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Porträt Manès Sperber
Manès Sperber
1905 – 1984
– Autorenporträt –

Manès Sperber

1905 – 1984 · 78 Jahre

Österreichisch-französischer Schriftsteller und Psychologe, der den Weg durch die Ideologien des 20. Jahrhunderts ging und sich von ihnen befreite – 1983 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Kurzbiografie↑

Als österreichisch-französischer Schriftsteller, Sozialpsychologe und Philosoph gehört Manès Sperber (1905–1984) zu den Autoren, die den Weg durch die politischen Verirrungen des 20. Jahrhunderts selbst durchschritten und beschrieben haben. Er stammte aus einer jüdischen Familie im ostgalizischen Schtetl, wurde Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler und trat 1927 der KPD bei, ehe er sich 1937 unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse von der Partei lossagte. Sein bekanntestes Werk ist die Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean, die von den ideologischen Verblendungen des Kommunismus erzählt. Er schrieb in deutscher und französischer Sprache. Im Jahr 1983 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Biografie↑

Geboren wurde Manès Sperber am 12. Dezember 1905 im ostgalizischen Zabłotów, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Laut der Neuen Deutschen Biographie stammte er aus einer ostgalizischen Rabbinerfamilie; sein Vater David Mechel war Kaufmann. Die Familie war für ein ostgalizisches Schtetl relativ wohlhabend und lebte in der Tradition des Chassidismus. Seine ersten Lebensjahre verbrachte Sperber in dieser gläubigen Umgebung, wo er den Cheder und später die öffentliche Schule besuchte. Sein Vater verehrte den österreichischen Kaiser und schätzte den Schutz, den die Juden im österreichischen Galizien genossen – anders als im Russischen Kaiserreich mit seinen staatlich geduldeten Pogromen.

Im Sommer 1916 floh die Familie vor den Kriegswirren nach Wien. Dort erlebten die Sperbers einen wirtschaftlichen Niedergang. Der junge Manès besuchte von 1919 bis 1922 das Gymnasium, verließ es aber vor dem Abitur. Er hatte in einem Volkshochschulkurs Alfred Adler kennengelernt, den Begründer der Individualpsychologie, und schloss sich dessen Bewegung an. Bei Adler erwarb er ein Diplom als Heilpädagoge und arbeitete als Therapeut. In Wien schloss er sich außerdem der zionistischen Jugendbewegung HaSchomer HaTzair an.

Auf Adlers Anraten zog Sperber 1927 nach Berlin, um dort die individualpsychologische Bewegung zu stärken. In der Berliner Gesellschaft für Individualpsychologie hielt er Vorträge und Ausbildungslehrgänge. Noch im selben Jahr trat er der KPD bei und richtete seine Kräfte zunehmend gegen den Nationalsozialismus. Die Berliner Gesellschaft spaltete sich 1929 in einen marxistischen Flügel um Sperber und einen klerikal-konservativen um Fritz Künkel. Mit Adler selbst brach er 1932 wegen Meinungsverschiedenheiten über die Verbindung von Individualpsychologie und Marxismus.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten tauchte Sperber zunächst in Berlin unter. In den frühen Morgenstunden des 15. März 1933 wurde er mit anderen in der Berliner Künstlerkolonie von Polizei und SA verhaftet und in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Als österreichischer Staatsbürger kam er am 20. April 1933 wieder frei, verbunden mit der Aufforderung, das Deutsche Reich umgehend zu verlassen. Am 24. April fuhr er von Berlin nach Wien. Bis Mai 1934 hielt er sich in Jugoslawien auf, wo im Januar 1934 sein Sohn Vladimir Friedrich Uri geboren wurde. Anschließend übersiedelte er ohne seine Frau Mirjam und den Sohn nach Paris, wo ihn die KPD mit einer Aufgabe im „Institut zum Studium des Faschismus“ betraute.

In Paris arbeitete er eng mit Willi Münzenberg zusammen, der einen einflussreichen kommunistischen Propaganda-Apparat steuerte. Auf dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberungen wandte sich Sperber von der Partei ab und trat 1937 formal aus. Er begann nun seine literarische Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus und der Rolle des Individuums in der Gesellschaft; in Zur Analyse der Tyrannis sah er Hitlers Selbstmord voraus. Im Winter 1939 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger bei der französischen Fremdenlegion, wurde aber demobilisiert, ohne in Kämpfe verwickelt worden zu sein. Mit seiner neuen Gefährtin Zenija (Jenka) Zivçons zog er sich nach Südfrankreich zurück, wo im Juni 1942 sein zweiter Sohn Dan geboren wurde. Als auch dort die Gefahr der Deportation wuchs, floh er im Herbst 1942 in die Schweiz.

Nach Kriegsende kehrte Sperber 1945 nach Paris zurück, wo er und Jenka heiraten konnten. Er wurde Verlagslektor bei Calmann-Lévy und war als Kulturphilosoph und Schriftsteller tätig. Im Auftrag von Raymond Aron und André Malraux wirkte er als Kulturbeauftragter in Deutschland; in Mainz gab er die Zeitschrift Die Umschau heraus. 1950 gehörte er mit seinem Freund Arthur Koestler zu den Initiatoren des antikommunistischen Kongresses für kulturelle Freiheit, dessen Finanzierung durch die CIA sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre offenbarte. Manès Sperber starb am 5. Februar 1984 in Paris und wurde auf dem Cimetière du Montparnasse beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Das Exil in der Schweiz wurde zum Wendepunkt in Sperbers Leben. Nach dem Versagen der KPD im Kampf gegen den Nationalsozialismus und der Pervertierung der sozialistischen Ideen in einem totalitären System wurde ihm die Politik als Ort des Engagements zusehends fragwürdig. An die Stelle direkter politischer Aktion trat nun das Schreiben mit aufklärerischem, erinnerndem Anspruch. Der Bericht eines Augenzeugen über die Deportationen und Ermordungen der Juden in Polen führte bei ihm 1943 zu einem unheilbaren Bruch mit Deutschland.

Sein bekanntestes Werk, die Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean, trägt stark autobiografische Züge. Die Handlung spielt zwischen 1931 und 1945 und berichtet von den ideologischen Verblendungen der Kommunisten und der Partei. Sie versucht, Menschlichkeit und Wahrheit an die Stelle von Gewalt, Unmündigkeit und Diktatur zu setzen. In der Trilogie zeigte Sperber Möglichkeiten, den Zwängen einer totalen Ideologie zu entkommen und einfache Lösungsversuche für komplexe Probleme zu verweigern.

Seine Antwort auf die Fragen der menschlichen Existenz findet sich, wie die Neue Deutsche Biographie festhält, in einer Verbindung von kühler Logik, Hochschätzung des religiös-kulturellen Erbes und Bescheidenheit nach dem Verlust der Gewissheiten im 20. Jahrhundert. Sein Werk reicht über die Literatur weit hinaus: Es umfasst Texte zu Politik und Geschichte, Soziologie und Religion, Philosophie und Psychologie sowie Pädagogik. Neben der Romantrilogie schrieb er zahlreiche Essays, eine kritische Biographie Alfred Adlers und die dreiteilige Autobiographie, die mit Die Wasserträger Gottes beginnt.


Rezeption↑

Mit der Romantrilogie, mit vielen Essays zur Politik und zur jüdischen Frage, mit seiner kritischen Adler-Biographie und vor allem mit Die Wasserträger Gottes erreichte Sperber eine breite Leserschaft. Zu seinen bleibenden Leistungen zählt laut der Neuen Deutschen Biographie die Aufarbeitung totalitärer Herrschaft, besonders des Stalinismus. Sein Werk wurde vielfach übersetzt und mit Literaturpreisen ausgezeichnet.

Durch seine scharfe Kritik an ideologischen und totalitären Tendenzen der 68er-Bewegung stand er im Widerspruch zum Trend der Zeit. Dennoch – oder gerade deswegen – wurde er Ende der 1970er Jahre von vielen Protagonisten jener Bewegung geachtet. In seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1983, Leben im Jahrhundert der Weltkriege, sprach er sich für ein starkes, antisowjetisches Europa aus und forderte die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland. Das geschah auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, und eine heftige öffentliche Kontroverse blieb nicht aus.

Die Jury des Friedenspreises würdigte ihn als Schriftsteller, der den Weg durch die ideologischen Verirrungen des Jahrhunderts mitgegangen sei und sich von ihnen befreit habe. Er habe zeitlebens die Unabhängigkeit seines Urteils bewahrt. Die Laudatio hielt Siegfried Lenz. Die Romantrilogie wurde 1970 für den WDR verfilmt; ein Kapitel behandelte der französische Regisseur Henri Glaeser im Kinofilm Une larme dans l'océan, der 1972 in Jerusalem uraufgeführt wurde.

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