Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Friedrich Spielhagen
Eingang · Autoren · Friedrich Spielhagen
Porträt Friedrich Spielhagen
Friedrich Spielhagen
1829 – 1911
– Autorenporträt –

Friedrich Spielhagen

1829 – 1911 · 82 Jahre

Vielgelesener Erzähler des 19. Jahrhunderts, der für ein streng objektives Erzählen ohne hörbare Autorstimme eintrat und in seinem Roman „Sturmflut“ mit dem wirtschaftlichen Boom nach der Reichsgründung abrechnete.

Kurzporträt

Zu den vielgelesenen Erzählern des bürgerlichen Realismus zählte Friedrich Spielhagen, der 1829 in Magdeburg geboren wurde und 1911 in Charlottenburg starb. Nach unstetem Beginn als Hauslehrer, Schauspieler und Redakteur gelang ihm 1861 mit dem umfangreichen Roman Problematische Naturen der Durchbruch. In rund vier Jahrzehnten schrieb er etwa vierzig häufig nachgedruckte Romane und Novellen, dazu Dramen, Gedichte und einflussreiche Schriften zur Theorie des Romans. In diesen theoretischen Arbeiten trat er für ein streng objektives Erzählen ohne hörbare Autorstimme ein. Sein bekanntester Roman Sturmflut rechnete mit der Gründerzeit ab.


Biografie

Geboren wurde Friedrich Spielhagen am 24. Februar 1829 in Magdeburg. Sein Vater Friedrich August Wilhelm Spielhagen (1785–1855) war Königlicher Wasserbauinspektor; die Deutsche Biographie nennt ihn zudem Förster sowie Regierungs- und Baurat und ordnet die Familie einer altmärkischen Försterfamilie zu. Über den Namen der Mutter gehen die Angaben auseinander: Die Wikipedia führt sie als Henriette Wilhelmine, geborene Robrahn (1789–1849), die NDB als Wilhelmine Listemann Robrahn (1791–1849). Die ersten Lebensjahre verbrachte Spielhagen in Magdeburg. Seit 1835 wuchs er in Stralsund auf, wo er das Sundische Gymnasium besuchte.

Von 1847 bis 1851 studierte er Rechtswissenschaft und Philologie. Als Studienorte werden Bonn, Berlin und Greifswald genannt; einen Abschluss erlangte er nicht. In Bonn wurde er 1848 Mitglied der Burschenschaft Frankonia. Danach arbeitete er als Hauslehrer in Pommern und versuchte sich auch als Schauspieler und Soldat. Später kehrte er zum Lehrerberuf zurück und unterrichtete in Leipzig an einer Handelsschule. Neben dem Beruf beschäftigte er sich eingehend mit Literatur. Nach dem Tod des Vaters wandte er sich ganz dem Schreiben zu.

Seine erste Novelle Clara Vere verfasste Spielhagen 1857. Sie fand ebenso wenig Beachtung wie das 1858 erschienene Auf der Düne. In diesen Jahren schrieb er auch für Zeitungen, unter anderem von 1860 bis 1862 für die Zeitung für Norddeutschland, für die er nach seinem Umzug von Leipzig nach Hannover tätig wurde. Der Durchbruch gelang ihm 1861 mit dem über tausend Seiten starken Roman Problematische Naturen, der laut der Wikipedia unter dem Einfluss Karl Gutzkows steht. Ein Jahr später erschien die Fortsetzung Durch Nacht zum Licht, im selben Jahr die Novelle In der zwölften Stunde.

Ende 1862 gab Spielhagen seine Stelle in Hannover auf und zog nach Berlin. In der Datierung dieses Umzugs weichen die Quellen leicht voneinander ab: Die NDB verlegt ihn bereits auf 1861. In Berlin arbeitete er noch einige Zeit für verschiedene Blätter und unternahm Reisen in die Schweiz, nach Italien, England, Frankreich und andere europäische Länder. Es folgten 1864 die Novelle Röschen vom Hofe und der Roman Die von Hohenstein, der sich mit der revolutionären Bewegung von 1848 befasste. 1866 erschien In Reih und Glied, 1868 der humoristische Roman Die Dorfcoquette. 1869 kam Hammer und Amboss heraus, im Jahr darauf die Novelle Deutsche Pioniere. Einige Jahre später folgte sein wohl bekanntester Roman Sturmflut. Den Abschluss dieser besonders dichten Schaffenszeit bildete 1878 der Roman Platt Land.

Von 1878 bis 1884 wirkte Spielhagen als Mitherausgeber von Westermanns Monatsheften. 1861 hatte er in Hannover die Witwe Therese Wittich, geborene Boûtin (1835–1900), geheiratet. Mit ihr hatte er drei Töchter; zwei von Therese in die Ehe gebrachte Kinder adoptierte er. Die Tochter Antonie, genannt Toni (1865–1910), war unter dem Pseudonym Paul Robran ebenfalls schriftstellerisch tätig. Am 25. Februar 1911 starb Spielhagen im Alter von 82 Jahren in seiner Wohnung in der Kantstraße in Charlottenburg. Beigesetzt wurde er auf dem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof in Berlin-Westend; Hermann Sudermann hielt die Grabrede. Seit 1958 ist seine Ruhestätte als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet. Seine Geburtsstadt Magdeburg und weitere Orte, an denen er wirkte, benannten Straßen nach ihm.


Literarische Merkmale

Große Bedeutung erlangte Spielhagen nicht allein als Erzähler, sondern auch für die Theorie des Romans. In vieldiskutierten Schriften wie den Beiträgen zur Theorie und Technik des Romans von 1883 und den Neuen Beiträgen zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik von 1898 vertrat er das Prinzip der Objektivität. Vor allem plädierte er dafür, die hörbare Stimme des Autors aus dem Erzählen zu verabschieden. In lebenslanger Auseinandersetzung mit einer Bemerkung Schillers, der den Romanschriftsteller einen „Halbbruder“ des Dichters genannt hatte, ging es ihm darum, den Roman als vollwertige Literaturgattung anzuerkennen.

Anregungen holte er sich bei englischen und amerikanischen Schriftstellern wie Charles Dickens, William Thackeray, James Fenimore Cooper oder Mark Twain – obwohl diese oft gerade nicht zu den von ihm geschätzten „objektiven“ Erzählern zählten. Seine Gedichte schrieb er nach dem Vorbild des von ihm verehrten Heinrich Heine, oft mit ironisch-politischem Ton. Inhaltlich prägten gesellschaftskritische und politische Stoffe sein Werk: die Revolution von 1848, die aufkommende Industrie, die Auswüchse der Gründerzeit. Im Spätwerk finden sich Wendungen zum Tragischen und Zeichen einer gewissen Dekadenz, etwa in der Novelle Susi von 1895, in der eine amoralische Frauengestalt trotz ihres schlechten Charakters die Sympathie des Lesers behält.


Rezeption

Bis in die ersten Jahre nach der Reichsgründung genoss Spielhagen hohes Ansehen. Als Autor der gesellschaftskritischen Romane Die von Hohenstein und In Reih und Glied, des Industrieromans Hammer und Amboss und der Abrechnung mit der Gründerzeit, Sturmflut, war er weithin bekannt. Laut der NDB ist Sturmflut der letzte seiner Romane, den die Literaturgeschichte gewürdigt hat – möglicherweise, weil er als letzter einen hoffnungsvollen Blick auf die sozialen Möglichkeiten des Kaiserreichs bewahrte. Die Enttäuschung des Demokraten Spielhagen spricht dagegen aus späteren Werken wie Was will das werden? und Ein neuer Pharao.

Umstritten blieb sein starres Festhalten an der Objektivität. Eine feindselige Haltung nahm Wilhelm Raabe ein, dessen Kunst gerade aus dem Einfallsreichtum der Erzählperspektive lebte. Selbst Theodor Fontane und Gottfried Keller, die die objektive Erzählhaltung des Realismus grundsätzlich teilten, fanden Spielhagens Beharren darauf übertrieben. Die Naturalisten Heinrich und Julius Hart warfen ihm 1884 vor, er halte sich in den eigenen Werken nicht streng an seine Prinzipien. Im Alter näherte er sich sozialdemokratischen Überzeugungen und beurteilte den lange bekämpften französischen Roman, namentlich den Émile Zolas, freundlicher. Seine Novelle Zum Zeitvertreib von 1897 geht vom selben Skandal aus wie Fontanes Effi Briest, erzählt ihn jedoch mit schärferer Gesellschaftskritik und weniger Nachsicht gegenüber den Figuren. Zu seinem Freundeskreis zählten Berthold Auerbach, Paul Heyse, Theodor Fontane und Peter Rosegger; zu seinem Bekanntenkreis gehörten liberale Politiker wie Eduard Lasker und Ludwig Bamberger.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (26 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten