1883 – 1914
Ernst Stadler
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten Dichtern des deutschen Frühexpressionismus zählt Ernst Stadler, der 1883 im elsässischen Colmar geboren wurde und 1914 als Reserveoffizier in Flandern fiel. Neben seiner Lyrik wirkte er als Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Seine Gedichtsammlung Der Aufbruch machte ihn 1914 zu einer Leitfigur des literarischen Expressionismus. Als Elsässer lag ihm die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich besonders am Herzen. Sein Leben endete mit nur einunddreißig Jahren, kurz nachdem sein Hauptwerk erschienen war.
Biografie↑
Ernst Maria Richard Stadler kam am 11. August 1883 in Colmar im damaligen Reichsland Elsaß-Lothringen zur Welt. Er stammte aus einer süddeutschen Kaufmanns- und Beamtenfamilie. Sein Vater Adolph Xaver war Staatsanwalt, später Ministerialrat und Kurator an der Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg. Ab 1886 wuchs Stadler in Straßburg auf, wo er die Volksschule und ab 1892 das protestantische Gymnasium besuchte.
Schon als Siebzehnjähriger veröffentlichte er Gedichte. Er war mit René Schickele und Otto Flake befreundet, beide wie er Mitglieder des elsässischen Kunstkreises, den die Deutsche Biographie als „Jüngstes Elsaß“ bezeichnet und dem auch Hans Arp angehörte. Mit seinen Freunden gab er 1902 die Zeitschrift Der Stürmer für progressive Dichtung heraus, die 1903 in Der Merker umbenannt wurde.
Ab 1902 studierte Stadler an der Straßburger Kaiser-Wilhelms-Universität Germanistik, Romanistik und vergleichende Sprachwissenschaft. Im Herbst unterbrach er das Studium für seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Straßburger Feldartillerie-Regiment. 1904 wechselte er für ein Semester nach München. 1906 wurde er in Straßburg mit einer Untersuchung über Parzival-Handschriften bei Ernst Martin zum Dr. phil. in germanistischer Mediävistik promoviert.
Als Cecil-Rhodes-Scholar setzte Stadler seine Ausbildung bis 1908 am Magdalen College in Oxford fort. Dort entstand seine Habilitationsschrift Wielands Shakespeare, die 1910 erschien. Anschließend war er als Privatdozent für Germanistik in Straßburg tätig. 1910 hielt er sich erneut zu Studien in Oxford auf, wo er 1913 mit einer Arbeit über die Geschichte der Shakespeare-Kritik in Deutschland zum Bachelor of Letters promoviert wurde.
Ab 1910/11 lehrte Stadler an der Freien Universität in Brüssel, zunächst als Dozent, ab 1912 als außerordentlicher Professor für deutsche Sprache und Literatur. 1913 nahm er eine Berufung an die Universität Toronto an, wo er zum Herbst 1914 als Associate Professor beginnen sollte. Dazu kam es nicht mehr: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er als Reserveleutnant einberufen. Am 30. Oktober 1914 fiel er in der Ersten Flandernschlacht, getötet durch eine Granate. Über den genauen Sterbeort gehen die Quellen leicht auseinander: Die Deutsche Biographie nennt Zandvoorde bei Ypern in Belgien, Wikidata verzeichnet Ypern. Beigesetzt wurde Stadler in Straßburg auf dem Friedhof im Stadtteil Ruprechtsau (Robertsau).
Literarische Merkmale↑
Seinen ersten Gedichtband Präludien veröffentlichte Stadler 1905 (die Erstausgabe trägt die Jahresangabe 1904). In seinen lyrischen Anfängen zeigt er sich als höchst formbewusster, aber noch wenig lebensnaher Dichter, der von der Dekadenz des Jugendstils und einer auf Nietzsche fußenden Lebenskult-Ästhetik geprägt war. Zugleich lag darin sein Talent: Er verband verschiedene Geistesströmungen seiner Zeit miteinander. Laut der Deutschen Biographie standen die Gedichte der Präludien unter dem Einfluss Stefan Georges, Hugo von Hofmannsthals und des französischen Symbolismus.
Mit der Sammlung Der Aufbruch von 1914 fand Stadler zu seiner eigenen Sprache. Die Gedichte entstanden zwischen 1910 und 1913 und erschienen großenteils zuerst in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion. In raschen Bilderfolgen greift er neue, wirklichkeitsnahe Themen auf: die Großstadt, den Alltag, die Technik. Das bekannteste dieser Gedichte ist Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht. Im Unterschied zu Georg Heym ließ Stadler sich durch düstere Vorahnungen nicht abschrecken. Der religiös orientierte Dichter appellierte an seine Leser, zu einem besseren Dasein aufzubrechen, und suchte Niedergeschlagenheit zu vertreiben.
Neben der Lyrik arbeitete Stadler als Kritiker, Essayist und Übersetzer. Seine elsässische Heimat verstand er als Brücke zwischen deutscher und französischer Kultur. In Aufsätzen und Übersetzungen machte er zeitgenössische französische Literatur in Deutschland bekannt, darunter Werke von Paul Claudel, Romain Rolland und Charles Péguy. Auch seine literaturwissenschaftlichen Studien stellten die wechselseitigen Beziehungen der verschiedenen Literaturen heraus.
Rezeption↑
Zusammen mit Georg Heym und Georg Trakl gilt Stadler als einer der bedeutendsten Dichter des deutschen Frühexpressionismus. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass er nicht nur als Lyriker, sondern auch als Kritiker und Essayist maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des literarischen Expressionismus hatte. Die Sammlung Der Aufbruch bildete den Höhepunkt seiner kurzen Laufbahn und machte ihn zu einer Leitfigur der Bewegung. Zehn seiner Gedichte wurden in die bekannte Anthologie des Expressionismus Menschheitsdämmerung aufgenommen.
Stadler gehört zu jenen Autoren, die durch eine einzige Buchveröffentlichung im Gedächtnis der Nachwelt geblieben sind. Sein früher Tod machte ihn früh zu einer Erinnerungsfigur. Carl Sternheim widmete ihm das Schauspiel 1913, das 1915 erschien, und porträtierte ihn dort in der Figur des „Friedrich Stadler“. Auch Otto Flake nahm ihn zum Vorbild für die Gestalt des Robert von Stehr in seinem Roman Horns Ring von 1916.
Sein Werk blieb bis in die Gegenwart Gegenstand der Forschung. Herausgaben seiner Dichtungen, Schriften und Briefe erschienen unter anderem 1954 und 1983. 2022 legte Albert M. Debrunner mit Ernst Stadler: Ein zu kurzes Leben eine neuere Darstellung vor.
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