1933
Autobiographie von Alice B. Toklas
Überblick↑
Das Buch Autobiographie von Alice B. Toklas erschien 1933 und gehört zu den bekanntesten Werken Gertrude Steins. Geschrieben wurde es im Oktober und November 1932. Stein wählte einen ungewöhnlichen Kunstgriff: Sie verfasste die Lebenserinnerungen ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas und ließ diese als Erzählerin auftreten. So entstand ein Rückblick auf die Pariser Jahre, auf das Haus in der rue de Fleurus und auf die Maler und Schriftsteller, die dort ein und aus gingen. Die Modern Library zählte das Buch 1998 zu den zwanzig herausragenden englischsprachigen Sachbüchern des 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird aus der Sicht von Alice B. Toklas, die aus einer wohlhabenden Familie in San Francisco stammt. Sie berichtet von ihrer Herkunft, von ihren Eltern und davon, wie sie nach dem Erdbeben von 1906 die Schwägerin Gertrude Steins kennenlernt. 1907 beschließt sie, nach Paris zu gehen.
Dort öffnet sich ihr eine Welt, die sie bis dahin nur vom Hörensagen kannte. Sie schildert den Haushalt in der rue de Fleurus, die Hausangestellte Hélène und die Vorbereitungen für eine Kunstausstellung. Nach und nach treten die Menschen auf, die dieses Milieu ausmachen: Pablo Picasso und dessen Gefährtin Fernande Olivier, Henri Matisse, der Dichter Guillaume Apollinaire, der Kunsthändler Ambroise Vollard. Gertrude Stein und ihr Bruder Leo kaufen Bilder von Paul Cézanne und Matisse und werden mit den Künstlern befreundet.
Ein eigenes Kapitel gilt dem Leben Gertrude Steins vor Paris: Geburt in Allegheny in Pennsylvania, Stationen in Wien, Passy, New York und Kalifornien, das Studium am Radcliffe College bei William James, ein abgebrochenes Studium, ein Aufenthalt in London. Zwischen Sommerreisen nach Italien und Spanien, Streitigkeiten und Versöhnungen unter Künstlern rückt schließlich der Erste Weltkrieg heran. Was er für die beiden Frauen und für Paris bedeutet, ist der Wendepunkt des Buches.
Die Handlung im Detail↑
Der Bericht setzt in San Francisco ein. Alice B. Toklas erzählt von ihrer wohlhabenden Familie, von der Herkunft der Eltern und der Familiengeschichte. In den Bränden nach dem Erdbeben von 1906 begegnet sie der Schwägerin Gertrude Steins. Ein Jahr später zieht sie nach Paris.
In Paris rückt zunächst der Haushalt in den Mittelpunkt. Die Hausangestellte Hélène spielt darin eine wichtige Rolle. Alice berichtet von den Vorbereitungen einer Kunstausstellung, von Picasso und seiner Geliebten Fernande Olivier. Als sich das Paar trennt, zieht Fernande nach Montparnasse, um Französisch zu unterrichten; Alice und Gertrude besuchen sie dort.
Ein Rückblick auf die Jahre 1903 bis 1907 erzählt, wie Gertrude und ihr Bruder Leo bei Ambroise Vollard Bilder von Cézanne und Matisse erwerben und mit den Künstlern Freundschaft schließen. Einen Sommer verbringen Gertrude und Alice im italienischen Fiesole, während Picasso nach Spanien reist. Zurück in Frankreich überwirft sich Gertrude mit Apollinaire, später gerät Picasso mit Matisse aneinander.
Das folgende Kapitel gilt Gertrude Steins Leben vor Paris. Geboren in Allegheny in Pennsylvania, zog sie nach Wien, dann nach Passy, schließlich nach New York und Kalifornien. Am Radcliffe College war William James ihr Lehrer. Sie begann ein Aufbaustudium an der Johns Hopkins University, brach es aus Langeweile ab, ging nach London, langweilte sich auch dort, kehrte nach Amerika zurück und ließ sich zuletzt in Paris nieder.
Die Jahre 1907 bis 1914 zeigen das Haus in der rue de Fleurus 27 mit seinen Zimmern und dem Atelier. Alice erzählt Geschichten über Matisse, über andere Maler und über Apollinaire, dazu von Ferien in Italien und Spanien. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs reisen die beiden Frauen nach England, um Gertrudes Verleger zu treffen. Mildred Aldrich bleibt allein in Paris zurück.
Die Kriegsjahre beginnen in England. Kurz kehren die beiden nach Frankreich zurück, um Gertrudes Manuskripte in Sicherheit zu bringen. Eine Zeit lang leben sie in Spanien, dann wieder in Frankreich. Dort melden sie sich beim American Fund for the French Wounded und fahren durch das Land, um Verwundeten und Obdachlosen zu helfen. Am Kriegsende erscheint ihnen Paris verändert.
Der letzte Abschnitt umfasst die Jahre 1919 bis 1932. Alice berichtet von Gertrudes Streit mit T. S. Eliot, der einen ihrer Texte für unpassend hielt. Sie erzählt von der Freundschaft mit Sherwood Anderson und Ernest Hemingway, der bei der Veröffentlichung von The Making of Americans half. Das Paar freundet sich mit einer Gruppe russischer Künstler an, die jedoch keine eigene Richtung bilden. Gertrude hält einen Vortrag in Oxford, weitere Feste mit Künstlern folgen. Zuletzt wird The Making of Americans aus geschäftlichen Gründen auf vierhundert Seiten gekürzt, und die beiden fassen den Gedanken, eine Autobiographie zu schreiben. Damit schließt sich der Kreis: Das Buch endet an der Stelle, an der es entstanden ist.
Stil↑
Bestimmend ist der Kunstgriff der vertauschten Verfasserschaft. Gertrude Stein schreibt in der Ich-Form einer anderen Frau und lässt Alice B. Toklas erzählen, wie sie Gertrude Stein sieht. Dadurch kann sie über sich selbst in der dritten Person sprechen und ihr eigenes Leben aus fremdem Blickwinkel schildern.
Der Ton ist plaudernd und anekdotisch. Das Buch reiht Begebenheiten aneinander, wie sie in einem Haus voller Gäste erzählt werden: kleine Auftritte, Streitigkeiten, Reisen, Begegnungen. Der Komponist Virgil Thomson, der Texte Steins vertonte, meinte, das Buch sei bis auf die tatsächliche Verfasserschaft in jeder Hinsicht das Buch von Alice Toklas; es spiegle ihre Denkweise, ihre Sprache, ihre eigene Sicht auf Gertrude und ihre besondere Erzählkunst. Jede Geschichte darin sei so erzählt, wie Alice sie stets erzählt habe.
Mehrere Kritiker, darunter Jeanette Winterson, sehen darin eine neue literarische Form. Stein habe an Virginia Woolfs erfundene Lebensbeschreibung Orlando angeknüpft und die Gattung der Autobiographie auf eigene Weise umgedeutet.
Rezeption↑
Nach eigenem Bekunden schrieb Gertrude Stein das Buch in sechs Wochen, und zwar mit der Absicht, Geld zu verdienen. Gerade dieser Beweggrund behagte ihr beim Schreiben nicht, und Alice glaubte nicht an einen Erfolg. Es wurde der erste Text Steins, der im Atlantic Monthly erschien, worüber sie sich sehr freute. Die Zeitschrift druckte in vier Folgen etwa sechzig Prozent des Buches ab.
Im Freundeskreis fielen die Urteile weit auseinander. Carl Van Vechten gefiel das Buch. Henry McBride hielt es für zu sehr auf den Verkauf berechnet. Ernest Hemingway nannte es ein „damned pitiful book“. Henri Matisse fühlte sich durch die Schilderung seiner Frau gekränkt. Georges Braque meinte, Stein habe den Kubismus falsch dargestellt. Ihr Bruder Leo Stein sprach von einem Sammelsurium von Lügen.
Der geschäftliche Erfolg blieb nicht aus und ermöglichte Stein ein wohlhabenderes Leben. Die Nachwirkung hält an: 1998 nahm die Modern Library das Buch in ihre Liste der zwanzig herausragenden englischsprachigen Sachbücher des 20. Jahrhunderts auf.
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