Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Wiedersehen mit Brideshead
Eingang · Werke · Wiedersehen mit Brideshead
Cover Wiedersehen mit Brideshead
Wiedersehen mit Brideshead
1945
– Werkseintrag –

Wiedersehen mit Brideshead

1945 · Roman

Ein Offizier kehrt im Krieg auf ein Adelsschloss zurück und erinnert sich an die katholische Familie, deren Freundschaft, Liebe und langsamer Niedergang sein Leben geprägt haben.

Überblick

Der Roman Wiedersehen mit Brideshead des englischen Schriftstellers Evelyn Waugh trägt den vollständigen Titel „Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder". Waugh verfasste das Buch 1944, im Jahr darauf erschien es. Erzählt wird der Niedergang der wohlhabenden, katholischen Adelsfamilie Flyte of Marchmain im England der 1920er- und 1930er-Jahre. Die ganze Geschichte sieht der Leser durch die Augen des Ich-Erzählers Charles Ryder, der einst eng mit dieser Familie verbunden war. Das Magazin Time zählt das Buch zu den hundert besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen sind.

Inhalt (ohne Spoiler)

Als Offizier im Zweiten Weltkrieg wird Hauptmann Charles Ryder mit seiner Einheit auf einem Adelssitz einquartiert, den er gut kennt: Schloss Brideshead. Der Ort weckt Erinnerungen, und aus ihnen entfaltet sich die eigentliche Geschichte.

Charles ist der ungeliebte Sohn aus gutbürgerlichem Hause und Agnostiker. In Oxford freundet er sich 1922 mit Sebastian Flyte an, dem jüngeren Sohn einer vornehmen katholischen Familie. Über Sebastian wird Charles nach und nach in den Kreis der Flytes hineingezogen. Er lernt das prächtige Schloss Brideshead kennen, die tiefgläubige Mutter Lady Marchmain und die Geschwister. Charles verlässt Oxford ohne Abschluss und wird Architekturmaler.

Bald zeigt sich, dass hinter dem Glanz der Familie viel Unglück steht. Der Vater lebt getrennt von seiner Frau im Ausland. Sebastian, von der Enge des Hauses bedrängt, greift immer öfter zur Flasche. Mal aus der Nähe, mal aus der Ferne nimmt Charles über Jahre am Schicksal der Flytes teil. Später begegnet er der älteren Schwester Julia wieder, zu der ihn eine Liebe zieht. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, wie stark der katholische Glaube das Leben dieser Menschen bestimmt.

Die Handlung im Detail

Im Zweiten Weltkrieg wird Hauptmann Charles Ryder mit seiner Einheit auf Schloss Brideshead einquartiert, das er aus der Zwischenkriegszeit kennt. Das Wiedersehen mit dem Ort lässt ihn zurückdenken an die Familie Flyte, deren Leben er über viele Jahre miterlebt hat.

Alles begann 1922 in Oxford, wo Charles sich mit Sebastian Flyte anfreundet, dem jüngeren Sohn des Hauses. Die Freundschaft der beiden ist kaum verdeckt homoerotisch geschildert. Charles wird Teil der Gesellschaft auf Schloss Brideshead. Gerade das aber treibt Sebastian und ihn auseinander: Sebastian fühlt sich von der Familie kontrolliert und eingeengt, und je mehr Charles dazugehört, desto mehr verblasst die Freundschaft. Mitte der zwanziger Jahre verlieren die beiden einander aus den Augen.

Charles wird Zeuge der vielen Formen des Unglücks in dieser Familie. Der Vater, Alexander, Marquess of Marchmain, lebt seit dem Ende des Ersten Weltkriegs mit einer Geliebten in Venedig, getrennt von seiner Frau, einer bekennenden Katholikin. Sebastian entwickelt sich zum Alkoholiker; ob es die Vernachlässigung durch die Mutter ist oder eine verzweifelte Art, ihre Aufmerksamkeit zu suchen, bleibt offen. Die ältere Schwester Julia flüchtet sich in die Ehe mit dem Emporkömmling Rex Mottram, dann in Liebschaften und schließlich in immer schwerere Selbstvorwürfe. Der ältere Sohn, genannt Bridey, dessen richtiger Vorname nie fällt, verhärtet sich zu einem hölzernen Charakter und wird am Ende zum eifrigen Sammler von Streichholzschachteln. Die jüngste Tochter Cordelia, tief gläubig, meldet sich nach einer gescheiterten Ordensberufung als Krankenschwester im Spanischen Bürgerkrieg.

Zehn Jahre nach der Trennung von Sebastian trifft Charles auf einem Dampfer von New York nach Großbritannien zufällig Julia wieder. Die beiden gehen eine Beziehung ein und betreiben die Scheidung von ihren jeweiligen Ehepartnern.

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrt der alte Lord Marchmain nach Großbritannien zurück. An seinem Totenbett kommen alle Figuren des Romans zusammen, nur Sebastian und die bereits verstorbene Lady Marchmain fehlen. Kurz vor seinem Tod bekehrt sich der Vater wieder zum katholischen Glauben. Auch Julia findet zur Kirche zurück und trennt sich von Charles: Sie will ihn nicht heiraten, unter anderem, weil er nach katholischem Eherecht trotz seiner Scheidung als verheiratet gilt. Sebastian hat schon zuvor als Klosterpförtner einen Halt gefunden. Am Ende, zurück in der Gegenwart des Krieges, spricht Charles in der Schlosskapelle ein Gebet, ein altes, neu gelerntes Wort – ein Zeichen, dass auch er zum Glauben gefunden hat.

Stil

Erzählt wird die ganze Geschichte aus der Ich-Perspektive von Charles Ryder, dessen Erinnerungen den Roman tragen. Eine Rahmenhandlung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs umschließt den langen Rückblick auf die Jahre zwischen den Kriegen. Der Untertitel „Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder" nennt bereits den doppelten Boden des Buches: Es verbindet weltliche Lebenslust mit religiöser Frage.

Waugh schrieb im Frühjahr 1944, nachdem er nach einer kleineren Verletzung um einige Monate Diensturlaub gebeten hatte. Er begründete das Gesuch mit der Hoffnung, das Buch möge im Krieg „einer größeren Anzahl von Lesern harmloses Lesevergnügen und Entspannung" bieten. Diese Absicht ist der Sprache anzumerken: Der Roman ist „süffig" geschrieben und enthält zahlreiche schmissig-saloppe Dialoge.

Rezeption

Das Werk gehört zu den bekanntesten Romanen Evelyn Waughs. Das Magazin Time nahm es in seine Liste der hundert besten englischsprachigen Romane auf, die zwischen 1923 und 2005 erschienen. 1960 legte Waugh eine überarbeitete Fassung vor, „mit vielen kleinen Ergänzungen und einigen umfangreichen Kürzungen". Der Stoff fand auch über das Buch hinaus ein großes Publikum: Von 1979 bis 1981 entstand eine mehrteilige Fernsehfassung, 2008 kam der Stoff als Kinofilm heraus.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten