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Porträt Johanna Spyri
Johanna Spyri
1827 – 1901
– Autorenporträt –

Johanna Spyri

1827 – 1901 · 74 Jahre

Schweizer Erzählerin des Waisenkindes Heidi, das aus den Alpen nach Frankfurt kommt und dort an Heimweh nach den Bergen leidet – ihre Heidi-Geschichten zählen bis heute zu den erfolgreichsten Kinderbüchern der Welt.

Kurzporträt

Zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der Schweiz zählt Johanna Spyri, geboren 1827 in Hirzel im Kanton Zürich, gestorben 1901 in Zürich. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Geschichten um das Waisenkind Heidi, das aus den Bergen nach Frankfurt kommt und schließlich zur Geborgenheit in der Alpenwelt zurückfindet. Der Roman Heidis Lehr- und Wanderjahre wurde in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Bis heute gehören ihre Heidi-Bücher zu den international erfolgreichsten Werken der Kinderliteratur, und Spyri gilt oft als eine der meistgelesenen Autorinnen der Welt.


Biografie

Als viertes von sechs Kindern kam Johanna Louise Heusser 1827 im Dorf Hirzel am Zimmerberg über dem Zürichsee zur Welt. Ihr Vater Johann Jakob Heusser war Arzt, ihre Mutter Meta Heusser-Schweizer eine pietistische Dichterin. Auch weitere Familienmitglieder waren gebildete und angesehene Persönlichkeiten der Zürcher Landschaft: Der Großvater mütterlicherseits war Pfarrer, ein älterer Bruder wurde Geologe und Mineraloge, und ihre Nichte Emilie Kempin-Spyri war die erste Schweizerin, die in der Schweiz als Juristin promovierte.

Mit fünfzehn Jahren zog Johanna zu einer Tante nach Zürich und besuchte dort die Schule. Im Sommer 1844 ging sie für längere Zeit in ein Pensionat nach Yverdon, um Französisch zu lernen. Nach ihrer Rückkehr wohnte sie bis 1852 wieder in Hirzel, unterrichtete die jüngeren Geschwister und half der Mutter im Haushalt. In diesen Jahren wandte sie sich mit Leidenschaft der Literatur zu, besonders den Werken Goethes und Annette von Droste-Hülshoffs.

1851 verlobte sie sich mit dem Zürcher Juristen und Redakteur Bernhard Spyri, der zum engeren Freundeskreis Richard Wagners in Zürich gehörte. Im Jahr darauf heirateten die beiden in der Kirche Wollishofen und zogen in die Stadt Zürich. 1855 kam das einzige Kind des Paares zur Welt, der Sohn Bernhard Diethelm. Während der Schwangerschaft geriet Johanna in eine tiefe Depression, die viele Jahre anhielt. Die Ehe galt als nicht glücklich; Halt fand sie in ihrer Freundschaft mit Betsy Meyer, der Schwester des Dichters Conrad Ferdinand Meyer.

Erst mit dem Umzug in die Amtswohnung ihres Mannes im Stadthaus überwand sie 1868 ihre langjährige Schwermut. Als Bernhard Spyri Stadtschreiber geworden war, übernahm sie als „Frau Stadtschreiberin“ soziale Aufgaben und gehörte von 1875 bis 1892 der Aufsichtskommission der Höheren Töchterschule an.

Den Anstoß zum Schreiben gab ihr der Bremer Pastor Cornelius Rudolph Vietor, ein Freund der Familie. Auf seine Anregung erschien 1871 in Bremen ihre erste Erzählung Ein Blatt auf Vronys Grab, die Geschichte einer Frau, die unter ihrem trunksüchtigen Mann leidet und sich in ihr Schicksal fügt. Sie hatte sofort Erfolg. Es folgten weitere Erzählungen für Erwachsene, die unter dem Kürzel „J. S.“ erschienen und weniger Beachtung fanden. Nach dem Tod ihrer Mutter 1876 begann Spyri, Geschichten für Kinder zu schreiben. Ihr erstes Kinderbuch Heimathlos erschien 1878 bei F. A. Perthes in Gotha.

Kurz vor Weihnachten 1879 kam bei demselben Verlag Heidis Lehr- und Wanderjahre heraus, das rasch zu einem großen Erfolg wurde und der Autorin einen wohlhabenden Lebensabend sicherte. 1881 folgte der zweite Band Heidi kann brauchen, was es gelernt hat. In der Forschung umstritten ist die 2010 vom Germanisten Peter Büttner geäußerte Behauptung, Spyri habe die Erzählung Adelaide, das Mädchen vom Alpengebirge von Hermann Adam von Kamp als Vorlage benutzt.

Schwere Verluste trafen sie 1884: Innerhalb weniger Monate starben ihr an Tuberkulose erkrankter Sohn und kurz darauf ihr Ehemann. Als finanziell unabhängige Witwe zog sich Spyri in die „Escherhäuser“ am Zeltweg zurück, wo sie bis zu ihrem Tod wohnte. In ihren letzten Lebensjahren schrieb und reiste sie viel und verbrachte jährlich mehrere Wochen in Montreux. Mit Conrad Ferdinand Meyer blieb sie freundschaftlich verbunden. 1901 erkrankte sie an Krebs und ließ sich von Marie Heim-Vögtlin behandeln, der ersten Schweizer Ärztin. Im selben Jahr starb sie in Zürich und wurde auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt.


Literarische Merkmale

Angesiedelt sind Spyris Kinder- und Jugendgeschichten meist in ländlicher Umgebung, hoch über dem Zürichsee oder in den Alpen. Wiederkehrende Themen sind die große, lebhafte Kinderschar im elterlichen Arzthaus, die Gegenwart einer frommen Großmutter, die Liebe zu den Bergen sowie Krankheit und soziale Not. Immer wieder stellt sie den Gegensatz von Stadt und Land dar, ebenso den zwischen der Schweiz und Deutschland. Über allem steht das Vertrauen auf einen Gott, der in der Natur zu finden ist. Kennzeichnend für ihre Geschichten sind auch die vielen zitierten Kirchenliedstrophen.

Als typisch für ihr Erzählen gilt der flüssige Stil und eine spannungsreiche Handlung, die auf ein überraschendes und zugleich friedliches Ende zusteuert. So verfasste sie im Sommer 1879 in wenigen Wochen Heidis Lehr- und Wanderjahre – die Geschichte eines naturverbundenen Waisenkindes, das nach der schmerzhaften Heimwehkrankheit in Frankfurt zurückfindet zur Geborgenheit in den Bergen und bei Gott. Insgesamt entstanden 48 Erzählungen, davon etwa 32 für Kinder, elf für Erwachsene und fünf für junge Mädchen.


Rezeption

Weltweit erreichten Spyris Bücher, allen voran die Heidi-Geschichten, millionenstarke Auflagen. Sie wurden vertont, verfilmt und als Musical inszeniert. Wegen dieses Erfolgs zählt Spyri zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen der Welt und gilt heute oft als berühmteste Schweizerin. Besonders groß ist ihre Wirkung in Japan, wo 1974 die erfolgreiche Trickfilmserie Heidi, Girl of the Alps von Isao Takahata entstand.

Schon zu Lebzeiten stießen ihre Schriften auch auf Kritik, vor allem wegen der darin vertretenen religiös-konservativen Haltung und einer gegen die Frauenemanzipation gerichteten Tendenz, wie etwa in der Erzählung Sina von 1884. Beide Punkte werden heute differenzierter betrachtet. Ebenso wird kritisch gesehen, dass Spyri das geschilderte soziale Elend stets zu einer wunderbaren Wendung führt, ohne es in eine politische Perspektive zu rücken.

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