1901
Der Wille zur Macht
Überblick↑
Unter dem Titel Der Wille zur Macht sind seit 1901 mehrere Zusammenstellungen aus dem Nachlass Friedrich Nietzsches erschienen. Sie unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander. Im deutschen Sprachraum ist meist jene Fassung gemeint, die Elisabeth Förster-Nietzsche und Heinrich Köselitz, genannt „Peter Gast“, 1906 erstmals herausgaben. Sie wurde in Nietzsche-Ausgaben aufgenommen und als systematisches Hauptwerk des Philosophen angepriesen. Bis heute wird das Buch neu aufgelegt und gelesen, obwohl die Forschung längst ein anderes Urteil darüber gefällt hat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach dem Druck des letzten Teils von Also sprach Zarathustra begann Nietzsche 1885, ein größeres, systematisches Werk zu planen. Ab 1886 sah er dafür meist den Titel Der Wille zur Macht vor. In seinen veröffentlichten Büchern wies er auf dieses Vorhaben hin: in Jenseits von Gut und Böse (1886), in Zur Genealogie der Moral (1887) und in Der Fall Wagner. In seinen Notizheften finden sich viele unterschiedliche Pläne und Entwürfe für ein solches Hauptwerk, meist in vier Bänden. Besonders dicht notierte er vom Herbst 1887 bis zum Frühjahr 1888.
Das Buch, das später unter diesem Titel erschien, bietet dem Leser eine lange Reihe durchnummerierter Aphorismen, geordnet in vier „Bücher“. Die kanonisch gewordene Fassung umfasst 1.067 solcher Stücke. Behandelt werden unter anderem der europäische Nihilismus, die Kritik an Christentum, Philosophie und Moral sowie Nietzsches eigene Lehre. Wie weit dieses Buch aber dem entspricht, was Nietzsche wirklich schrieb und wollte, ist die eigentliche Frage, die seine Geschichte aufwirft.
Die Handlung im Detail↑
In der Forschung besteht Einigkeit darüber, dass Nietzsche zwar zeitweise ein Werk unter diesem Titel schreiben wollte, letztlich aber davon absah. Seinen letzten Entwurf dazu schrieb er am 26. August 1888 nieder. Zuvor hatte er im August in Briefen geklagt, mit der Arbeit nicht weitergekommen zu sein. Innerhalb weniger Tage änderte er dann seine Pläne. Er stellte zusammen, was er schon ins Reine geschrieben hatte, und wollte diesen Auszug aus seiner Philosophie veröffentlichen. Daraus wurde die Götzen-Dämmerung.
Vier Kapitel entfernte er wieder daraus: „Wir Hyperboreer“, „Für uns – wider uns“, „Begriff einer décadence-Religion“ und „Buddhismus und Christentum“. Nun plante er eine Schrift Umwerthung aller Werthe in vier Büchern. Die entfernten Kapitel sollten das erste Buch bilden, das den Titel Der Antichrist tragen sollte. Dieses Buch schrieb er bis Ende September fertig. Nachgelassene Pläne zeigen, dass im zweiten und dritten Buch nach dem Christentum „die Philosophie“ und „die Moral“ kritisiert werden sollten. Im vierten Buch wollte Nietzsche seine eigene Lehre ausführen. Auch diesen Plan gab er Ende November auf. Er erklärte den Antichrist zur ganzen „Umwertung“. Den Untertitel strich er schließlich und ersetzte ihn durch „Fluch auf das Christenthum“. Seine Aufzeichnungen zum geplanten Hauptwerk gingen vor allem in die Götzen-Dämmerung und in Der Antichrist ein oder blieben im Nachlass verstreut.
Nach dem Tod Franz Overbecks 1905 behauptete Elisabeth Förster-Nietzsche, ihr Bruder habe mindestens ein zweites und drittes Buch der vierbändigen Umwerthung verfasst. Viele Manuskripte seien aber durch Overbecks Schuld verloren gegangen. Die heutige Nietzscheforschung lehnt diese Behauptungen einhellig ab. Als erwiesen gilt im Gegenteil: Förster-Nietzsche und das Nietzsche-Archiv hielten zur Stützung dieser Behauptung Dokumente zurück. Sie machten falsche oder irreführende Angaben.
Mindestens fünf verschiedene Kompilationen erschienen unter dem Titel. 1901 gaben Ernst und August Horneffer gemeinsam mit „Peter Gast“ den Band Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte heraus, mit einem Vorwort Elisabeth Förster-Nietzsches und 483 angeblichen Aphorismen. Die 1906 von Förster-Nietzsche und „Peter Gast“ herausgegebene Sammlung mit 1.067 angeblichen Aphorismen in vier „Büchern“ wurde zur „kanonischen“. 1911 nahm man sie mit einem kritischen Apparat in die Großoktavausgabe auf. Dieser Apparat machte das Ausmaß der Verfälschung deutlich, vielleicht unfreiwillig; in den nachfolgenden Drucken ließ man ihn wieder weg. 1917 folgte eine Ausgabe von Max Brahn mit 696 angeblichen Aphorismen, 1930 eine von August Messer mit 491. 1935 brachte Friedrich Würzbach bei Gallimard La Volonté de Puissance mit 2.397 angeblichen Aphorismen heraus; in Frankreich ist dies die verbreitetste Edition. 1940 erschien sie auf Deutsch als Das Vermächtnis Friedrich Nietzsches, 1969 und 1977 noch einmal unter dem Titel Umwertung aller Werte.
Sämtliche Kompilationen gelten als unhaltbar und verfälschend. Das gilt auch für den von Alfred Bäumler zusammengestellten Band Die Unschuld des Werdens. Sie sind selektiv, folgen oft nicht den überlieferten Plänen Nietzsches und enthalten Entzifferungsfehler. Von Nietzsche notierte Exzerpte geben sie als eigene Aphorismen aus. Dazu nahmen die Herausgeber Umstellungen und Zusätze vor. Wie weit das geht, hat Mazzino Montinari an einem Fall gezeigt. Dort hatte Nietzsche ausdrücklich Anweisungen hinterlassen: Er nummerierte in einem Notizheft 374 seiner Aufzeichnungen und ordnete 300 davon vier Büchern zu. Von diesen 374 Fragmenten nahmen die Kompilatoren 104 nicht auf, 84 davon wurden überhaupt nicht veröffentlicht. Von den übrigen 270 sind 137 unvollständig oder mit willkürlichen Textänderungen wiedergegeben. Dazu gehören etwa die Auslassung von Überschriften und ganzen Sätzen oder die Zerstückelung zusammenhängender Texte. Und selbst Nietzsches eigene Verteilung auf die vier Bücher wurde in mindestens 64 Fällen nicht beibehalten.
Einzelne Beispiele zeigen die Folgen. Ein längerer Text mit dem Titel „Der europäische Nihilismus“ war von Nietzsche in 16 Abschnitte gegliedert und datiert. 1901 stand er noch als Aphorismus 10 im Druck, ohne das Datum. In der Fassung von 1906 wurde er in die „Aphorismen“ 4, 5, 114 und 55 zerstückelt, in dieser Reihenfolge. Martin Heidegger zitierte oft den angeblichen Aphorismus 617. Er legte Wert auf dessen Überschrift „Rekapitulation“ und deutete sie so, dass Nietzsche hier seine gesamte Philosophie in wenigen Sätzen zusammengefasst habe. In Heideggers Deutung stand dieser Text für das Ende der abendländischen Metaphysik. Tatsächlich stammt die Überschrift von Heinrich Köselitz. Schon der Apparat von 1911 hatte das vermerkt. Alfred Bäumler lobte Nietzsches „meisterhafte Charakteristik der ‚drei Jahrhunderte'“ im vermeintlichen Aphorismus 95. Es handelt sich um Paraphrasen und Exzerpte aus Ferdinand Brunetières 1887 erschienener Schrift Études critiques sur l'histoire de la littérature française. Eine ganze Reihe weiterer „Aphorismen“ sind Zitate oder Paraphrasen aus Leo Tolstois Ma religion. In Nietzsches Notizheften ist die Quelle angegeben, und die Exzerpte folgen ungefähr Tolstois Ordnung. Das Nietzsche-Archiv verschwieg die Quelle und brachte die Aufzeichnungen in eine völlig veränderte Anordnung.
Auch die von Karl Schlechta herausgegebenen Werke in drei Bänden erschienen ab 1954. Sie enthalten unter dem Titel „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“ dasselbe Material wie die Ausgabe von 1906. Zwischentitel fehlen, die Reihenfolge ist angeblich chronologisch. Tatsächlich ist die Reihenfolge nicht chronologisch. Entzifferungsfehler, Umstellungen und Zusammenfügungen wurden übernommen. Nach heutiger Auffassung hat diese Ausgabe zwar das Verdienst, der Legende vom „Hauptprosawerk“ geschadet zu haben. Als Nachlassausgabe ist sie aber nicht brauchbar. Zudem vermischte Schlechta die philologische Frage nach der Existenz des Werkes mit einer Kritik am philosophischen Gedanken „Wille zur Macht“. Das verkomplizierte die Diskussion. Als einzige unverfälschte Ausgaben Nietzsches sind inzwischen die Kritischen Gesamtausgaben von Colli und Mazzino Montinari anerkannt.
Stil↑
Vor dem Leser liegt in Der Wille zur Macht eine lange Folge kurzer, durchnummerierter Texte, verteilt auf vier „Bücher“ mit Zwischentiteln. Diese Form erzeugt den Eindruck eines geordneten, systematischen Lehrgebäudes. Die zugrunde liegenden Papiere haben diese Ordnung nicht: Es sind Einträge aus Notizheften, darunter Entwürfe, Stichworte, abgebrochene Gedanken und Exzerpte aus Büchern anderer Autoren. Was im gedruckten Buch wie ein abgeschlossener Aphorismus wirkt, ist häufig ein Bruchstück, dem die Überschrift fehlt oder dessen Zusammenhang zerschnitten wurde. Umgekehrt stammen manche prägnante Überschriften gar nicht von Nietzsche, sondern von den Herausgebern. Der knappe, zugespitzte Ton, für den Nietzsche bekannt ist, wirkt hier also durch eine Anordnung verstärkt, die nicht von ihm stammt.
Rezeption↑
Scharf fällt das Urteil der Nietzsche-Forschung aus. Sämtliche Zusammenstellungen gelten als unhaltbar und verfälschend. Harsch kritisiert werden dafür die Verlage, die sie weiter auflegen. In Deutschland sind das vor allem der Alfred Kröner Verlag und der Insel Verlag. Beworben wird das Buch von 1906 bis heute teils als „historisches Dokument“. Doch ein kritischer Apparat fehlt ihm, und einige Entzifferungsfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Das widerspricht dem Zweck einer historischen Dokumentation. In jüngerer Zeit sind verschiedene Kompilationen in Frankreich, Italien und Deutschland erneut aufgelegt worden. Diese Neuauflagen zeigen immerhin, dass das Interesse an dem Buch anhält, wie auch immer es motiviert ist. Es gibt Stimmen, die eine kritische Neuausgabe als historisches Dokument verlangen.
Besonders im englischen Sprachraum wird Der Wille zur Macht weiterhin und meist unkritisch als Nachlassausgabe Nietzsches benutzt. Eine englische Übersetzung der Ausgabe von Colli und Montinari fehlt bislang. Die philosophische Wirkung der Kompilationen reicht weit. Martin Heidegger baute seine Deutung des angeblichen Aphorismus 617 auf eine Überschrift, die von Köselitz eingefügt worden war. Auch Gilles Deleuze ist an wichtiger Stelle einem Entzifferungsfehler aufgesessen. In Nietzsches Notizheft steht: „Der siegreiche Begriff ›Kraft‹ […] bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm eine innere Welt zugesprochen werden, welche ich bezeichne als ‚Willen zur Macht'“. In den Kompilationen des Archivs steht statt „eine innere Welt“ jedoch „ein innerer Wille“. Deleuze kommentierte diesen Satz beinahe Wort für Wort. Er zählt ihn zu den wichtigsten Texten Nietzsches zu diesem Thema. An anderer Stelle übernahm er aus den Kompilationen das Wort „Macht“, wo im Notizheft „Kraft“ steht. Das geschieht gerade dort, wo er zwischen diesen Begriffen unterscheiden will.
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