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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Vorfrühling
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Vorfrühling
1924
– Werkseintrag –

Vorfrühling

1924 · Roman

Ein junger Mann, in Baku aufgewachsen, kommt nach dem Ersten Weltkrieg ins ersehnte, neu entstandene Polen – doch findet dort statt der erhofften gläsernen Häuser nur Armut und ein Land, das seinen Weg erst noch finden muss.

Überblick↑

Der politische Roman Vorfrühling (polnisch Przedwiośnie) von Stefan Żeromski erschien 1924 in Warschau im Verlag von Jakub Mortkowicz und trägt die Jahreszahl 1925. Er erzählt vom Leben des jungen Cezary Baryka, der im damals russischen Baku geboren und aufgewachsen ist und nach dem Ersten Weltkrieg in das neu entstandene, ersehnte Polen kommt. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: „Gläserne Häuser“, „Nawłoć“ und „Wind von Osten“. Es zeichnet die politischen Wege nach, zwischen denen sich das junge Polen jener Jahre entscheiden musste.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein knapper „Stammbaum“, der die Herkunft der Familie umreißt. Seweryn Baryka, Cezarys Vater, stammt aus polnischem Adel und bringt es im Zarenreich zum angesehenen Provinzbeamten. Seine Laufbahn führt die Familie in die Erdölstadt Baku, wo sie in Wohlstand lebt. Der Vater fühlt sich als Patriot und schöpft sein Wissen über Polen allein aus der Literatur.

Cezary wächst behütet und verwöhnt auf. Der Erste Weltkrieg und die Revolution reißen ihn aus diesem Leben heraus. Der junge Mann ist zunächst begeistert vom Umbruch, während seine Mutter kaum noch die Mittel zum Leben aufbringt. Nach schweren Erfahrungen macht sich Cezary auf den langen Weg in das Polen, von dem ihm sein Vater erzählt hat – ein Land angeblich gläserner Häuser und großer Verheißungen. In Warschau trifft er auf bittere Armut statt auf das Wunderland seiner Vorstellung.

Cezary nimmt ein Medizinstudium auf, zieht dann in den polnisch-sowjetischen Krieg und findet danach Erholung auf dem Landgut Nawłoć. Dort lernt er die vornehme Welt des polnischen Adels und mehrere junge Frauen kennen. Zurück in Warschau begegnet er zwei entgegengesetzten Vorstellungen von der Zukunft des Landes: dem behutsamen Reformweg des Beamten Szymon Gajowiec und dem revolutionären Umsturz, für den der Kommunist Antoni Lulek eintritt.

Die Handlung im Detail↑

Cezary Baryka lebt mit seinen Eltern im damals zum Russischen Reich gehörenden Baku. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird sein Vater Seweryn zum Militär eingezogen. Bald erreicht die Revolution die Stadt. Cezary ist von ihr und von den Aufmärschen fasziniert, während seine Mutter Jadwiga sich mühsam durchschlägt. Sie wird schließlich verhaftet und stirbt. Baku wird vor den Augen des jungen Mannes zum Schauplatz von Massakern an der ansässigen armenischen Bevölkerung, verübt durch türkisches Militär und einheimische Aserbaidschaner. In diesen Wirren findet Cezary zufällig seinen Vater wieder. Gemeinsam brechen sie zur beschwerlichen Reise nach Polen auf, doch Seweryn stirbt unterwegs.

Allein erreicht Cezary Warschau und findet dort Szymon Gajowiec, eine alte Liebe seiner Mutter. Statt der legendären gläsernen Häuser, von denen der Vater geschwärmt hatte, sieht er nur polnische Armut und Not. In diesem ersten Teil bildet sich die Haltung des Helden heraus, der bis zum Ende Sozialist bleibt.

Baryka nimmt ein Medizinstudium auf, meldet sich aber nach Ausbruch des polnisch-sowjetischen Krieges zum Militär. Im Kampf rettet er Hipolit Wielosławski das Leben, freundet sich mit ihm an und wird auf dessen Gut Nawłoć zur Erholung eingeladen. Auf dem Land genießt er die Vergnügungen und lernt drei junge Frauen kennen: Karolina Szarłatowiczówna, die sich in ihn verliebt und später vergiftet wird; Wanda Okszyńska, die ähnliche Gefühle für ihn hegt; und die Aristokratin Laura Kościeniecka, mit der er trotz ihrer Verlobung ein Verhältnis beginnt. Nach einem skandalösen Zwischenfall mit Lauras Verlobtem zieht Cezary sich auf das Vorwerk Chłodek zurück und kehrt dann in die Hauptstadt zurück. Dieser Teil stellt die Welt des polnischen Adels und der ihm zugehörigen Gutswirtschaft dar – ein greller Gegensatz zu allem, was Baryka im Krieg und auf der Flucht erlebt hat.

Zurück in Warschau tritt Baryka eine Stelle bei Szymon Gajowiec an und lernt dessen Ideale und Zukunftspläne für Polen kennen. Zugleich begegnet er Antoni Lulek, einem Studienkollegen mit kommunistischer Gesinnung. Cezary wird zu einer Versammlung der Kommunisten eingeladen und liefert sich dort eine scharfe Auseinandersetzung mit ihnen; seine Argumente finden kein Gehör, und er wird aus der Versammlung gewiesen. Ein letztes Mal trifft er Laura wieder. Beide gestehen einander tiefe Gefühle, doch Laura betont, dass eine Verbindung unmöglich sei, weil sie ihrem Mann treu bleiben werde. Daraufhin verlässt Cezary das Treffen.

In der Schlussszene nimmt Cezary an einem Zug der Arbeiter teil. Als Soldaten ihnen den Weg versperren, löst Baryka sich aus der Menge und schreitet allein auf die graue Mauer der Soldaten zu. Diese Szene bündelt die Wandlung der Hauptfigur: Aus dem verwöhnten, rücksichtslosen Jungen des Anfangs ist ein Mann geworden, der seine eigenen Überzeugungen und seine nationale Zugehörigkeit gefunden hat. Der Roman stellt zwei Wege für das wiedererstandene Land nebeneinander – Gajowiec' langsame, besonnene Reformen und Luleks Ruf nach kommunistischer Revolution nach bolschewistischem Vorbild. Gajowiec' Weg erscheint dabei als der bessere; zugleich klingt der Gedanke an, dass Arbeiter, die durch Umsturz an die Macht kämen, den Staat nicht sinnvoll zu lenken vermöchten.

Stil↑

Als politischer Roman führt das Werk die inneren und äußeren Wandlungen seines Helden vor und ordnet ihnen die großen Zeitfragen zu. Żeromski gliedert den Stoff in drei Teile mit sprechenden Überschriften – „Gläserne Häuser“, „Nawłoć“ und „Wind von Osten“ – und stellt ihm einen knappen „Stammbaum“ voran, der wie ein Entwurf des ganzen Buches wirkt.

Der Titel ist bewusst bildhaft gewählt. Das Vorfrühling genannte „Przedwiośnie“ bezeichnet wörtlich die Zwischenzeit zwischen Winter und Frühling, in der trotz Kälte und liegengebliebenem Schnee die ersten Zeichen des neuen Lebens erscheinen. Übertragen steht es für die Zeit, in der sich der polnische Staat nach der Zeit der Teilungen formte und im Land eine Aufbruchsstimmung herrschte. Der Titel klingt zudem mittelbar an Émile Zolas Roman Germinal an, dessen Name im französischen Revolutionskalender ebenfalls einen Vorfrühlingsmonat bezeichnet.

Rezeption↑

Große Beachtung fand der Roman auch im Film. Bereits 1928 kam eine Verfilmung in die Kinos, bei der Henryk Szaro Regie führte und Zbigniew Sawan die Hauptrolle spielte. Im Jahr 2001 brachte Filip Bajon den Stoff erneut auf die Leinwand; die Premiere fand am 2. März statt, in der Hauptrolle war Mateusz Damięcki zu sehen.

Wie lebendig das Buch geblieben ist, zeigt seine Auswahl für die landesweite Leseaktion „Narodowe czytanie“ im Jahr 2018. Für diesen Anlass wurde eine gekürzte Fassung erstellt, die um mehr als ein Drittel kürzer ausfiel als der eigentliche Text; die Kürzungen besorgte Andrzej Dobosz. Dieses Vorgehen rief Kritik von einigen Gymnasiallehrern hervor.

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