1937
Vor ihren Augen sahen sie Gott
Überblick↑
Der Roman Vor ihren Augen sahen sie Gott erschien 1937 unter dem Originaltitel Their Eyes Were Watching God bei J. B. Lippincott & Co. Er gilt als bekanntestes Werk der afroamerikanischen Autorin Zora Neale Hurston. Geschrieben hat sie ihn innerhalb von sieben Wochen, während sie sich auf einer anthropologischen Reise nach Haiti befand. Die Handlung spielt im Florida des 20. Jahrhunderts und erzählt vom Leben der Janie Crawford. Im Mittelpunkt steht ihr Erwachen aus einem machtlosen Dasein, bis sie die Zügel über ihr eigenes Schicksal in die Hand nimmt. Die Zeitschrift TIME nahm das Buch 2005 in ihre Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 auf.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht eine Heimkehr. Janie Crawford kommt nach über einem Jahr Abwesenheit in ihre Wahlheimat Eatonville zurück, und die Bewohner empfangen sie mit bösartigem Gerede. Ihre alte Freundin Pheoby Watson sucht sie auf. Die beiden Frauen setzen sich auf die Terrasse von Janies altem Haus, und Janie beginnt zu erzählen. Was folgt, ist ein langer Rückblick auf ihr ganzes bisheriges Leben.
Janie wächst bei ihrer Großmutter auf, die im Buch nur Nanny genannt wird. Nanny war Sklavin und hat Schweres erlebt; auch Janies Mutter Leafy blieb nicht verschont. Alle Hoffnungen, die Nanny einst in die Tochter gesetzt hatte, ruhen nun auf der Enkelin. Entsprechend streng fällt die Erziehung aus. Als die Sechzehnjährige vom Nachbarsjungen Johnny Taylor geküsst wird, greift die Großmutter hart durch und warnt sie, sie werde sonst zum Maulesel einer Gesellschaft, die nur ihren Körper und ihre Arbeitskraft wolle.
Aus dieser Sorge heraus verheiratet Nanny die junge Janie mit dem deutlich älteren Farmer Logan Killicks. Stabilität soll die Ehe bringen, doch Janie ist überzeugt, dass zu einer Ehe die Liebe gehört. Später begegnet sie dem wortgewandten Joe Stark, den alle Jody nennen, und geht mit ihm nach Eatonville, eine der ersten ganz von Schwarzen bewohnten Städte Amerikas. Jody bringt es dort weit. Wie viel Raum für Janie neben seinem Ehrgeiz bleibt, ist eine andere Frage.
Erst der junge Herumtreiber und Glücksspieler Vergible Woods, der sich lieber Tea Cake nennen lässt, bringt Janie das entgegen, wonach sie sich immer gesehnt hat: Respekt, Gelächter und eine Beziehung voller Liebe. Mit ihm zieht sie in die Everglades, wo beide als Bohnenpflücker arbeiten. Dann zieht ein schwerer Sturm über das Land.
Die Handlung im Detail↑
Nach über einem Jahr kehrt Janie Crawford nach Eatonville zurück. Die Nachbarn zerreißen sich die Mäuler, doch ihre seit zwanzig Jahren vertraute Freundin Pheoby Watson kommt zu Besuch. Auf der Terrasse von Janies altem Haus erzählt Janie ihre Lebensgeschichte. Dieser Rückblick füllt den Großteil des Romans.
Janies Großmutter Nanny war eine Sklavin und wurde wegen ihres Aussehens von ihrem Besitzer vergewaltigt. Aus den Übergriffen ging die Tochter Leafy hervor, und die Ehefrau des Peinigers wurde eifersüchtig. Um ihrem Zorn zu entkommen, floh Nanny mit dem Kind und fand am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs ein gutes Zuhause. Ein glücklicheres Leben wurde daraus nicht. Leafy wurde von ihrem Lehrer vergewaltigt und schwanger. Nach Janies Geburt verfiel sie dem Alkohol und ließ Tochter und Mutter allein zurück. Nanny überträgt nun alle Hoffnungen auf die Enkelin und erzieht sie streng. Mit sechzehn erlebt Janie ihr sexuelles Erwachen, ohne die eigenen Gefühle zu verstehen, und küsst den Nachbarsjungen Johnny Taylor. Nanny beobachtet die Szene und stellt Janie zur Rede: Wenn sie nicht aufpasse, werde sie zum Maulesel einer Gesellschaft, die nur ihren Körper und ihre Arbeit ausnutzen wolle.
Um das zu verhindern, bestimmt Nanny, dass Janie den älteren Logan Killicks heiraten soll, der eine Frau sucht. Sie hält die Enkelin für unfähig, allein für sich zu sorgen, und überzeugt sie mit den Aussichten auf Stabilität und neue Möglichkeiten. Janie hat kein Interesse an Logan, willigt aber ein. Anfangs behandelt er sie auf seiner Farm fair. Je länger die Ehe dauert, desto unglücklicher wird Janie, denn für sie gehört Liebe unbedingt dazu. Killicks dagegen wollte von Beginn an keine Liebesbeziehung, sondern eine Arbeitskraft für die Felder. Nanny und der Ehemann werfen ihr vor, ein verwöhntes, undankbares Gör zu sein, das sich vor der Hofarbeit drücke.
Den Ausweg findet Janie in Joe Stark, genannt Jody, einem jungen, wortgewandten Mann, der sie mit seinen Reden bezaubert. Sie brennt mit ihm durch. Gemeinsam gehen sie nach Eatonville, eine der ersten vollständig von Schwarzen bewohnten Städte Amerikas. Jody ist unzufrieden mit dem, was er vorfindet, und vermisst bei den Einwohnern jeden Ehrgeiz. Er kauft das umliegende Land, lässt die Bewohner einen Gemischtwarenladen errichten und festigt so seinen Einfluss. Schließlich wird er zum Bürgermeister ernannt. Während er sich und die Stadt bereichert, begreift Janie ihre Stellung in seinem Leben: Sie ist für ihn nur ein weiterer Besitz. Er schreibt ihr vor, wie sie sich zu kleiden und zu benehmen hat, beschränkt ihren Umgang mit den anderen auf ein Minimum und kritisiert jeden vermeintlichen Mangel scharf. Aufzulehnen wagt Janie sich vorerst nicht.
Nach einigen Jahren erträgt sie es nicht länger und macht ihrem Mann in einer Tirade Vorwürfe. Jody antwortet mit Gewalt und schlägt sie mit voller Kraft. Von da an gehen beide getrennte Wege, bleiben zwar in der Stadt, reden aber kaum noch miteinander. In dieser Zeit erkrankt Jody schwer; es zeigt sich, dass seine Nieren versagen. Als Janie von seinem nahen Tod erfährt, besucht sie ihn ein letztes Mal und sagt ihm, wer sie wirklich ist, denn sein Kontrollzwang hatte ihn das nie sehen lassen. Der Gedanke, dass er ihr wahres Ich noch kennengelernt hat, beruhigt sie. Sie lebt als vermögende Witwe weiter.
Nun umschwärmen sie viele Verehrer, angezogen von ihrem Aussehen und ihrem Vermögen. Janie lehnt aus Prinzip alle ab. Dann trifft sie den jungen Herumtreiber und Glücksspieler Vergible Woods, der lieber Tea Cake genannt wird. Wenn er in der Gegend ist, besucht er sie in dem Gemischtwarenladen, den sie seit dem Tod ihres zweiten Mannes weiterführt. Seine ungebundene Art zieht sie an. Er wirbt um sie mit dem Respekt, nach dem sie sich sehnt, und bringt sie mit improvisierten Ständchen auf der Luftgitarre zum Lachen. Zuerst zweifelt Janie an seinen Gefühlen, weil sie älter und reicher ist, verliebt sich aber dennoch. Sie verkauft den Laden, beide gehen nach Jacksonville und heiraten. Dann ziehen sie in die Everglades und arbeiten dort als Bohnenpflücker. Die Beziehung ist ein ständiges Auf und Ab: Beide werden immer wieder eifersüchtig, und Janie hat mit Tea Cakes Spielsucht und seinen Anwandlungen von Besitzgier zu kämpfen. Trotzdem ist diese Ehe genau das, was sie sich als Mädchen erträumt hatte.
Das Glück endet, als der Okeechobee-Hurrikan über die Gegend zieht und die beiden vom Wasser eingeschlossen werden. Auf dem Weg in Sicherheit greift ein tollwütiger Hund Janie an. Tea Cake geht dazwischen und wird an ihrer Stelle gebissen. Er steckt sich mit der Tollwut an, und seine Persönlichkeit verändert sich. Er wird schneller eifersüchtig und kann seine Wut kaum noch beherrschen. Schließlich versucht er, Janie im Anfall zu erschießen. Sie greift nach dem Gewehr im Haus und tötet den Geliebten in Notwehr. Vor Gericht muss sie sich dennoch verantworten. Tea Cakes Freunde erscheinen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen, während eine Gruppe weißer Frauen aus der Umgebung sie unterstützt. Die ausschließlich weißen Geschworenen sprechen sie frei. Janie richtet Tea Cake eine aufwendige Beerdigung aus. Seine Freunde entschuldigen sich und wünschen, dass sie in den Everglades bleibt. Janie vergibt ihnen, kehrt aber nach Eatonville zurück, wo sie das erwartete Gerede empfängt. Die Geschichte endet dort, wo sie begann: bei Janie und Pheoby auf der Terrasse hinter dem alten Haus.
Stil↑
Auffällig an dem Roman ist sein Aufbau. Die Erzählung setzt bei Janies Heimkehr ein und öffnet dann einen langen Rückblick, der fast das ganze Buch trägt: Janie berichtet ihrer Freundin Pheoby, was sie erlebt hat. Am Schluss kehrt die Erzählung zu genau dieser Szene auf der Terrasse zurück, sodass sich der Kreis schließt. Besonders umstritten war die Sprache. Gerade der verwendete sprachliche Stil brachte ihr bei der ersten Veröffentlichung die Ablehnung vieler Kritiker ein.
Rezeption↑
Zunächst fand das Buch wenig Zuspruch. Auch von den anderen Autoren der Harlem Renaissance kam meist nur Widerspruch zu Hurstons Themen. Richard Wright beklagte, sie weigere sich, ernsthafte Fiktion zu schreiben, und komme aus dem überkommenen Stil nicht heraus; Ralph Ellison äußerte sich ähnlich. Nicht alle Stimmen waren so negativ. In weißen Kritikerkreisen fand der Roman großen Anklang, was sich allerdings finanziell nicht auszahlte.
Rund vierzig Jahre später änderte sich das Bild. In den 1970er und 1980er Jahren führten Universitäten in den USA die „Black Studies“ ein, ein Programm, das der Literatur schwarzer Autoren einen Platz in der akademischen Welt verschaffte. Dabei wurde Hurston neu entdeckt. Die Wiederentdeckung fiel in die Zeit des wachsenden Schwarzen Feminismus, der von Mary Helen Washington, Audre Lorde und Alice Walker angeführt wurde. Vor allem Walker hielt fest, dass Hurstons Buch genau ihrem Geschmack entspreche. Seither gilt der Roman als wichtiger Text dieser Bewegung. 2005 nahm die Zeitschrift TIME ihn unter die 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 auf. Im selben Jahr entstand unter der Regie von Darnell Martin der Fernsehfilm Und ihre Augen schauten Gott.
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