1961
Wie eine Träne im Ozean
Überblick↑
Die Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean gilt als das gewichtigste erzählerische Werk von Manès Sperber. Gemeinsam mit seiner Autobiographie begründete sie seinen Ruf als Schriftsteller. Das Werk besteht aus den drei Bänden Der verbrannte Dornbusch, Tiefer als der Abgrund und Die verlorene Bucht. Sperber schrieb daran von 1940 bis 1951 auf Deutsch. Zunächst erschien es in französischer Übersetzung, auf Deutsch kam es erst 1961 heraus. Im Mittelpunkt steht der Verrat der kommunistischen Partei an einer großen Idee und das Schicksal jener Menschen, die zwischen Faschismus und Stalinismus zerrieben werden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte einer großen Hoffnung und ihres Zerfalls. Als die kommunistische Partei die Macht anstrebt, setzt sich die Überzeugung durch, man könne den Zufall abschaffen und die Geschichte selbst machen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden schließlich alle Mittel erlaubt, und die Würde des einzelnen Menschen zählt immer weniger. In den beiden totalitär werdenden Staaten Europas wird der Einzelne von einer Dynamik erfasst, die ihn zum Opfer wie zum Täter macht.
Im Mittelpunkt steht Dojno Faber, ein überzeugter Kämpfer, der im Lauf der 1930er Jahre an der Stalinisierung der Partei verzweifelt. Er muss sein Verhältnis zur Bewegung neu bestimmen und sich fragen, ob politisches Handeln überhaupt noch einen Sinn hat. Wichtig für diese innere Entwicklung sind seine Gespräche mit Professor Erich von Stetten, einem liberalen, politisch zurückhaltenden Gelehrten und einer geistigen Autorität aus Fabers Jugend.
Der Roman führt durch das Europa der Diktaturen und des Krieges: durch Exil und Heimatlosigkeit, durch die Niederlagen der Antifaschisten, aber auch durch Augenblicke, in denen im Privaten und im Denken neuer Sinn entsteht. Zwischen politischer Verzweiflung und stillem Widerstand entfaltet sich ein weites Zeitbild.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Teil wird die Geschichte verschiedener kommunistischer Kämpfer erzählt. Angesichts der Stalinisierung der Partei in den 1930er Jahren sehen sie sich gezwungen, auf diese Veränderung zu reagieren. Sie müssen ihr Verhältnis zur Partei neu bestimmen und Stellung beziehen zu Sinn und Art politischen Handelns überhaupt. Dojno Faber, der Held der Trilogie, gehört zu jenen, die mit der Partei brechen. Er verliert den Glauben daran, dass sich Geschichte machen lässt, und beginnt an der Wirkungslosigkeit politischen Handelns zu verzweifeln. Nachvollziehbar wird diese Entwicklung vor allem durch seine Gespräche mit Professor Erich von Stetten, dem liberalen, politisch abstinenten Gelehrten aus seiner Jugend.
Der zweite Teil schildert die grenzenlose Hoffnungslosigkeit und Heimatlosigkeit des doppelt Vertriebenen. Faber musste Deutschland wegen der Nationalsozialisten verlassen, und in der kommunistischen Partei kann er nicht mehr bleiben. Mit jeder Niederlage der Antifaschisten und mit dem zunehmend totalitären Charakter der Partei verschärft sich seine persönliche Lage, aber auch die Gesamtsituation in Europa. Zugleich entstehen hoffnungsvolle, sinnstiftende Gegengewichte: Gemeinsam mit Stetten verfasst Faber zweckfreie politische und historische Analysen. Und im Privaten wächst Sinn, dargestellt durch das Bild eines ausgesetzten Knaben, dessen sich Faber annimmt.
Der dritte Teil führt in das ostjüdische Städtchen Wolyna. Kurz vor der endgültigen Vernichtung setzt sich dort eine Gruppe von Juden unter der geistigen Führung eines jungen, charismatischen Rabbi gegen Edis Drängen nicht wirklich zur Wehr, weil sie am Sabbat keine Barrikaden bauen wollen. Daneben geht es vor allem um den Kampf von Partisanen in Jugoslawien. Sie wehren sich gegen die Nationalsozialisten, gegen die Ustascha, aber auch gegen den uneingeschränkten Führungsanspruch der sowjettreuen Partisanengruppen. Es ist kein Kampf um die Macht, sondern für Freiheit und Gerechtigkeit. Auch wenn er nicht zu gewinnen ist, erscheint er einer kampflosen Niederlage vorzuziehen, weil er die Neuorientierung nach dem Krieg vorbereitet.
Am Ende kehrt Dojno Faber über Italien nach Frankreich zurück. Dort setzt sich die Volksfront durch, und das Ende des Krieges steht bevor. Faber begegnet alten Bekannten, die sich auf den Aufbau Frankreichs nach dem Krieg vorbereiten und ein erträgliches Zusammenleben anstreben.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als weit gespannte Romantrilogie, die ein ganzes Zeitalter in den Blick nimmt. Sperber verbindet erzählte Handlung mit langen Gesprächen, in denen politische, geschichtliche und philosophische Fragen verhandelt werden. Besonders die Dialoge zwischen Faber und Professor von Stetten machen den inneren Wandel der Figuren sichtbar. Neben dem politischen Geschehen arbeitet der Autor mit sinnbildlichen Bildern, etwa dem ausgesetzten Knaben, an dem sich Sinn im Privaten zeigt. Sperber selbst erklärt im Vorwort, er behandle Charaktere, Ereignisse und Erfahrungen nur dann, wenn sie in sich ein Gleichnis tragen. So verbindet das Werk die genaue Schilderung einer Epoche mit der Frage nach den grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz.
Rezeption↑
Schon in den 1950er Jahren fand Sperbers Roman in Frankreich eine gewisse Resonanz. In Deutschland dagegen waren seine Schriften kaum bekannt, obwohl er vorwiegend deutsch schrieb. Mit der deutschen Veröffentlichung 1961 begann sich eine Wende abzuzeichnen: Die Literaturkritik reagierte begeistert, das Publikum blieb zunächst noch zurückhaltend. Der breite Erfolg folgte in den 1970er und 1980er Jahren. In der Zeit, als der 68er-Bewegung die Illusionen zerbrachen, wurde die Trilogie zu einem Kultbuch der Linken. Der späte Erfolg im deutschsprachigen Raum hing wohl auch damit zusammen, dass Sperber aus eigenem Erleben zu einer neuen Generation sprach, die sich für die Vergangenheit interessierte.
Mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1983 standen der Autor und sein Werk auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit. Seit dem Fall der Mauer sind beide mehr in Vergessenheit geraten, weil ihr Hauptthema, die Verkehrung des Sozialismus zum Stalinismus, aus dem öffentlichen Interesse gerückt ist.
Namhafte Stimmen würdigten das Werk. Siegfried Lenz nannte es „ein großes Zeugnis europäischer Romanliteratur, ein politisches und philosophisches Werk, eine Gewissensforschung, ein Zeitportrait ohnegleichen“. Heinrich Böll zählte es zu den wichtigsten Veröffentlichungen nach 1945 und verglich es als europäischen Schlüsselroman mit Tolstois Krieg und Frieden. Marcel Reich-Ranicki griff Arthur Koestlers Wort von der „Saga der Komintern“ auf und betonte, dass über das Zeitbedingte hinaus grundlegende Fragen der menschlichen Existenz angesprochen würden. Daniel Cohn-Bendit hob das Buch aus einer Reihe großer Romane des 20. Jahrhunderts wie Homo faber, Malina, Der Fremde, Der Steppenwolf und Der Prozess hervor und rühmte an Sperber dessen „skeptischen Optimismus“. 1970 verfilmten WDR und ORF den Stoff als Dreiteiler.
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