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Werkseintrag · Der Weißmeer-Ostsee-Kanal
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Cover Der Weißmeer-Ostsee-Kanal
Der Weißmeer-Ostsee-Kanal
1934
– Werkseintrag –

Der Weißmeer-Ostsee-Kanal

1934 · Sachbuch

Ein Buch, das 36 Schriftsteller gemeinsam schrieben, um ein Zwangsarbeitsprojekt als glanzvolle Heldentat zu feiern.

Überblick↑

Bei diesem Buch handelt es sich um ein Werk der sowjetischen Propaganda aus dem Jahr 1934. Es schildert den Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals, der in der Sowjetunion auch Belomorkanal genannt wurde. Ungewöhnlich ist die Entstehung: Der Weißmeer-Ostsee-Kanal ist keine Arbeit eines einzelnen Verfassers, sondern eine gemeinschaftliche Monographie von 36 sowjetischen Schriftstellern. Herausgegeben wurde das Buch unter der Redaktion von Maxim Gorki, Leopold Awerbach und Semjon Firin. Das Werk wurde damals in großer Zahl verbreitet. Wenige Jahre später, in der Zeit des Großen Terrors, fiel es der Zensur zum Opfer.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt des Buches steht ein sowjetisches Großprojekt: der Bau eines Kanals, der das Weiße Meer im Norden mit der Ostsee verbindet. Errichtet wurde diese Wasserstraße zwischen November 1931 und Juli 1933, also in nur rund 20 Monaten. Das Buch beschreibt diese Baustelle und die Menschen, die dort arbeiteten.

Die zahlreichen Autoren zeichnen ein durchweg geschöntes Bild der Arbeit. Sie stellen den Kanalbau als eine Leistung dar, bei der aus Gefangenen durch „Erziehung“ und „Besserungsarbeit“ neue, dem Sozialismus zugewandte Menschen werden sollten. In feierlichem, triumphierendem Ton feiert das Werk das Projekt als Erfolg des Sowjetregimes.

Wer das Buch liest, begegnet also weniger einer sachlichen Reportage als einer sorgfältig gestalteten Verherrlichung. Was hinter den Kulissen der Baustelle tatsächlich geschah, verschweigt der Text – und gerade dieses Verschweigen macht die Lektüre bis heute zu einem beklemmenden Zeugnis seiner Zeit.

Die Handlung im Detail↑

Das Buch schildert die Errichtung des Weißmeer-Ostsee-Kanals, der das Weiße Meer mit der Ostsee verbindet. Der Bau dauerte von November 1931 bis Juli 1933 und wurde in rund 20 Monaten durchgezogen. An der Darstellung wirkte eine Gruppe führender sowjetischer Schriftsteller mit, darunter Maxim Gorki, Wsewolod Iwanow, Walentin Katajew, Alexei Tolstoi, Wiktor Schklowski und Michail Soschtschenko.

Das Großprojekt wurde durch den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeit umgesetzt. Viele der eingesetzten Gefangenen stammten aus dem Sonderlager Solowezki im Weißen Meer. Die Verbindung solcher Großbaustellen mit dem Lagersystem gilt als Wendepunkt der sowjetischen Lagerpolitik. Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen kamen bei dem Projekt viele tausend Häftlinge ums Leben. Genau diese Seite blendet das Buch aus: Es preist die harte Arbeit als Mittel, aus Gefangenen „neue sozialistische Menschen“ zu formen.

Hinter der triumphalen Propaganda stand ein Ergebnis, das das Regime selbst nicht ganz zufriedenstellte. Schon bei der Eröffnung war klar, dass Reparaturen und Verbreiterungen nötig sein würden. Für Eingeweihte war es kein Geheimnis, dass das Kanalbett zu flach und für Kriegsschiffe ungeeignet war.

Das Schicksal des Buches selbst nahm eine bittere Wendung. Es wurde ins Englische übersetzt und 1935 in Großbritannien und den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Doch bereits 1937 wurde die Veröffentlichung in der Sowjetunion gestoppt und verboten; fast alle Exemplare wurden aus dem Verkehr gezogen. Mehrere der Autoren und Herausgeber wurden im Großen Terror selbst umgebracht, darunter Firin und Awerbach, ebenso der für den Kanalbau verantwortliche NKWD-Leiter Genrich Jagoda. So wurde aus einem Buch, das eine Großtat feiern sollte, ein verbotenes und verfolgtes Werk.

Stil↑

Der Text ist von einem feierlichen, triumphierenden Ton geprägt. Er stellt den Kanalbau durchweg beschönigend dar und rückt die Umerziehung von Gefangenen in ein heldenhaftes Licht. Besonders auffällig ist die Entstehungsform: Statt eines einzelnen Verfassers schrieb ein Kollektiv von 36 Autoren gemeinsam an der Monographie. Diese gemeinschaftliche Arbeitsweise gehört selbst zum propagandistischen Konzept des Buches – das Werk sollte als Stimme einer ganzen Schriftstellerschaft erscheinen, die das Sowjetregime pries.

Rezeption↑

Verbreitet wurde das Buch zunächst in großer Zahl und galt als Vorzeigewerk der sowjetischen Propaganda. Schon bald jedoch kippte sein Ansehen. Bereits 1937 wurde es in der Sowjetunion verboten, und fast alle Exemplare verschwanden aus dem Verkehr. Mehrere Beteiligte fielen dem Großen Terror zum Opfer.

Ein hartes Urteil sprach später der Schriftsteller Alexander Solschenizyn. In seinem Werk Archipel Gulag nannte er das Buch „schändlich“ und bezeichnete es als „den ersten Schritt in der russischen Literatur zur Verherrlichung der Sklavenarbeit“. Damit wurde das einstige Prestigewerk zum Sinnbild einer Literatur, die sich in den Dienst der Gewalt gestellt hatte. Bis heute dient es der Forschung als Beispiel dafür, wie Sprache und Dichtung zur Beschönigung von Zwangsarbeit missbraucht werden können.

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