1939
Tag der Heuschrecke
Überblick↑
Der Roman Tag der Heuschrecke von Nathanael West erschien 1939 unter dem Originaltitel The Day of the Locust. Er erzählt vom Rand der Filmindustrie: von Menschen, die in Hollywood auf Erfolg hoffen und ihn nie erreichen. Entfremdung und Verzweiflung dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe stehen im Mittelpunkt. Heute gilt das Buch als ein Klassiker der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Das Magazin Time nahm es 2005 in seine Auswahl der besten englischsprachigen Romane seit 1923 auf. Die britische Zeitung The Guardian zählte es 2009 zu den 1000 Romanen, die jeder gelesen haben muss.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum steht Tod Hackett, der sich selbst für einen Maler und Künstler hält. In Hollywood arbeitet er als Kostümbildner und Hintergrundmaler für die Studios. Nebenher malt er weiter an einem eigenen Bild, das den Untergang von Los Angeles zeigen soll.
Tod verliebt sich in die siebzehnjährige Faye Greener. Sie ist erfolgshungrig und gibt sich wie ein kommender Star, obwohl sie bislang nur in einem einzigen Film als Statistin zu sehen war. Ihr Geld verdient sie gelegentlich als Prostituierte. Über die Arbeit im Studio und sein Werben um Faye lernt Tod eine Reihe von Menschen kennen, die wie er am Rand des Filmgeschäfts leben. Die meisten von ihnen interessieren sich ebenfalls für Faye.
Zu diesem Kreis gehören der Cowboy Earle, der hin und wieder als Statist in Western auftritt, und dessen mexikanischer Freund Miguel, der Kampfhähne hält. Dazu kommen der kleinwüchsige Abe Kusich und Homer Simpson, ein vereinsamter Buchhalter mit einem angesparten Vermögen. Homer stammt aus dem Mittleren Westen und war aus gesundheitlichen Gründen nach Hollywood gezogen. Dort wirkt er wie ein Fremdkörper. Seine bedingungslose Verliebtheit nutzt Faye rücksichtslos aus. Auch Fayes Vater Harry gehört zum Personal, ein heruntergekommener Varieté-Künstler, der sich mit dem Verkauf von Polituren über Wasser hält.
Was die Figuren eint, ist der Wunsch, in Hollywood etwas zu werden. Der Roman führt sie in immer engere Abhängigkeiten voneinander und steuert auf eine Filmpremiere zu, vor der sich eine große Menschenmenge sammelt.
Die Handlung im Detail↑
Tod Hackett ist als Kostümbildner und Hintergrundmaler in den Studios Hollywoods beschäftigt, sieht sich selbst aber als Künstler. Neben der Studioarbeit malt er an einem Gemälde über die Apokalypse von Los Angeles. Es trägt den Titel The Burning of Los Angeles – Der Brand von Los Angeles.
Tod verliebt sich in die siebzehnjährige Faye Greener, die sich selbst als kommenden Star inszeniert. Tatsächlich hat sie nur in einem Film als Statistin mitgewirkt und verdingt sich gelegentlich als Prostituierte. Um Faye herum sammelt sich ein Kreis von Randfiguren des Filmgeschäfts: der Statisten-Cowboy Earle, dessen mexikanischer Freund Miguel mit seinen Kampfhähnen, der kleinwüchsige Abe Kusich und der Buchhalter Homer Simpson. Fast alle bewerben sich auf ihre Art um Faye.
Als Fayes Vater Harry stirbt, zieht sie als Untermieterin in Homers Haus ein. Homer und Tod machen sich beide Hoffnungen. Faye jedoch wendet sich zuerst Earle zu und dann Miguel. In diesem Umfeld kommt es unter anderem zu einem blutigen Hahnenkampf; Tod trägt zugleich Gewaltphantasien mit sich herum, in denen Faye eine große Rolle spielt.
Schließlich zieht Faye aus. Homer erleidet daraufhin einen psychischen Zusammenbruch. Vor einer Filmpremiere gerät eine Menschenmenge in Aufruhr, und der orientierungslose Homer wandert mitten hindurch. Adore Loomis, ein Möchtegern-Kinderstar aus seiner Nachbarschaft, ärgert ihn abermals und bewirft ihn mit einem Stein. Der besinnungslose Homer trampelt den Jungen brutal nieder. Der Mob will Homer daraufhin lynchen. Am Ende sieht Tod sein apokalyptisches Gemälde über Hollywood vor seinen Augen Wirklichkeit werden, während er sich verletzt und nur mühsam aus der Menschenmasse befreit.
Stil↑
Auffällig ist die bewusst flache, stereotype Zeichnung der Figuren. Sie gilt als Kunstgriff Wests. Richard Keller Simon schrieb 1993, die Gestalten könnten alle aus B-Filmen jener Zeit stammen. Und tatsächlich sind sie wie Rollentypen gebaut: Harry Greener der heruntergekommene Varieté-Künstler, Faye das ehrgeizige und kaltherzige Starlet, Claude Este der erfolgreiche Drehbuchautor, Homer Simpson der plumpe und desillusionierte Jedermann, Abe Kusich der kleinwüchsige Gangster, Earle der Cowboy mit seinem mexikanischen Kumpel Miguel und Adore Loomis der altkluge Kinderstar mit karrieresüchtiger Mutter.
Der Titel geht möglicherweise auf das Alte Testament zurück. Ursprünglich hatte West seinen Roman The Cheated – Die Betrogenen – nennen wollen. Susan Sanderson verweist auf die bekannteste Erwähnung von Heuschrecken im 2. Buch Mose: Die achte der neun Plagen ist ein Heuschreckenschwarm, der das Land kahl frisst. Auch die Offenbarung des Johannes kennt zerstörerische Heuschrecken. Nach Sanderson ruft Wests Wortwahl Bilder von Verwüstung auf, von einem Land, in dem nichts Grünes mehr lebt.
Zu diesem Grundton passen die vielen Hinweise auf Zerstörung und Gewalt im Buch: Tod Hacketts Gemälde vom brennenden Los Angeles, seine Gewaltphantasien um Faye, der Wunsch des Mobs, Homer zu lynchen, und der blutige Ausgang des Hahnenkampfes.
Rezeption↑
Wie andere amerikanische Schriftsteller seiner Zeit arbeitete West während der 1930er Jahre für die Filmindustrie Hollywoods; ähnlich taten es William Faulkner und F. Scott Fitzgerald. Diese Erfahrung ging in sein Werk ein. Hollywood erscheint bei ihm als makabrer Friedhof der amerikanischen Illusionen, als Grab des amerikanischen Traums. Alles ist vorgetäuscht, selbst die Wirklichkeit wird zur Maskerade.
W. H. Auden erkannte als Erster die Bedeutung des Wunsches in Wests Romanen. Er bezeichnete sie als Parabeln über eine Hölle, deren Herrscher nicht der Meister der Lügen sei, sondern der Meister der Wünsche. Ähnlich argumentiert James Light. Als Leitmotiv des Buches gilt, dass die hoffnungsfrohen Erzählungen der amerikanischen Moderne als Betrug entlarvt werden. Einige Kritiker sahen darin einen radikalen Wandel der Erzähltradition seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert: Während die zeitgenössische Literatur die Massenkultur meist ablehnte oder gar nicht behandelte, rückte West sie in den Mittelpunkt. James F. Light deutete die Schilderung des gewalttätigen Mobs im Schlusskapitel auch als Ausdruck der Sorge über das faschistische Europa. West selbst war Jude und gehörte damit in den Vereinigten Staaten einer ausgegrenzten Gruppe an.
Auf Deutsch erschien der Roman 1964 bei Diogenes in Zürich in der Übersetzung von Fritz Güttinger, später auch als Taschenbuch mit dem Zusatz „Ein Hollywood-Roman“. 2013 legte Manesse in Zürich eine Neuausgabe unter dem Titel Der Tag der Heuschrecke vor, neu übersetzt und herausgegeben von Klaus Modick, mit einem Nachwort von Bernd Eilert.
John Schlesinger verfilmte den Stoff 1975; das Drehbuch schrieb Waldo Salt, Donald Sutherland spielte Homer Simpson. Die Zeitschrift Cinema nannte den Film eine „Verlierer-Fabel mit Top-Besetzung“. Das Lexikon des internationalen Films sah in ihm eine „Mischung aus Nostalgie und Gesellschaftskritik, etwas weitschweifig entwickelt, aber sorgfältig und in Einzelheiten eindrucksvoll inszeniert“; der „exzessiv übersteigerte Schluß“ wirke „dramaturgisch aufgesetzt“, entspreche aber durchaus der Vorlage.
Auch in der Popkultur hat der Roman Spuren hinterlassen. Bob Dylan nahm für sein Album New Morning von 1970 ein Stück mit dem Titel „Day of the Locusts“ auf. Der Song „Call of the West“ der Band Wall of Voodoo von 1982 wurde als musikalische Umsetzung des letzten Romankapitels bezeichnet. Matt Groening, der Schöpfer der Simpsons, gab in mehreren Interviews an, seine bekannteste Figur nach einer Gestalt aus diesem Roman benannt zu haben. In der Comic-Serie Y: The Last Man wird das Buch mehrfach erwähnt. Und der Song „Peeled Apples“ der Manic Street Preachers aus dem Jahr 2009 spielt in einer Zeile auf den kleinwüchsigen Hahnenkampf-Besitzer an.
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