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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Nathanael West
Eingang · Autoren · Nathanael West
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Nathanael West
1903 – 1940
– Autorenporträt –

Nathanael West

1903 – 1940 · 37 Jahre

US-amerikanischer Erzähler der Weltwirtschaftskrise, der zu Lebzeiten kaum gelesen wurde und erst nach seinem frühen Tod als Klassiker der amerikanischen Moderne galt.

Kurzbiografie↑

Nathanael West war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der zwischen 1931 und 1939 nur vier kürzere Romane veröffentlichte. Geboren wurde er 1903 in New York als Nathan Wallenstein Weinstein. Zu Lebzeiten blieben seine Bücher fast ohne Erfolg und einer breiten Öffentlichkeit unbekannt. Erst seit den 1950er Jahren fanden sie den Beifall der Kritiker und wurden bekannter. Heute gilt West als einer der Klassiker der modernen amerikanischen Literatur und als ein Wegbereiter der Postmoderne.


Biografie↑

Als Sohn deutschsprachiger Juden kam Nathan Wallenstein Weinstein 1903 in New York zur Welt. In den Personenregistern findet sich eine kleine Abweichung: Wikidata verzeichnet als Geburtsort „New York City“, die Deutsche Biographie „New York, NY“ – gemeint ist in beiden Fällen dieselbe Stadt. Seine Eltern stammten aus dem damals russisch beherrschten Litauen und waren um 1890 nach Amerika ausgewandert. Der Vater Max Weinstein baute in kurzer Zeit ein florierendes Bau- und Immobilienunternehmen auf und brachte es zu einigem Wohlstand. So verbrachten West und seine Schwestern Laura und Hinda eine behütete Kindheit.

Die Familie legte großen Wert auf Schulbildung, kaum jedoch auf Religion. Weil die Eltern im zaristischen Russland Antisemitismus erlebt hatten, wünschten sie sich für ihre Kinder eine völlige Eingliederung in die amerikanische Gesellschaft. Sie schickten die drei Kinder auf öffentliche Schulen in Manhattan und begeisterten den jungen Nathan für Baseball. Zugleich sahen sich die Weinsteins als Teil des Bildungsbürgertums und gaben ihrem Sohn die europäischen Klassiker zu lesen, darunter Shakespeare, Dickens, Henry James, Flaubert, Tschechow und Dostojewski. Von einigen dieser Autoren war er später als Schriftsteller noch beeinflusst.

Zur Enttäuschung der Eltern entwickelte sich Nathan zu einem schlechten Schüler und notorischen Schwänzer. Ab 1917 besuchte er die DeWitt Clinton High School, die er 1920 ohne Abschluss verließ. Mit einem selbst gefälschten Zeugnis schrieb er sich 1921 am Tufts College ein, wurde aber schon nach einem Semester zwangsexmatrikuliert. In dieser Notlage half ihm der Zufall: Am College studierte ein zweiter Nathan Weinstein, dessen Zeugnisse auf ungeklärtem Weg in seine Hände gerieten. Mit diesen Unterlagen immatrikulierte er sich erfolgreich an der Brown University und konnte seine Seminare weitgehend auf die Geisteswissenschaften beschränken. Dort wandelte er sich zum passablen Studenten, kultivierte den Ruf eines Campus-Dandys und las viel, besonders die europäische und amerikanische Avantgarde. Dass ihm als Jude der Beitritt zu den Studentenverbindungen verwehrt blieb, belastete ihn; seine jüdische Herkunft wurde ihm zunehmend unangenehm.

Dieses schwierige Verhältnis zeigte sich auch an seinem Namen. Schon am Tufts College hatte er sich „Nathaniel Weinstein“ genannt, an der Brown University „Nathanael von Wallenstein Weinstein“ und dabei angedeutet, er sei adligen Blutes. Wallenstein war tatsächlich der Geburtsname seiner Mutter Anna. Am 16. August 1926 änderte er seinen Namen amtlich zu Nathanael West.

Nach dem Studium überredete er seine Eltern, ihm einen Parisaufenthalt zu finanzieren. Anders als die Tausenden künstlerisch ambitionierten Amerikaner der Lost Generation blieb er nur knapp drei Monate in Frankreich, behauptete später aber gern, es seien drei Jahre gewesen. Zurück in den USA arbeitete er zeitweise als Hotelportier und schrieb an seinem ersten Roman. The Dream Life of Balso Snell erzählt satirisch von der Suche eines jungen Mannes nach einem Lebenssinn; das 1931 erschienene Buch war kein Erfolg und gilt bis heute als sein schwächstes. Die Novelle Miss Lonelyhearts (1933) handelt von einem Zeitungsredakteur, der unter dem Pseudonym „Miss Lonelyhearts“ seinen Lesern Lebensratschläge gibt, und ist eine bittere Satire auf das Zeitungsgeschäft. Sie brachte West erstmals gute Kritiken, verkaufte sich jedoch nur mäßig. Mit Eine glatte Million (1934) persiflierte er die optimistischen Romane von Horatio Alger, doch das schnell geschriebene Buch blieb hinter den Erwartungen zurück.

Um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, wurde West Drehbuchautor in Hollywood. Er arbeitete zunächst für Columbia Pictures, später für Republic Pictures und RKO Radio Pictures und verdiente zeitweise ein Vielfaches seines früheren Lohns. Die Filme mit seiner Beteiligung sind heute weitgehend vergessen. Sein Leben in Hollywood verarbeitete er in Tag der Heuschrecke, seinem umfangreichsten Werk, das damals nur mäßige Besprechungen erhielt. Befreundet war er mit Schriftstellern wie Dashiell Hammett und William Carlos Williams; der Humorist S. J. Perelman war sein Schwager. Im April 1940 heiratete er Eileen McKenney. Beide starben am 22. Dezember 1940 in Kalifornien bei einem Autounfall, nur einen Tag nach dem Tod des befreundeten Schriftstellers F. Scott Fitzgerald.


Literarische Merkmale↑

In Wests Romanen herrscht das Gefühl von Verlorenheit und Isolation des Einzelnen in der Moderne des 20. Jahrhunderts vor. Seine Figuren suchen vergeblich nach spiritueller Erlösung, nach dauerhaftem Glück oder nach beruflichem Erfolg. Die Bücher richten den Blick auf den öffentlichen Raum der USA und zeigen die Falschheit und den Zynismus von Zeitungen, politischen Kampagnen und der Filmindustrie. Wests Gestalten spüren eine Leere und Hoffnungslosigkeit und üben seelische wie körperliche Grausamkeiten gegen ihre Mitmenschen aus. Insgesamt ist sein Werk von den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und der Sorge um deren menschliche Folgen geprägt.

Politisch vertrat West eine sozialistische Haltung, lehnte aber eindeutig ideologische Perspektiven ab und ließ selten ausdrückliche politische Absichten erkennen. In Eine glatte Million nahm er verschiedene Haltungen zugleich aufs Korn: den American Dream ebenso wie faschistische Bewegungen und den Kommunismus.

Für William Carlos Williams zeichnete sich Wests Prosa durch eine neue Sprachweise aus, die einerseits den Jargon der Journalisten aufgreife, andererseits aber den „vollen Ausdruck seiner Empfindungen“ erlaube. Die „tote Atmosphäre“ von Miss Lonelyhearts spiegele das „unglaubliche tote Leben der Menschen“. Wests Erzähler schildern in einer lakonischen, bewusst oberflächlich und distanziert gehaltenen Sprache selbst tragischste und grausamste Vorkommnisse; nur gelegentlich schimmert Mitgefühl durch.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Wests Name einer breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt, und auch die Verkaufszahlen blieben durchweg gering. Von Tag der Heuschrecke wurden in den ersten Monaten nur rund 1500 Exemplare verkauft. Erst ab den 1950er Jahren wurde West wiederentdeckt und genießt heute großes Ansehen.

Besonders zwei Werke gelten als herausragend. Tag der Heuschrecke gilt vielen Kritikern heute als eines der besten Bücher, die je über Hollywood geschrieben wurden. Der Roman spielt während der Great Depression und beschreibt die Entfremdung und Verzweiflung einer Gruppe von Menschen, deren Träume vom Erfolg gescheitert sind. Eine der Hauptpersonen heißt „Homer Simpson“; auf sie geht möglicherweise der Name der Hauptfigur aus der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ zurück. Daneben gilt vor allem Miss Lonelyhearts als bedeutend. Sein Biograf James F. Light bezeichnete diesen Roman noch vor Tag der Heuschrecke als sein perfektestes Werk. Der Literaturkritiker Harold Bloom nannte Miss Lonelyhearts seinen persönlichen Lieblingsroman aus der literarischen Moderne und führte ihn in seinem Kanon als eine der acht größten Errungenschaften der amerikanischen Kultur im 20. Jahrhundert.

In Deutschland sind Wests Werke vergleichsweise unbekannt geblieben. Immerhin veröffentlichte der Manesse Verlag Anfang der 2010er Jahre seine drei Hauptwerke in Neuübersetzungen.

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