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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Gertrude Stein
Gertrude Stein
1874 – 1946
– Autorenporträt –

Gertrude Stein

1874 – 1946 · 72 Jahre

Amerikanische Schriftstellerin in Paris, deren Salon in der Rue de Fleurus die Avantgarde versammelte – berühmt wurde sie 1933 mit „The Autobiography of Alice B. Toklas“.

Kurzbiografie↑

Gertrude Stein war eine amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin, die einen großen Teil ihres Lebens in Paris verbrachte. Ihr Salon in der Rue de Fleurus 27 wurde zu einem Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde: Pablo Picasso, Henri Matisse und Georges Braque gingen dort ein und aus, später auch junge amerikanische Schriftsteller wie Ernest Hemingway. In ihren Texten setzte sie sich über die Regeln der Sprache hinweg, arbeitete mit Wiederholungen und verzichtete auf einen großen Teil der üblichen Satzzeichen. Viele Leser und Kritiker empfanden ihr Werk als zu schwierig; erst das in schlichterem Stil geschriebene Buch The Autobiography of Alice B. Toklas machte sie 1933 berühmt. Von ihr stammt der vielzitierte Satz „Rose is a rose is a rose is a rose“.


Biografie↑

Am 3. Februar 1874 kam Gertrude Stein in Allegheny City in Pennsylvania zur Welt, als jüngstes von fünf Kindern. Die Familie war wohlhabend; in ihrer Autobiografie nannte sie sie eine „hochachtbare bürgerliche Familie“. Die Großeltern väterlicherseits waren aus Deutschland eingewanderte Juden, ursprünglich aus Bayern. Sie hatten 1841 das Land verlassen, um in Amerika politische Freiheit und wirtschaftliche Möglichkeiten zu finden. Im Haus wurde Deutsch und Englisch gesprochen. Nach Aufenthalten in Wien und bei Paris wuchs Gertrude in Kalifornien auf. Die Mutter starb 1888, der Vater 1891; der älteste Bruder Michael wurde Vormund der jüngeren Geschwister.

Im Herbst 1893 ging sie ihrem Bruder Leo nach Cambridge in Massachusetts nach und studierte Biologie und Philosophie am Radcliffe College, der Frauenabteilung von Harvard. Dort gehörte sie zum engeren Kreis des Psychologen und Philosophen William James, dessen Begriff vom „Bewusstseinsstrom“ ihr späteres Schreiben prägen sollte. Ab 1897 folgte ein Studium der Psychologie und Medizin an der Johns Hopkins Medical School in Baltimore, wohin auch Leo gewechselt war. Die Geschwister wohnten zusammen. Gertrude bewegte sich in einem Kreis, der die moralischen Regeln des puritanischen Bürgertums infrage stellte, und hatte eine längere Beziehung zu ihrer Kommilitonin May Bookstaver. Daraus entstand 1903 der kurze Roman Q. E. D., der erst 1950 unter dem Titel Things As They Are erschien. Das Medizinstudium langweilte sie zusehends, nach nicht bestandenen Prüfungen brach sie es ab.

Den Sommer 1902 verbrachte sie mit Leo in Europa, im Herbst mieteten beide eine Wohnung in London und lernten Mitglieder der Bloomsbury Group kennen. Im Dezember zog Leo nach Paris, 1903 folgte sie ihm endgültig. In der gemeinsamen Wohnung in der Rue de Fleurus 27 eröffneten die Geschwister einen Salon, der zum Zentrum der Pariser Avantgarde wurde. Das gut angelegte Familienvermögen erlaubte den Ankauf zahlreicher Bilder, unter anderem von Cézanne, Renoir und Gauguin. Die Geschwister kauften nicht als Geldanlage, sondern weil ihnen die Bilder gefielen. 1905 erwarb Leo ein erstes Gemälde von Henri Matisse. Im selben Jahr lernte er Pablo Picasso kennen. Gertrude freundete sich mit dem Maler an und saß ihm monatelang für ihr Bildnis Modell, das er im Herbst 1906 vollendete. Der Briefwechsel der beiden hielt bis 1944 an. Matisse und Picasso begegneten einander zum ersten Mal in diesem Salon.

Um 1906 arbeitete sie an ihrem Roman The Making of Americans. Im Jahr 1907 lernte sie die aus einer bürgerlichen jüdischen Familie stammende Alice B. Toklas kennen und stellte sie ein Jahr später als Sekretärin ein. Toklas zog bald in die gemeinsame Wohnung. Sie wurde Steins Lebensgefährtin und zugleich Sekretärin, Lektorin und Köchin und hielt sich stets im Hintergrund. 1909 ließ Stein ihr erstes Buch Three Lives auf eigene Kosten drucken, weil sich kein Verlag dafür interessierte. Im August 1912 erschienen in Alfred Stieglitz' Fotomagazin Camera Work ihre Wortporträts über Matisse und Picasso, ihre erste Veröffentlichung in den USA.

Im Jahr 1913 verließ Leo Stein die gemeinsame Wohnung. Er wollte das Zusammenleben mit Toklas nicht länger hinnehmen, teilte Gertrudes Vorliebe für den Kubismus nicht und hielt ihre Schriftstellerei für minderwertig. Hausrat und Kunstsammlung wurden aufgeteilt: Leo nahm die Renoirs und viele Cézannes, Gertrude behielt die kubistischen Bilder Picassos und Matisse' Gemälde der Frau mit Hut. Zu einer Aussöhnung kam es nicht. Gertrude beantwortete die Briefe ihres Bruders nicht mehr. Den Salon führte sie nun mit Toklas allein weiter, mit festen Einladungen an den Samstagabenden. Nachmittags empfing sie Besuch, nach dem Abendessen schrieb sie bis in die frühen Morgenstunden.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kaufte sie erste Bilder von Juan Gris. Im selben Jahr erschien in New York ihre Textsammlung Tender Buttons. Im Juli 1914 reisten Stein und Toklas nach London, um einen Vertrag für Three Lives abzuschließen; in dieser Zeit erreichte sie die Nachricht vom deutschen Einmarsch in Belgien. Erst im Oktober konnten sie nach Paris zurück. Ab 1917 fuhren beide für die amerikanische Hilfsorganisation American Fund for French Wounded Medikamente und medizinisches Material zu Lazaretten.

Nach dem Krieg kamen neue Gäste. Stein prägte in dieser Zeit den Begriff der „Lost Generation“. Ernest Hemingway lernte sie 1922 in Paris kennen, wo er als Auslandskorrespondent arbeitete. Sie wurde seine Mentorin und Förderin und ermunterte ihn, den Journalismus aufzugeben. Er wiederum las The Making of Americans Korrektur und setzte sich für einen Vorabdruck ein. Stein und Toklas wurden 1923 Patinnen seines ersten Sohnes. Die Freundschaft zerbrach 1926, unter anderem weil Hemingway ein Werk des gemeinsamen Freundes Sherwood Anderson parodierte und darin auch Steins Roman verspottete. Der lange Roman erschien 1925 im kleinen Pariser Verlag Contact Editions. 1926 hielt Stein in Cambridge, London und Oxford Vorträge über ihr Werk. 1931 gründete Toklas den Verlag Plain Edition, um Steins Bücher herauszubringen, finanziert durch den Verkauf eines Picasso-Gemäldes.

Der Durchbruch kam 1933 mit The Autobiography of Alice B. Toklas, erschienen bei Harcourt, Brace and Company in New York. Im September desselben Jahres war Stein auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins Time. Die von Virgil Thomson vertonte Oper Four Saints in Three Acts wurde am 8. Februar 1934 in Hartford uraufgeführt und ab dem 20. Februar am Broadway gespielt. Ein Kritiker nannte Stein „The Mama of Dada“. Für Aufsehen sorgte im Mai 1934 ihre im New York Times Magazine veröffentlichte Äußerung, Hitler solle den Friedensnobelpreis erhalten; die Forscherin Ulla E. Dydo wertete sie als eindeutig ironisch. Von Oktober 1934 bis Mai 1935 reiste Stein mit Toklas erfolgreich durch die USA und sprach an Universitäten und in privaten Clubs. Sie trafen unter anderen Charlie Chaplin und Thornton Wilder und wurden von Eleanor Roosevelt im Weißen Haus zum Tee empfangen. 1937 erschien die Fortsetzung Everybody's Autobiography. Im Jahr darauf zogen Stein und Toklas in die Rue Christine 5, weil ihr alter Mietvertrag gekündigt worden war.

Den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebten beide in ihrem Ferienhaus in Billignin bei Belley. Steins mangelnder Sinn für die Lage zeigte sich darin, dass sie 1941 Reden des Marschalls Pétain übersetzte und in einem Vorwort als mutigen Politiker bezeichnete; zu einer Veröffentlichung kam es nicht. Im Jahr darauf ließ ihre Begeisterung nach. Über die Bedrohung, die ihre jüdische Herkunft für sie und Toklas bedeutete, äußerte sie sich nie. 1943 zogen sie nach Culoz. Dass das Paar die Besatzungszeit weitgehend unbehelligt überstand, verdankte es unter anderem Bernard Faÿ, einem langjährigen Freund, der mehrere ihrer Texte ins Französische übersetzt hatte. Faÿ gab das antisemitische, von den Deutschen bezahlte Journal La Gerbe heraus, leitete die Nationalbibliothek und hatte Verbindungen zur Pariser Gestapo. Auf seine Veranlassung wurden rund 989 Freimaurer in Konzentrationslager deportiert, 549 von ihnen wurden erschossen. In den letzten Tagen der Besatzung erreichte er, dass Steins wertvolle Gemälde nicht fortgeschafft wurden. Nach dem Krieg wurde er als Kollaborateur zu lebenslanger Haft verurteilt; Stein setzte sich brieflich für seine Freilassung ein.

Im September 1944 trafen die ersten amerikanischen Soldaten in Culoz ein, im Dezember kehrte das Paar nach Paris zurück. Aus Tagebuchaufzeichnungen entstand Wars I Have Seen. Im Juni 1945 besuchte Stein auf Einladung des Magazins Life amerikanische Stützpunkte in Deutschland, Belgien und Österreich; die Gespräche mit den Soldaten verarbeitete sie in Brewsie and Willie. Für Virgil Thomson schrieb sie erneut ein Libretto, The Mother of Us All über die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony. Gertrude Stein starb am 27. Juli 1946 an Magenkrebs. Über den Sterbeort sind die Angaben uneinheitlich: Wikidata nennt Neuilly-sur-Seine, die Deutsche Nationalbibliothek Paris. Ihr Grab liegt auf dem Friedhof Père-Lachaise. Alice B. Toklas, ihre Erbin, sorgte für den Druck der unveröffentlichten Manuskripte; sie starb 1967 und wurde in Steins Grab beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Ihr eigenes Werk teilte Gertrude Stein in zwei Gruppen ein, die sie „entity“ und „identity“ nannte. Die Texte der ersten Gruppe schrieb sie für sich selbst, ohne Rücksicht auf das Publikum; dazu zählte sie Three Lives und The Making of Americans. Die Texte der zweiten Gruppe wollten verständlich mitteilen und Erfolg bei den Lesern haben, etwa die Autobiography of Alice B. Toklas. Die Übergänge konnten fließend sein.

Angefangen hatte ihre Entwicklung 1895 mit Collegeaufsätzen, die schon von William James' Theorie des Bewusstseinsstroms geprägt waren. Ihr erstes gedrucktes Buch Three Lives enthält drei Erzählungen. In einer der bekanntesten, Melanctha, sucht eine junge schwarze Frau nach sich selbst; die Geschichte gilt als erste Schilderung eines weißen amerikanischen Autors, die ganz in einer armen schwarzen Gemeinschaft spielt. Ein Bildnis von Cézanne hing beim Schreiben direkt vor ihrem Schreibtisch und regte sie an: Wie der Maler seine Pinselstriche wiederholte, baute sie ihre Figuren aus sich wiederholenden Sätzen auf.

Der etwa tausendseitige Roman The Making of Americans, zwischen 1903 und 1911 verfasst, verknüpft die Lebensläufe einer Familie mit der Geschichte der Nation. Er enthält wenige Dialoge und schildert Charaktere, die sich nicht verändern. Auffällig ist der ausgiebige Gebrauch der Verlaufsform. Der Text wechselt zwischen erzählender Vergangenheit und ausgedehnten, stark wiederholenden Betrachtungen in der Gegenwartsform. An die Stelle der überlieferten Erzählweise tritt ein monologartiges Erzählen, das aber nicht in einen inneren Monolog übergeht wie am Ende von James Joyce' Ulysses.

Einen Wechsel brachte Tender Buttons von 1914. Die drei gleich langen Prosastücke handeln von alltäglichen Dingen, von Lebensmitteln und Räumen und mischen Essay, Beschreibung und freie Assoziation. Damit wandte sich Stein vom Menschen den Dingen zu; wie in der bildenden Kunst vollzog sich ein Übergang zum Nicht-Figurativen. Sie selbst erklärte, sie wolle den Kubismus der abstrakten Malerei in die Sprache übertragen. Sie schrieb ohne Komma, Gedankenstrich, Semikolon und Doppelpunkt und reihte ihre Gedanken Wort für Wort aneinander. Kritiker warfen ihr vor, sie habe sich damit nur die Mühe gründlicher Überarbeitung ersparen wollen.

Für The Autobiography of Alice B. Toklas gab sie all das auf. Vereinfachte Syntax, Wiederholungen und sprachliche Assoziationen sind verschwunden; sie wählte eine Sprache nahe am gesprochenen Englisch. Toklas erzählt darin von Steins Leben, das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung und endet mit der Auskunft, dass Stein selbst die Verfasserin sei. Dichtung und Wahrheit vermischen sich: Das abgebrochene Studium wird zur Anekdote, das erfolglose Schreiben zur künstlerischen Leidenschaft.

Neben Romanen, Erzählungen, Essays und Gedichten schrieb Stein Libretti und Theaterstücke, außerdem zahlreiche literarische Porträts von Freunden und Bekannten, das erste 1910 über Alice B. Toklas. Diese Porträts lehnten sich in ihrer teils verfremdeten Form an die kubistischen Bilder ihrer Malerfreunde an.


Rezeption↑

Als Kultfigur der Kunst- und Literaturszene ihrer Zeit war Gertrude Stein weithin bekannt, ihr Werk dagegen blieb umstritten. Thornton Wilder nannte sie die „Mutter der Moderne“; sein Theaterstück Unsere kleine Stadt von 1938 war durch The Making of Americans angeregt. Hemingway schrieb rückblickend, sie sei eine solche Persönlichkeit gewesen, dass ihr niemand widerstehen konnte, den sie für sich gewinnen wollte. Sinclair Lewis dagegen urteilte 1945 abfällig, sie werde „immer noch weit und breit bewundert, obwohl sie auch weit und breit ungelesen ist“. Der Literaturkritiker Edmund Wilson gestand 1931 offen ein, er habe The Making of Americans nicht ganz gelesen und wisse nicht, ob das überhaupt möglich sei; bei so gleichförmig gebauten und so oft wiederholten Sätzen schlafe der Leser bald ein. Über Three Lives hatte derselbe Wilson dagegen anerkennend geschrieben, wie sehr sich die Autorin mit ihren Figuren identifiziere und wie meisterlich sie den Widerspruch im Menschen erfasse.

Steins eigene Einschätzung, The Making of Americans gehöre neben Joyce' Ulysses und Prousts À la recherche du temps perdu zu den bedeutendsten Werken der Moderne, teilten Kritiker und Leser nicht; das Buch blieb wegen seiner Verschlossenheit weitgehend unbekannt. Deutlich erfolgreicher war die Autobiography of Alice B. Toklas, die sich zum Longseller entwickelte. Sie brachte Stein aber auch Widerspruch ein: Im Februar 1935 erschien in Eugene Jolas' Magazin transition unter dem Titel The Testimony against Gertrude Stein ein Beitrag, in dem frühere Freunde wie Georges Braque, Henri Matisse und Tristan Tzara ihr unwahre Darstellung und Größenwahn vorwarfen.

Ihr Einfluss auf die amerikanische Literatur reicht weit. Die jungen Autoren, die in den 1920er Jahren ihren Salon besuchten, prägte sie ebenso wie spätere Schriftsteller; genannt werden William Faulkner, Ernest Hemingway, Thornton Wilder, Tennessee Williams, Wallace Stevens, Jack Kerouac und Kurt Vonnegut. Jörg Drews meinte allerdings, The Making of Americans habe direkt nur auf Hemingways frühe Werke gewirkt, und dieser habe die stilistischen Neuerungen abgeschwächt. In Deutschland setzte sich 1955 zuerst Helmut Heißenbüttel mit ihrem Werk auseinander, in einem Beitrag für die Zeitschrift augenblick; Steins Einfluss zeigt sich in seinem frühen Werk. Auch Oskar Pastiors anagrammatische Lyrik wurde von ihr angeregt.

Als Person wurde Stein immer wieder porträtiert, von Picasso und Félix Vallotton über Man Ray und Cecil Beaton bis zu Andy Warhol, der sie 1980 in seine Siebdruckreihe Zehn Porträts von Juden des 20. Jahrhunderts aufnahm. Ihr bekanntester Satz wird 1952 im Musical Singin' in the Rain gesungen. Woody Allens Film Midnight in Paris von 2011 spielt teilweise in ihrem nachgestellten Salon. Große Ausstellungen widmeten sich der Sammlerfamilie Stein, 2011/12 im Grand Palais in Paris und anschließend im Metropolitan Museum of Art in New York, sowie 2023/24 Stein und Picasso im Musée du Luxembourg. Bei einer Ausstellung in Washington wurde kritisiert, dass die Jahre unter dem Schutz des Antisemiten Bernard Faÿ nahezu ausgespart blieben. Bekannter, so das zusammenfassende Urteil, ist Gertrude Stein durch ihren Einfluss auf die moderne Literatur als durch ihr eigenes Werk.

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