1878 – 1955
Léon Werth
Kurzbiografie↑
Léon Werth war ein französischer Schriftsteller und Kunstkritiker. Für Aufsehen sorgten zunächst seine Bücher gegen den Krieg. Er vertrat eine ausgesprochen unabhängige, liberale Haltung und kritisierte Kirche, Klerus und Bürgertum ebenso wie den französischen Kolonialismus. Einem breiten Publikum ist sein Name heute oft durch die Freundschaft mit Antoine de Saint-Exupéry vertraut, der ihm Der Kleine Prinz widmete. Sein Tagebuch aus den Jahren der deutschen Besatzung Frankreichs erschien 1946.
Biografie↑
Geboren wurde Léon Werth 1878 in Remiremont. Die überlieferten Angaben zum Tag weichen voneinander ab: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt den 17. Februar, die französische Nationalbibliothek den 16. Februar. Er stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie.
In der Schule fiel er früh auf. Beim Concours général, einem landesweiten Wettbewerb für französische Gymnasiasten, gewann er einen Preis für Philosophie. Anschließend wurde er Schüler am angesehenen Lycée Henri IV. Die Schullaufbahn brach er dennoch ab, um als Redakteur für verschiedene Zeitschriften zu arbeiten. Sein Leben blieb unstet; er widmete sich der Schriftstellerei und arbeitete als Kunstkritiker. Dabei verkörperte er eine sehr unabhängige und liberale Geisteshaltung und übte Kritik an Kirche und Klerus sowie am Bürgertum. Sein Roman La maison blanche erschien 1913 und wurde für den Prix Goncourt vorgeschlagen; auf Deutsch kam er 1994 als Das weiße Zimmer heraus.
1914 zog Werth als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Fünfzehn Monate kämpfte er an der Front, dann schied er wegen einer Lungenerkrankung aus. Dieser Krieg zeichnete ihn dauerhaft und machte aus ihm einen überzeugten Pazifisten. Seine Erlebnisse fasste er in der Erzählung Clavel soldat zusammen, die 1919 erschien und einen Skandal auslöste. Im selben Jahr erschien Clavel chez les majors. 1920 folgte Voyages avec ma pipe, 1922 Le monde et la ville.
Zwischen den Weltkriegen schrieb Werth mit spitzer Feder gegen den Kolonialismus. In Cochinchine kritisierte er die koloniale Begeisterung Frankreichs seiner Zeit. Als Linker prangerte er früh auch den Stalinismus an. Auch der aufkommende Nationalsozialismus beunruhigte ihn. 1931 machte er die Bekanntschaft Antoine de Saint-Exupérys, aus der eine große Freundschaft wurde. Saint-Exupéry widmete ihm später sein bekanntestes Buch, Der Kleine Prinz, mit der Begründung, dieser Erwachsene sei „mein bester Freund auf der ganzen Welt“.
Mit der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg geriet Werth als Jude in Gefahr. Im Juni 1940 floh er mit seiner Frau aus Paris, das kurz danach von deutschen Truppen besetzt wurde. Die Reise in die unbesetzte Südzone führte über Wirren und einen längeren Aufenthalt im kleinen Dorf Chapelon, wo ihn ein Bauer aufnahm. Dreiunddreißig Tage nach dem Aufbruch erreichte er sein Ferienhaus in Saint-Amour im französischen Jura. Dort lebte er bis Januar 1944, ohne dass ihn jemand verriet; das letzte Kriegsjahr verbrachte er versteckt in Paris.
Über diese Flucht schrieb er wenige Wochen später den kurzen Bericht 33 jours. Das Manuskript vertraute er im Oktober 1940 Saint-Exupéry an. Dieser leitete es an einen Verleger in New York weiter, wo sich die Spur verlor. Erst 1992 entdeckte die Verlegerin Viviane Hamy den Text wieder und veröffentlichte ihn. Saint-Exupéry hatte zu dem Bericht ursprünglich ein Vorwort geschrieben; daraus wurde sein Lettre à un otage (1943, deutsch Brief an einen Ausgelieferten), der ebenfalls Werth gilt.
Während der Besatzungszeit führte Werth ein umfangreiches Tagebuch, über die Jahre 1940 bis zur Befreiung. Es erschien 1946 unter dem Titel Déposition; auf Deutsch kam es 2017 als Als die Zeit stillstand heraus. 1945 verfolgte er als Berichterstatter den Prozess gegen Pétain. Seine Berichte erschienen damals Tag für Tag in der Zeitung Résistance, gesammelt als Buch (Impressions d'audience. Le procès Pétain) erst 1995. Über den verschollenen Freund schrieb er Unser Freund Antoine de Saint-Exupéry; die deutsche Ausgabe erschien 1952. Caserne 1900 verfasste er 1951, auf Französisch erschien das Buch 1993. Léon Werth starb 1955 in Paris.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Werths Schreiben ist die genaue Beobachtung. In 33 jours schildert er die Wochen der Flucht mit großer Genauigkeit und fasst seinen Eindruck von Frankreich in das Bild eines „Matratzenlagers“. Zwischen den Beobachtungen stehen Überlegungen, in denen sich die innere Spaltung der französischen Gesellschaft bereits abzeichnet – dasselbe Thema, das er im Tagebuch Déposition ausführlich behandelte.
Seine Kriegsdarstellung ist pessimistisch und gnadenlos kritisch. Clavel soldat verschont den Leser nicht und löste gerade deshalb Empörung aus. In der politischen Publizistik schrieb Werth, wie es in seiner Biografie heißt, mit spitzer Feder: gegen die koloniale Begeisterung seines Landes, gegen Stalin, gegen Kirche und Bürgertum. Das Urteil blieb dabei stets sein eigenes; keiner Partei und keinem Lager verpflichtet, zog er seine Schlüsse aus dem, was er selbst gesehen hatte.
Rezeption↑
Anerkennung fand Werth schon vor dem Ersten Weltkrieg: Sein Roman La maison blanche wurde 1913 für den Prix Goncourt vorgeschlagen. Die Erzählung Clavel soldat löste nach ihrem Erscheinen 1919 einen Skandal aus.
Einen Text hat Werth nicht selbst geschrieben, und doch trug er seinen Namen weit über die Literaturkritik hinaus: die Widmung des Kleinen Prinzen. Antoine de Saint-Exupéry entschuldigt sich darin bei den Kindern, dass er das Buch einem Erwachsenen widme. Am Ende korrigiert er die Widmung auf „Für Léon Werth, als er ein kleiner Junge war.“ Die Freundschaft der beiden Männer ist auch in der Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek als Verknüpfung festgehalten.
Eine zweite Entdeckungswelle setzte lange nach Werths Tod ein. 1992 brachte die Verlegerin Viviane Hamy das verschollene Manuskript von 33 jours heraus. 1993 erschien Caserne 1900 auf Französisch. 1995 folgten die Notizen vom Pétain-Prozess. Im deutschen Sprachraum erschienen mehrere Ausgaben: 1994 Das weiße Zimmer und 1996 33 Tage mit einem Nachwort von Lothar Baier. 2016 kam eine Neuauflage mit einem Nachwort von Peter Stamm. 2017 erschien das Besatzungstagebuch unter dem Titel Als die Zeit stillstand.
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