1851
Aphorismen zur Lebensweisheit
Überblick↑
Der Essay Aphorismen zur Lebensweisheit erschien 1851 im ersten Band der Sammlung Parerga und Paralipomena. Später wurde der Text auch getrennt von dieser Sammlung gedruckt. Er gilt als die am häufigsten gelesene Schrift Arthur Schopenhauers. Lebensweisheit versteht Schopenhauer dabei ganz diesseitig: als die Kunst, das Leben so angenehm und so glücklich wie möglich einzurichten. Seine Untersuchung, so sagt er einleitend, könne man auch Eudämonologie nennen, also eine Anweisung zum glücklichen Leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Frage des Buches ist einfach gestellt: Wovon hängt es ab, ob ein Mensch sein Leben als erträglich oder als elend empfindet? Schopenhauer kündigt gleich zu Beginn an, dass er den hohen philosophischen Standpunkt seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung hier bewusst verlässt. Er stellt sich auf den gewöhnlichen, erfahrungsnahen Standpunkt des Alltags.
Von Aristoteles übernimmt er nur die Dreizahl der Lebensgüter; die Einteilung selbst ist seine eigene. Was das Schicksal der Menschen unterscheidet, lässt sich auf drei Punkte bringen: was einer ist, was einer hat und was einer in den Augen der anderen vorstellt. Zum Ersten gehören Gesundheit, Kraft, Schönheit, Temperament, Charakter und Verstand. Zum Zweiten gehört jeder Besitz. Zum Dritten gehören Ehre, Rang und Ruhm.
Diesen drei Bereichen widmet Schopenhauer je ein Kapitel. Er spricht über Gesundheit und Lebenslust, über Schönheit, über Schmerz und Langeweile, über die Einsamkeit des begabten Menschen. Er fragt, welche Bedürfnisse wirklich nötig sind und welche nur Aufwand bedeuten. Und er betrachtet jene Schwäche, die Menschen vom Urteil ihrer Mitmenschen abhängig macht. Am Ende stehen handfeste Ratschläge zur täglichen Lebensführung: Das fünfte Kapitel heißt „Paränesen und Maximen“. Das sechste handelt „Vom Unterschiede der Lebensalter“.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn grenzt Schopenhauer sein Vorhaben ab. In seiner eigentlichen Philosophie, erklärt er, nehme er einen metaphysischen und moralischen Standpunkt ein; er verweist dazu auf das Kapitel XLIX im zweiten Band von Die Welt als Wille und Vorstellung. Hier dagegen passe er sich an und bleibe beim gewöhnlichen, erfahrungsnahen Blick auf die Dinge. Denn Glück hält er für unerreichbar. Seine Ratschläge sollen nicht glücklich machen, sondern helfen, weniger unglücklich zu leben und weniger zu leiden.
Das erste Kapitel bringt die Grundeinteilung. Aristoteles unterscheidet in der Nikomachischen Ethik die Güter des Lebens in äußere Güter, Güter der Seele und Güter des Leibes. Schopenhauer behält davon nur die Dreizahl bei und teilt selbst neu ein: was einer ist, was einer hat, was einer vorstellt. Entscheidend ist für ihn der erste Punkt, die Persönlichkeit. Sie wirkt immer und unter allen Umständen. Vor allem aber ist sie im Gegensatz zu Besitz und Ansehen nicht dem Zufall ausgesetzt und kann uns nicht genommen werden. Die Gesundheit stellt er so hoch, dass nach seinem Urteil ein gesunder Bettler glücklicher sei als ein kranker König. Ein ruhiges, heiteres Gemüt, ein klarer Verstand und ein maßvoller Wille wiegen für ihn schwerer als jeder Rang und jeder Reichtum. Daraus folgt der praktische Schluss: klüger als Geld zu erwerben ist es, die Gesundheit zu erhalten und die eigenen Fähigkeiten auszubilden. Das Notwendige und Angemessene soll man sich freilich beschaffen; nur der große Überfluss trage wenig zum Wohlbefinden bei.
Das zweite Kapitel behandelt, was ein Mensch ist. Wichtiger als das, was einem widerfährt, ist für Schopenhauer die Art und der Grad, in dem man es empfindet. Die höchsten Güter sind ihm daher die inneren: ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, eine fröhliche Laune und ein gesunder Körper. Dafür führt er die bekannte Wendung Juvenals an, mens sana in corpore sano. Am unmittelbarsten wirkt die heitere Laune. Sie belohnt sich selbst. Wer sie besitzt, hat damit schon den Grund, heiter zu sein. Ob jemand jung oder alt, arm oder reich ist, fällt gegen diese Eigenschaft kaum ins Gewicht. Von der Gesundheit allein hängt sie allerdings nicht ab. Auch ein ganz gesunder Mensch kann schwermütig sein. Für den Erhalt von Körper und Geist gibt Schopenhauer genaue Anweisungen: Übermaß und Ausschweifung meiden, heftige Erregung und zu lange geistige Anspannung vermeiden. Dazu kommen täglich mindestens zwei Stunden rasche Bewegung im Freien und häufige kalte Bäder. Ohne tägliche Bewegung, so sein Urteil, gibt es keine Gesundheit.
Die Schönheit zählt er ebenfalls hierher. Sie trägt nur mittelbar zum Wohlbefinden bei, über den Eindruck, den sie auf andere macht, wirkt dabei aber wie ein offener Empfehlungsbrief, der uns die Herzen im Voraus gewinnt.
Dann nennt er die beiden Feinde des menschlichen Glücks: den Schmerz und die Langeweile. Je weiter wir uns dem einen entziehen, desto näher kommen wir dem anderen. Das Leben ist für Schopenhauer ein Hin- und Herschwingen zwischen beiden. Die Welt sei von Not und Schmerz erfüllt. Wer ihnen entgangen sei, dem lauere aus allen Ecken die Langeweile. Daran schließt er eine Unterscheidung an. Der gewöhnliche Mensch will die Zeit nur vertreiben, der begabte sucht sie zu nutzen. Je mehr einer in sich selbst besitzt, desto weniger braucht er die Außenwelt. Geistige Überlegenheit führt deshalb zur Ungeselligkeit: Hundert Narren auf einem Haufen ergeben noch keinen vernünftigen Menschen. Wer umgekehrt nichts in sich hat, sucht um jeden Preis Zerstreuung und Gesellschaft. Er flieht vor nichts so sehr wie vor sich selbst. Erst in der Einsamkeit zeigt sich, was einer aus sich selbst heraus ist. Schopenhauer beruft sich dazu auf die Eudemische Ethik des Aristoteles. Nach ihr gehört das Glück jenen, die sich selbst genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glücks sind unsicher und flüchtig. Mit dem Alter versiegen sie fast alle. Zum Schluss des Kapitels hält er fest, dass er bisher nur die körperlichen und vor allem die geistigen Eigenschaften betrachtet habe. Wie die moralische Vollkommenheit auf das Glück wirkt, habe er in seiner Schrift Über die Grundlage der Moral dargelegt. Auf sie verweist er den Leser.
Das dritte Kapitel gilt dem Besitz. Hier folgt Schopenhauer Epikur, der die menschlichen Bedürfnisse in drei Klassen teilt. Zuerst die natürlichen und notwendigen, die unerfüllt Schmerz bereiten: Nahrung und Kleidung. Sie sind leicht zu befriedigen. Dann die natürlichen, aber nicht notwendigen, etwa das Geschlechtsbedürfnis. Sie sind schon schwerer zu stillen. Zuletzt jene, die weder natürlich noch notwendig sind: Luxus, Überfluss, Prunk und Glanz. Ihre Zahl ist unendlich, und befriedigen lassen sie sich kaum. Der Reichtum, so Schopenhauer, gleicht dem Seewasser: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Dasselbe gelte für den Ruhm. Schlecht ist der Reichtum damit nicht. Man soll ihn nur als Schutzwall gegen mögliche Übel und Unglücksfälle ansehen. Er ist keine Erlaubnis und schon gar nicht eine Verpflichtung, sich die Vergnügungen der Welt zu verschaffen. Frau und Kinder rechnet er ausdrücklich nicht zum Besitz, denn man werde eher von ihnen besessen. Bei den Freunden gelte, dass der Besitzer im gleichen Maß auch Besitz des anderen sein müsse.
Das vierte Kapitel wendet sich dem zu, was einer in der Vorstellung der anderen ist. Darin liegt für Schopenhauer eine Schwäche des Menschen: Er legt dem Urteil seiner Mitmenschen zu viel Gewicht bei. Beim Lob zeige sich, so der Vergleich, dieselbe Zuverlässigkeit wie bei der Katze. Sie beginnt zu schnurren, wenn man ihr den Rücken streicht. Über das Gesicht des Gelobten breite sich sogleich ein sanftes Entzücken. Umgekehrt macht fehlende Rücksicht den Menschen traurig. Das Kapitel behandelt außerdem Ehre und Ruhm.
Das fünfte Kapitel, „Paränesen und Maximen“, ist eine Sammlung von Lebensregeln. Das sechste, „Vom Unterschiede der Lebensalter“, beschließt das Buch.
Stil↑
Das Werk Aphorismen zur Lebensweisheit ist kein geschlossenes Lehrgebäude. Es ist eine lose gefügte Abhandlung in Kapiteln. Auf die Einteilung der Lebensgüter folgen je ein Kapitel zu Person, Besitz und Ansehen, dann eine Sammlung von Lebensregeln und zuletzt ein Kapitel über die Lebensalter. Schopenhauer sagt gleich am Anfang offen, dass er hier auf einen hohen philosophischen Ton verzichtet. Er passt sich der gewöhnlichen Erfahrung an. Entsprechend wechseln allgemeine Überlegungen und handfeste Ratschläge für den Alltag unmittelbar miteinander ab.
Seine Behauptungen stützt er gern auf die Alten. Aristoteles liefert ihm die Dreizahl der Güter und den Satz vom Glück des Selbstgenügsamen. Von Epikur übernimmt er die Ordnung der Bedürfnisse. Juvenal gibt ihm die geflügelte Wendung vom gesunden Geist im gesunden Körper. Dazwischen setzt er einprägsame Bilder, die eine Einsicht in einem Satz festhalten: der gesunde Bettler und der kranke König, der Reichtum als Seewasser, die Schönheit als offener Empfehlungsbrief, die schnurrende Katze. Auf eigene Schriften verweist er dort, wo er ein Thema hier nicht ausführen will.
Rezeption↑
Die Aphorismen zur Lebensweisheit gingen in der Sammlung Parerga und Paralipomena auf. Herausgelöst und einzeln gedruckt, fanden sie jedoch weit mehr Leser als alles andere von Schopenhauer; sie gelten als seine am häufigsten gelesene Schrift. Ins Französische übertrug sie Jean Alexandre Cantacuzène, dessen Übersetzung 1880 vorlag.
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