1890 – 1945
Franz Werfel
Kurzporträt↑
Franz Werfel (1890–1945) war einer der Wortführer des lyrischen Expressionismus und zugleich Verfasser viel gelesener Romane. Er gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren der Zwischenkriegszeit. Geboren wurde er in Prag als Sohn einer wohlhabenden deutsch-böhmisch-jüdischen Familie. In den 1920er und 1930er Jahren wurde er mit seinen erzählenden Werken und Theaterstücken zum Bestsellerautor. Seine Gedichte schätzte er allerdings selbst höher. Vor der nationalsozialistischen Herrschaft floh er ins Exil und wurde 1941 amerikanischer Staatsbürger. Weithin bekannt wurden sein historischer Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh und Das Lied von Bernadette. Werfel starb 1945 in Beverly Hills.
Biografie↑
Franz Viktor Werfel wurde am 10. September 1890 in Prag geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Sein Vater Rudolf war ein wohlhabender Handschuhfabrikant, die Mutter Albine stammte aus der Familie Kussi. Die Familie gehörte dem deutsch-böhmischen Judentum an und besuchte regelmäßig die Maisel-Synagoge. Seine jüngere Schwester Hanna ging als Geliebte des Komponisten Alban Berg in die Musikgeschichte ein. Die jüngste Schwester Marianne wurde Dramaturgin. Prägend für den jungen Werfel waren die katholische Frömmigkeit seiner tschechischen Kinderfrau, der Besuch der Privatschule der Piaristen und die barocke Katholizität seiner Heimatstadt. 1909 legte er am deutschen Stephansgymnasium in Prag seine Reifeprüfung ab. Schon während der Schulzeit veröffentlichte er Gedichte. Laut der Neuen Deutschen Biographie erschien sein erstes Gedicht 1908 in einer Wiener Zeitung. Werfel stand in Verbindung mit den Literaten des Prager Kreises. Mit den Schriftstellern Willy Haas, Max Brod und Franz Kafka, dem Schauspieler Ernst Deutsch und dem Literaturagenten Ernst Polak war er ein Leben lang befreundet.
1910 absolvierte er ein Volontariat bei einer Hamburger Speditionsfirma, 1911/1912 leistete er Militärdienst auf dem Prager Hradschin. Von 1912 bis 1915 war er Lektor beim Kurt Wolff Verlag in Leipzig. Unter seiner Mitverantwortung erschien dort die expressionistische Schriftenreihe „Der jüngste Tag". Werfel begegnete Rainer Maria Rilke und schloss Freundschaft mit Walter Hasenclever und Karl Kraus, mit dem er sich später überwarf. Von 1915 bis 1917 diente er an der ostgalizischen Front. 1917 wurde er ins k.u.k. Kriegspressequartier nach Wien versetzt. Mit kritischen Äußerungen hielt er sich zurück, war aber nach Darstellung der Neuen Deutschen Biographie ein Gegner des Krieges. Im November 1918 hielt er in Wien revolutionäre Reden und trat für die Roten Garden ein. Später äußerte er sich aber kaum noch politisch.
In Wien lernte Werfel Alma Mahler kennen, die Witwe Gustav Mahlers und damalige Ehefrau von Walter Gropius. 1918 brachte Alma, noch während ihrer Ehe mit Gropius, Werfels mutmaßlichen Sohn Martin zur Welt, der 1919 starb. Seit 1919 lebten Werfel und Alma zusammen, am 7. August 1929 heirateten sie. Ab 1931 wohnten sie in einer Villa an der Hohen Warte in Wien. Unter Almas Einfluss zog sich Werfel weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück. Er unternahm aber viele Reisen, unter anderem nach Italien, Ägypten und Palästina. Während einer Nahostreise Anfang 1930 traf er in Damaskus auf armenische Überlebende des Völkermordes. Diese Begegnung inspirierte ihn zu dem 1933 erschienenen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh. Auf dem Höhepunkt seiner amerikanischen Erfolge sagte er später zu seinem Freund Friedrich Torberg: „Wenn ich die Alma nicht getroffen hätte – ich hätte noch hundert Gedichte geschrieben und wäre selig verkommen …" Auf Drängen seiner Frau trat Werfel 1929 aus dem Judentum aus, ließ sich aber nicht taufen.
Die Preußische Akademie der Künste führte ihn als Mitglied. Auf Betreiben Gottfried Benns wurde er im Frühjahr 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, ausgeschlossen. Im April 1935 starb seine an Kinderlähmung erkrankte Stieftochter Manon Gropius, für die Alban Berg sein Violinkonzert komponierte. Nach dem „Anschluss" Österreichs 1938 kehrte Werfel nicht mehr zurück. Er ließ sich mit Alma zunächst in Sanary-sur-Mer in Südfrankreich nieder. 1940 besetzte die Wehrmacht große Teile Frankreichs. Werfel fand Zuflucht in Lourdes und gelobte, im Falle seiner Rettung ein Buch über die heilige Bernadette zu schreiben. Zu Fuß überquerte er mit Alma sowie Heinrich, Nelly und Golo Mann die Pyrenäen nach Spanien. Im Oktober 1940 emigrierte das Paar über Portugal an Bord des Dampfers Nea Hellas in die USA und ließ sich in Beverly Hills und Santa Barbara nieder. 1941 erhielt Werfel die amerikanische Staatsbürgerschaft.
In den letzten Lebensjahren war Werfel von Krankheit geprägt. 1943 verschlimmerte sich seine Angina pectoris, und er erlitt zwei Herzanfälle. Am 26. August 1945 starb er im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt und wurde in Beverly Hills begraben. 1975 wurden seine sterblichen Überreste nach Wien überführt und auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Bohèmehafte Lebensformen und ein früher Drang zum Dichten kennzeichneten Werfels Anfänge. Sein erster Gedichtband Der Weltfreund von 1911 gilt als formal innovativ und wurde zu einem Grundbuch des Expressionismus. Seine frühen Gedichte sind ausgesprochen expressionistisch geprägt: in ihrer von Walt Whitman beeinflussten Form, ihrem pathetischen „O Mensch!"-Gestus und ihrer Thematik. Als expressionistisch gelten auch seine ersten Dramen wie Der Spiegelmensch von 1920. Ebenso expressionistisch ist seine erste längere Prosaarbeit, die Novelle Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig, die den Vater-Sohn-Konflikt aufgreift.
Mitte der 1920er Jahre wechselte Werfel 1924 vom Kurt Wolff Verlag zum Wiener Zsolnay-Verlag. Danach näherte sich sein Schreiben konventionelleren Verfahrensweisen an – sowohl im Drama, etwa in Juarez und Maximilian, als auch in seiner zunehmend in den Vordergrund tretenden Epik. In dieser erfolgreichen Erzählkunst wird, wie die Neue Deutsche Biographie festhält, das Erzählen nie zum Problem. Viele Kritiker rückten sie deshalb in die Nähe der Unterhaltungsliteratur. An Verdi. Roman der Oper von 1924 beeindruckt die inhaltliche Kompetenz des Autors. Werfel war sehr musikalisch und seit früher Jugend von Verdi begeistert, später bearbeitete er Verdi-Libretti für deutsche Bühnen. Jüdische wie christlich-katholische Motive durchziehen sein gesamtes Werk. Ein Beispiel für seine gründliche Recherche ist Die vierzig Tage des Musa Dagh. Der Roman schildert den Völkermord an den Armeniern und zeichnet sich durch sein humanitäres Engagement aus.
Rezeption↑
Werfels Bücher waren in den 1920er und 1930er Jahren Bestseller. Seine Popularität beruhte vor allem auf den erzählenden Werken und Theaterstücken. Sein lyrisches Frühwerk wird häufig als der interessanteste und wirkungsmächtigste Teil seines Schaffens gesehen. Der Gedichtband Der Weltfreund wurde zu einem Grundbuch des Expressionismus. Mit seinem Roman Verdi. Roman der Oper wurde Werfel zu einem Protagonisten der Verdi-Renaissance in Deutschland. Seine spätere, erfolgreiche Epik wurde von vielen Kritikern allerdings in die Nähe der Unterhaltungsliteratur gerückt.
Besondere Anerkennung fand Die vierzig Tage des Musa Dagh. Wegen seines Themas und seines humanitären Engagements wurde der Roman berühmt, und die Armenier verehren den Autor bis heute. In den USA sicherten ihm die Erfolge seiner Romane ein Leben ohne materielle Sorgen. 1943 wurde sein Roman Das Lied von Bernadette mit Jennifer Jones in der Titelrolle mit großem Erfolg verfilmt. Nach seinem Tod zeigte sich die Wertschätzung in seiner alten Heimat: 1947 reservierte ihm die Stadt Wien ein Ehrengrab. 1975 wurden seine sterblichen Überreste nach Wien überführt und auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (91 weitere Titel)