1960
Der Zauberer von Lublin
Überblick↑
Der Roman Der Zauberer von Lublin stammt von Isaac Bashevis Singer, der später den Nobelpreis für Literatur erhielt. Singer schrieb ihn auf Jiddisch. Zuerst erschien er 1960 in englischer Übersetzung in den Vereinigten Staaten, ein Jahr darauf in Großbritannien. Die jiddische Buchausgabe folgte erst 1971. Erzählt wird von einem jüdischen Gaukler im Polen der 1880er Jahre, der zwischen mehreren Frauen, mehreren Lebensentwürfen und der Frage nach seinem Glauben steht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Polen der Mitte der 1880er Jahre, das damals unter russischer Herrschaft steht, zieht Jascha Mazur von Ort zu Ort und tritt vor Publikum auf. Er ist Zauberkünstler, stammt aus Lublin und beherrscht neben seinen Kunststücken auch das Öffnen von Schlössern. Jüdisch ist er von Herkunft, fromm jedoch kaum. Verheiratet ist er mit Esther.
Sein Leben ist auf mehrere Frauen verteilt. Da ist seine Assistentin Magda, die mit ihm reist. Da ist Zeftel, eine junge Jüdin in Piaski. Und da ist Emilia, eine katholische Witwe aus dem Warschauer Bürgertum, die mit ihrer Tochter Halina lebt.
Eine Reise nach Warschau, wo Jascha auf der Bühne auftreten soll, bringt alles in Bewegung. Bei Emilia macht er einen Heiratsantrag, und die beiden schmieden Pläne für ein gemeinsames Leben in Italien. Diese Pläne verlangen viel von ihm: den Übertritt zum Christentum, die Scheidung von Esther und vor allem Geld, das weder er noch sie besitzt. Zugleich taucht Zeftel in Warschau auf und erzählt von einem Mann, der ihr Arbeit in Argentinien verspricht. Jascha traut der Sache nicht. Zwischen Versprechen, Begehren und wachsender Geldnot gerät der Mann, der sonst jedes Schloss öffnet, selbst in die Enge.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte spielt Mitte der 1880er Jahre im russisch beherrschten Polen. Jascha Mazur, Zauberkünstler aus Lublin, reist durch das Land und tritt vor Publikum auf. Er ist Jude, aber wenig fromm, und mit Esther verheiratet. Daneben unterhält er Liebesbeziehungen zu seiner Assistentin Magda, zu der jungen Jüdin Zeftel in Piaski und zu Emilia, einer katholischen Witwe aus dem Warschauer Bürgertum.
Gemeinsam mit Magda bricht Jascha nach Warschau auf, um dort aufzutreten. Unterwegs besucht er Zeftel in Piaski. In Warschau angekommen, sucht er auch Emilia und deren Tochter Halina auf. Bei diesem Besuch hält er um Emilias Hand an, und beide beschließen, nach Italien zu gehen. Für eine Ehe müsste er zum Christentum übertreten und sich von Esther scheiden lassen. Doch weder er noch Emilia besitzen das Geld, das solche Pläne kosten würden.
Zeftel sucht ihn in Warschau auf und berichtet, sie sei ebenfalls in die Stadt gezogen und wohne bei einem Mann namens Herman, der ihr Arbeit in Argentinien versprochen habe. Jascha vermutet, dass Herman ein Zuhälter ist. Er begleitet Zeftel in ihr neues Zuhause und verbringt dort einen großen Teil der Nacht mit Reden und Trinken. Auf dem Heimweg fasst er den plötzlichen Entschluss, in das Haus eines reichen Nachbarn von Emilia einzubrechen, eines Mannes namens Zaruski. Er vertraut darauf, dass ihm sein Geschick im Schlösserknacken helfen wird. Der Einbruch gelingt zunächst, ohne dass Zaruski aufwacht, doch am Schloss des Geldschranks scheitert Jascha. Bei der Flucht springt er vom Balkon und verletzt sich am Fuß. Ein Polizist bemerkt ihn, Jascha läuft davon und versteckt sich schließlich in einer Synagoge, wo er sich dem Morgengebet anschließt.
Später besucht er Emilia und hört dort von dem versuchten Einbruch bei Zaruski. Er gesteht ihr, dass er der Dieb war, und die Verbindung zerbricht. Noch am selben Tag streiten Jascha und Magda über seine Affären; danach nimmt Magda sich das Leben. Auch von Zeftel muss er erfahren, dass sie inzwischen Hermans Geliebte geworden ist.
Ein Nachwort führt drei Jahre weiter. Jascha ist nach Lublin und zu seiner Frau zurückgekehrt. Die Auftritte hat er aufgegeben und lebt als Büßer. Er hat sich in ein kleines Gebäude ohne Tür einmauern lassen, in das nur ein winziges Fenster für das Essen führt. Zum jüdischen Glauben hat er zurückgefunden, obwohl sowohl seine Frau als auch der Rabbi ihn von dem Einmauern abbringen wollten. Als heiliger Mann wird er berühmt und empfängt viele Besucher. Am Ende erreicht ihn ein Brief von Emilia. Sie schreibt von ihrer Angst damals, als er vor drei Jahren verschwand, berichtet aber auch, dass sie inzwischen wieder geheiratet hat. Aus den Zeitungen hat sie von seiner Buße erfahren. Sie bittet ihn um Vergebung, hält sein Büßen für zu streng gegen sich selbst und kündigt an, dass auch Halina ihm schreiben werde.
Stil↑
Geschrieben ist das Buch auf Jiddisch, der Sprache, in der Singer sein Werk verfasste. Die Erzählung folgt einer einzigen Hauptfigur und begleitet sie von Ort zu Ort: Lublin, Piaski, Warschau. So entsteht eine Bauform, die dem Wanderleben des Zauberkünstlers entspricht. Die Handlung wird geradlinig und in zeitlicher Folge erzählt. Am Schluss steht ein Nachwort, das drei Jahre überspringt und den weiteren Lebensweg der Hauptfigur in einem knappen Rückblick zusammenfasst. Ein Brief bildet den Abschluss und lässt eine zweite Stimme neben die des Erzählers treten.
Rezeption↑
Das Buch fand über den jiddischen Sprachraum hinaus Verbreitung: Die englische Ausgabe erschien 1960 in den Vereinigten Staaten, die britische 1961; die jiddische Buchausgabe kam 1971 heraus. Isaac Bashevis Singer wurde später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der Stoff wurde 1979 unter der Regie von Menahem Golan verfilmt; die Hauptrolle spielte Alan Arkin.
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