Vom Klima des Hochlands erhoffte man sich Besserung für seine Gesundheit. Er brauchte eine Weile, um sich an das Zusammenleben mit anderen Kindern zu gewöhnen, fand sich dann aber zurecht und begann, eigene Theaterstücke zu schreiben. 1924 geriet die Schule in finanzielle Schwierigkeiten. Auf Vorschlag der Internatsleitung schickten ihn die Eltern auf das Cheltenham College in England, wo er vier Jahre seiner Jugend verbrachte. Später nannte er diese Zeit eine „vierjährige Gefängnisstrafe“.
Am College zog White sich zurück und hatte wenige Freunde. Früh war er sich seiner Homosexualität bewusst, was seine Verschlossenheit noch verstärkte. In den Schulferien bereiste er mit den Eltern Europa, doch die innere Entfernung zu ihnen blieb. Sein engster Freund wurde Ronald Waterall, ein älterer Schüler, mit dem er die Leidenschaft fürs Theater teilte. Gemeinsam besuchten sie Theater- und Tanzvorstellungen in London. Als Waterall die Schule nach dem Abschluss verließ, war White wieder allein.
Er überredete seine Eltern, das College früher verlassen zu dürfen, um Schauspieler zu werden. Sie willigten unter der Bedingung ein, dass er zunächst nach Australien zurückkehrte und das Landleben versuchte. Patrick und sein Cousin Alf waren die einzigen männlichen Erben der Viehzuchtbetriebe der Familie. Zwei Jahre arbeitete White als Farmgehilfe, zuerst auf Monaro am Rand der Snowy Mountains, dann auf einem Anwesen der Withycombes bei Walgett im Norden. Die Eltern hofften, das harte Farmleben werde seine künstlerischen Absichten vertreiben. White entwickelte tatsächlich eine enge Beziehung zur Natur, begann aber zugleich wieder zu schreiben.
Nach der wenig geglückten Farmzeit unterstützte vor allem die Mutter sein Vorhaben, nach Cambridge zu gehen. Von 1932 bis 1935 studierte er am King's College französische und deutsche Literatur. Eine zunächst unglückliche Liebe zu einem Mitstudenten setzte ihm zu; wie viele Homosexuelle seiner Generation wagte er nicht, über seine Gefühle zu sprechen, und fürchtete ein Leben in Einsamkeit. Aus der Freundschaft mit dem Kommilitonen wurde schließlich doch eine Liebesbeziehung. 1933 reiste er in den Sommerferien nach Deutschland. Trotz des beginnenden Nationalsozialismus genoss er den Aufenthalt und verbrachte bis 1935 fast seine ganze Ferienzeit dort. Er entwickelte eine Leidenschaft für die deutsche Literatur der Romantik, bereiste das Land und versuchte, die politischen Entwicklungen zu übersehen.
Noch während der Studienzeit erschienen 1934 zwei seiner Gedichte in der Zeitung The London Mercury. Eines davon, The Ploughman, wurde 1935 in das Jahrbuch The Best Poems of 1935 aufgenommen: die bis dahin wichtigste Anerkennung seiner Arbeit. Den Druck der ersten Gedichtsammlung The Ploughman and Other Poems finanzierte in Australien seine Mutter; sie organisierte auch die Aufführung eines seiner Theaterstücke durch eine Amateurtruppe. 1935 schloss White mit dem Bachelor of Arts ab. Mit einer monatlichen Unterstützung des Vaters von 400 Pfund ließ er sich in einem Londoner Künstlerviertel nieder. Er schrieb viel, das unveröffentlicht blieb, überarbeitete den auf der Farm begonnenen Roman Happy Valley, traf seinen alten Schulfreund Waterall wieder, schloss enge Freundschaft mit dem australischen Maler Roy de Maistre und vertiefte sich in Ulysses von James Joyce.
1937 starb sein Vater und hinterließ ihm 10.000 Pfund. Damit konnte er sein Schriftstellerleben fortsetzen, ohne auf materiellen Erfolg angewiesen zu sein. Er schrieb zwei weitere Dramen und fand 1939 einen Verleger für Happy Valley. In London wurde der Roman wohlwollend aufgenommen und von Graham Greene, Elizabeth Bowen und Herbert Read gelobt, wenn auch die deutlichen Einflüsse des Ulysses bemängelt wurden. Australische Kritiker waren von der Schilderung des heimischen Landlebens weniger begeistert. Seinen zweiten Roman Nightside ließ White nach einigen negativen Rückmeldungen unvollendet; später sagte er, er habe diese Entscheidung bedauert.
1939 reiste er in die USA, um einen Verleger für Happy Valley zu finden und einen neuen Roman zu beginnen. Er bereiste Kalifornien, New Mexico und Cape Cod in Massachusetts, wo The Living and the Dead entstand. Das Buch fand in New York rasch einen Verleger, in London jedoch nicht. Als Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg eintrat, kehrte White nach London zurück und wurde als Nachrichtenoffizier in die Royal Air Force aufgenommen. Im Krieg war er im Nahen Osten, in Ägypten, Palästina und Griechenland eingesetzt. In Alexandria lernte er den griechischen Offizier Manoly Lascaris kennen, der sein Lebensgefährte wurde.
Nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst zogen White und Lascaris 1946 nach Australien und kauften ein altes Haus in Castle Hill, damals außerhalb von Sydney. Achtzehn Jahre verbrachten sie auf dem Anwesen, das sie Dogwoods nannten, züchteten Blumen, Gemüse und Milchvieh. 1955 veröffentlichte White The Aunt's Story und The Tree of Man. Annemarie und Heinrich Böll übersetzten The Tree of Man 1957 ins Deutsche unter dem Titel Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie. In den USA und England hatte White Erfolg, doch die australische Kritik verriss die Bücher teilweise als „unaustralisch“, und das heimische Publikum ignorierte sie. Erst der Roman Voss brachte 1957 den Durchbruch auch in Australien; White erhielt den ersten Miles Franklin Award.
Der 1961 erschienene Roman Riders in the Chariot, deutsch 1969 als Die im feurigen Wagen, schildert die Eintönigkeit des Lebens in der erfundenen australischen Kleinstadt Sarsaparilla. Das Buch wurde ein Bestseller, und White bekam erneut den Miles Franklin Award. Sarsaparilla blieb in den sechziger Jahren ein wiederkehrendes Motiv: in der Kurzgeschichtensammlung The Burnt Ones von 1964, deutsch 1992 als Die Verbrannten, und im Stück The Season of Sarsaparilla. 1964 verkauften White und Lascaris Dogwoods und zogen näher ins Zentrum von Sydney.
White hatte sich unter den großen englischsprachigen Schriftstellern einen Namen gemacht. Sein Freundeskreis war größer geworden, dennoch lebte er zurückgezogen und mied Interviews und öffentliche Auftritte. 1968 schrieb er The Vivisector, die Charakterstudie eines Künstlers; das Buch erschien 1972 und kam 1974 als Der Maler auf Deutsch heraus. Parallelen zu seinem Freund Sidney Nolan bestritt er heftig. Etwa um diese Zeit entschied White, keine Auszeichnungen mehr anzunehmen. Er lehnte den mit 10.000 US-Dollar dotierten Britannia Award ebenso ab wie einen weiteren Miles Franklin Award, beteiligte sich aber weiterhin an Auswahlverfahren für andere Preisträger. Ein Angebot von Harry M. Miller, ein Drehbuch zu Voss zu entwickeln, kam nicht zustande. Politisch engagierte er sich gegen die in Australien damals noch übliche Zensur und kämpfte etwa für die Zulassung von Philip Roths Roman Portnoys Beschwerden. Außerdem unterzeichnete er eine Stellungnahme australischer Politiker, Künstler und Akademiker gegen die Beteiligung des Landes am Vietnamkrieg.
1973 erhielt White den Nobelpreis für Literatur, ausgezeichnet wurde seine „epische und psychologische Erzählkunst, durch die der Literatur ein neuer Erdteil zugeführt worden ist“. Er fuhr nicht selbst nach Stockholm, sondern schickte seinen Freund Sidney Nolan, der den Preis stellvertretend entgegennahm. Als unmittelbare Folge wurde die Auflage des Romans The Eye of the Storm von 1973 verdoppelt, deutsch 1974 als Im Auge des Sturms, und der Vorschuss für das nächste Buch erhöht. Das Preisgeld stiftete White für den Patrick White Award, der langjährig arbeitende, bislang erfolglose Schriftsteller unterstützt. Im selben Jahr wurde er zum Australier des Jahres gewählt.
White unterstützte die Regierung von Gough Whitlam. Nachdem diese 1975 über zwei Skandale gestürzt war, entwickelte er eine Haltung gegen das Königshaus, die er in einem seiner seltenen Fernsehauftritte deutlich machte. Die siebziger Jahre brachten gesundheitliche Probleme mit sich, darunter Augenleiden und chronische Lungenbeschwerden. Als sein Roman The Twyborn Affair 1979 für den Booker Prize nominiert wurde, bat er die Jury, ihn von der Liste zu streichen, um jüngeren Schriftstellern eine Chance zu geben. Das Buch erschien 1986 auf Deutsch als Die Twyborn-Affäre. Bald darauf erklärte White, es sei sein letzter Roman; künftig wolle er nur noch für Radio und Bühne schreiben.
1981 veröffentlichte er seine Autobiografie Flaws in the Glass: A Self-Portrait, deutsch 1994 als Risse im Spiegel. Darin sprach er Dinge an, über die er bis dahin geschwiegen hatte, etwa seine Homosexualität und seinen Entschluss, den Nobelpreis nicht selbst entgegenzunehmen. Am Palmsonntag 1982 wandte er sich vor 30.000 Zuhörern gegen Uranbergbau und Nuklearwaffen. 1986 erschien mit Memoirs of Many in One doch noch ein letzter Roman. Im selben Jahr wurde Voss als Oper uraufgeführt. Zur Premiere beim Adelaide Festival kam White nicht, weil auch Königin Elisabeth II. eingeladen war; er zog es vor, die Aufführung in Sydney zu sehen. 1987 schrieb er Three Uneasy Pieces über das Altern und das Bemühen um ästhetische Vollkommenheit. Im selben Jahr unterstützte er in neun Sitzungen den Autor David Marr, der an seiner Biographie arbeitete. White starb am 30. September 1990 in seinem Haus in Sydney. Seine Asche wurde wenige Tage später von Manoly Lascaris und seiner Agentin Barbara Mobbs in einem Teich im Centennial Park verstreut.
Literarische Merkmale↑
Erzählen und Seelenkunde gehören bei White eng zusammen. Die Schwedische Akademie hob 1973 seine „epische und psychologische Erzählkunst“ hervor, „durch die der Literatur ein neuer Erdteil zugeführt worden ist“. Sein Werk ist breit angelegt: zwölf Romane, dazu Gedichte, Kurzgeschichten, Dramen, Essays und eine Autobiografie.
Kennzeichnend ist der genaue Blick auf das australische Land und auf das Leben in der Provinz. Die erfundene Kleinstadt Sarsaparilla, Schauplatz mehrerer Bücher der sechziger Jahre, steht für die Eintönigkeit dieses Daseins. Daneben schrieb White ausgeprägte Charakterstudien, etwa das Künstlerporträt in The Vivisector. Sein früher Roman Happy Valley zeigte noch deutliche Spuren der Lektüre von James Joyce; Kritiker bemängelten diesen Einfluss. In seinem Spätwerk Three Uneasy Pieces setzte er sich mit dem Altern und dem Streben nach ästhetischer Vollkommenheit auseinander.
Rezeption↑
Zwiespältig fiel die Aufnahme seiner Bücher lange aus. Der Erstling Happy Valley wurde 1939 in London wohlwollend besprochen und von Graham Greene, Elizabeth Bowen und Herbert Read gelobt; australische Kritiker dagegen waren von der Schilderung des heimischen Landlebens wenig angetan. Ähnlich erging es ihm Mitte der fünfziger Jahre: The Aunt's Story und The Tree of Man hatten in den USA und in England Erfolg, während die australische Kritik sie teilweise als „unaustralisch“ verriss und das Publikum daheim sie schlicht überging.
Der Durchbruch im eigenen Land kam 1957 mit Voss und dem ersten Miles Franklin Award. Riders in the Chariot wurde 1961 ein Bestseller und brachte ihm den Preis ein zweites Mal. Weitere Auszeichnungen nahm er ab Ende der sechziger Jahre nicht mehr an: Er lehnte den Britannia Award und einen weiteren Miles Franklin Award ab und ließ sich 1979 von der Vorschlagsliste des Booker Prize streichen, um jüngeren Autoren den Vortritt zu lassen. Den Nobelpreis von 1973 nahm er nicht selbst entgegen; das Preisgeld stiftete er für einen Preis, der langjährig arbeitende, bislang erfolglose Schriftsteller unterstützt.
Die Anerkennung schlug sich auch in Zahlen nieder: Nach dem Nobelpreis wurde die Auflage von The Eye of the Storm verdoppelt, der Vorschuss für den nächsten Roman erhöht. Im selben Jahr wählte man ihn zum Australier des Jahres. Ins Deutsche kamen seine Bücher über Jahrzehnte hinweg, den Anfang machten 1957 Annemarie und Heinrich Böll mit Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie. 1986 wurde Voss als Oper uraufgeführt. Sein Nachwirken zeigt sich auch in der Biographie von David Marr, den White 1987 in neun Sitzungen bei Detailfragen unterstützte.
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