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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Michail Michailowitsch Soschtschenko
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Porträt Michail Michailowitsch Soschtschenko
Michail Michailowitsch Soschtschenko
1894 – 1958
– Autorenporträt –

Michail Michailowitsch Soschtschenko

1894 – 1958 · 63 Jahre

Er war einer der meistgelesenen Autoren der frühen Sowjetunion und machte den einfachen „Sowjetmenschen“ zum Helden seiner Geschichten – bis ihn Stalins Kulturpolitik zum Schweigen brachte.

Kurzbiografie↑

Als einer der meistgelesenen Autoren der frühen Sowjetunion machte Michail Michailowitsch Soschtschenko den kleinen, wenig gebildeten Alltagsmenschen zum Helden seiner Erzählungen. Geboren am 9. August 1894 in Sankt Petersburg, wurde er in den 1920er-Jahren mit humorvollen, tragikomischen Geschichten berühmt, die vom mühsamen Leben des „Sowjetmenschen“ handelten. Sein Gespür für die gesprochene Sprache und die Schwächen seiner Figuren trug ihm große Beliebtheit ein, brachte ihn aber auch in Konflikt mit der Kulturpolitik Stalins. Nach heftigen Angriffen wurde er 1946 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erst nach Stalins Tod rehabilitiert. Er starb 1958.


Biografie↑

Geboren wurde Soschtschenko am 9. August 1894 (nach altem Kalender am 28. Juli) in Sankt Petersburg, als Sohn eines Malers und einer Schauspielerin. Er wuchs mit sieben Geschwistern auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums war er 1913 und 1915 an der juristischen Fakultät der Universität Sankt Petersburg eingeschrieben. Schon in dieser Zeit verfasste er seine ersten Erzählungen. Der Erste Weltkrieg unterbrach das Studium: 1915 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst.

Während des Krieges erlitt er eine Gasvergiftung, die bleibende Schäden an seinem Herzen hinterließ. Deshalb wurde er 1917 aus der Armee entlassen. Die schwere Krankheit spiegelt sich in vielen seiner Werke wider. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt, die inzwischen Petrograd hieß, schrieb er einige Erzählungen, die unveröffentlicht blieben; ihnen wird ein Einfluss Maupassants nachgesagt. Trotz seiner Herzkrankheit nahm Soschtschenko 1918/19 auf der Seite der Roten Armee am Bürgerkrieg teil.

Nach dem Bürgerkrieg schlug er sich mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten durch, unter anderem als Postleiter, Detektiv, Tierzüchter, Milizionär, Schuster, Tischler und Büroangestellter. Ab 1920 begann er in Petrograd wieder zu schreiben. Einzelne Erzählungen erschienen in den zahlreichen satirischen Zeitschriften der NEP-Zeit. Eine erste Sammlung kam 1922 heraus und trug den Titel Erzählungen des Nasar Iljitsch Herrn Blaubauch. Ihr dummdreister Ich-Erzähler nach Art des Schwejk verbreitete eine Tragikomik, die bei Publikum und Kritik erfolgreich ankam. Dieser Heldentyp – der wenig kluge „Sowjetmensch“, der sich durch den Alltag kämpft – kehrte in vielen weiteren Erzählungen wieder. In den folgenden Jahren gehörte Soschtschenko zu den meistgelesenen Autoren des Landes, und seine Werke erschienen in hohen Auflagen.

1921 schloss er sich der neu gegründeten literarischen Gruppe der Serapionsbrüder an und blieb bis zu deren Ende ständiges Mitglied. Allmählich wandte er sich von den kurzen Erzählungen ab und begann größere Werke wie Die wiedererlangte Jugend (1933) oder Das Himmelblaubuch (1935). In diesen späteren Arbeiten entfernte er sich immer weiter von der satirischen und humoristischen Linie und probierte verschiedene Darstellungsweisen aus. Nach dem Erscheinen des Himmelblaubuchs konnte er nur noch Feuilletonartikel und Kindergeschichten veröffentlichen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Soschtschenko aus dem belagerten Leningrad nach Alma-Ata evakuiert und arbeitete dort in den Filmstudios. Noch während des Krieges, nach dem Ende der Leningrader Blockade, kehrte er zurück und nahm seine schriftstellerische Arbeit wieder auf, unter anderem in satirischen Zeitschriften wie Krokodil. Durch seine Veröffentlichungen geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik des Stalin-Regimes. Besonders nach dem Erscheinen der ersten Kapitel von Vor Sonnenaufgang im Jahr 1943 in der Zeitschrift Oktjabr' wurde er von der Parteikritik angegriffen. Der Leningrader Parteisekretär Andrej Schdanow bezeichnete das Werk als „ekelhaftes Werk“. Soschtschenkos Bücher durften nicht mehr gedruckt werden, und selbst seine Herausgeber wandten sich von ihm ab. Mit einem Parteierlass vom 14. August 1946 folgte der Ausschluss aus allen Ämtern und schließlich aus dem Schriftstellerverband.

Nach Stalins Tod im März 1953 wurde er rehabilitiert und wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen. 1956, zwei Jahre vor seinem Tod, erschien ein Auswahlband seiner Werke. Soschtschenko starb am 22. Juli 1958. Über den Sterbeort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt Sankt Petersburg (damals Leningrad), die Deutsche Biographie dagegen Sestroretsk.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Soschtschenkos Erzählungen ist der sogenannte Skas – eine pseudomündliche Erzählweise in umgangssprachlichem Ton, wie sie schon bei Gogol vorkommt. Sein Erzähler wirkt oft dummdreist und wenig gebildet, ähnlich der Figur des Schwejk, und gerade daraus entsteht die Tragikomik seiner Geschichten. Im Mittelpunkt steht ein neuer Heldentyp: der einfache „Sowjetmensch“, der sich mühsam durch den Alltag schlägt und nicht mit Geistesgaben gesegnet ist. Diesen Menschen porträtierte Soschtschenko in kurzen, humorvollen und zugleich mitfühlenden Erzählungen. In seinen späteren, größeren Werken löste er sich zunehmend von der reinen Satire und experimentierte mit unterschiedlichen Kompositions- und Darstellungsmethoden.


Rezeption↑

Beim Publikum wie bei der Kritik fanden Soschtschenkos frühe Erzählungen großen Anklang. In den 1920er-Jahren zählte er zu den meistgelesenen Autoren des Landes; seine Sammlungen erschienen in hohen Auflagen in zahlreichen Zeitschriften, Zeitungen und Verlagen. Mit den Jahren jedoch geriet er in scharfen Gegensatz zur Kulturpolitik. Die Parteikritik griff ihn heftig an, Andrej Schdanow verurteilte Vor Sonnenaufgang als „ekelhaftes Werk“, und 1946 wurde Soschtschenko aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Erst nach Stalins Tod kehrte er in den offiziellen Literaturbetrieb zurück.

Auch im deutschsprachigen Raum wirkte sein Werk nach. Einem breiteren ostdeutschen Publikum wurde er bekannt, als Manfred Krug am 31. Oktober 1965 im Rahmen einer Veranstaltung von Lyrik – Jazz – Prosa die Erzählung Die Kuh im Propeller vortrug (im Original Der Agitator aus Teterkin bestellt einen Aeroplan). Nach ihm ist der Asteroid (5759) Zoshchenko benannt.

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