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Porträt Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer
1788 – 1860
– Autorenporträt –

Arthur Schopenhauer

1788 – 1860 · 72 Jahre

Arthur Schopenhauer vertrat die Überzeugung, dass der Welt ein blinder, vernunftloser Wille zugrunde liegt – berühmt wurde er damit erst spät, nach den „Parerga und Paralipomena“ von 1851.

Kurzbiografie↑

Arthur Schopenhauer gehört zu den wenigen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die auch als Schriftsteller gelesen werden. Er wurde 1788 in Danzig geboren und starb 1860 in Frankfurt am Main. Sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung erschien Ende 1818 bei Brockhaus, mit der Jahreszahl 1819. Es blieb zunächst fast unbeachtet: Die erste Auflage verkaufte sich kaum. Schopenhauer knüpfte an Immanuel Kant an; Anregungen bezog er außerdem aus der Ideenlehre Platons und aus indischen Philosophien. Er vertrat als einer der ersten deutschsprachigen Philosophen die Überzeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt – ein blinder, vernunftloser Wille. Berühmt wurde er erst im Alter, nach den Parerga und Paralipomena von 1851.


Biografie↑

Der Großvater Andreas Schopenhauer war ein sehr vermögender Kaufmann in Danzig. Der Vater Heinrich Floris Schopenhauer übernahm das Unternehmen und einen Teil der Güter des Großvaters. 1785 heiratete er die achtzehnjährige Johanna Trosiener. Glücklich war diese Ehe für beide nicht.

Am 22. Februar 1788 wurde Arthur in Danzig geboren, in der Heilige-Geist-Gasse. Seine Kindheit verbrachte er auch auf einem Hof der Familie in Oliva. 1793 erzwangen preußische Truppen die Übergabe Danzigs; der Vater zog daraufhin mit der Familie nach Hamburg und ließ seine Güter zurück, weil sein republikanischer Freiheitssinn die preußische Herrschaft ablehnte. 1797 wurde in Hamburg die Schwester Adele geboren.

Der Vater hatte für den Sohn den in der Familie traditionellen Kaufmannsberuf vorgesehen und schickte ihn auf die Hamburger Erziehungsanstalt von Johann Heinrich Christian Runge. Arthur hatte das dort Erlernbare schnell hinter sich und bat eindringlich, ein Gymnasium besuchen zu dürfen. Der Vater hielt das für überflüssig und bot stattdessen eine längere Bildungsreise durch Europa an. Arthur willigte ein. Von 1803 bis 1804 bereiste er mit den Eltern Holland, England, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Schlesien und Preußen. In Wimbledon blieb er einige Wochen in einer Schule und lernte Englisch. Von September bis Dezember 1804 begann er auf Wunsch des Vaters eine Kaufmannslehre im Danziger Handelshaus von Jacob Kabrun. 1805 setzte er die Lehre in Hamburg beim Großkaufmann Martin Johann Jenisch fort. Am 20. April desselben Jahres wurde der Vater tot im Fleet hinter seinem Haus gefunden. Er litt unter Depressionen und war wahrscheinlich vom Dachspeicher gestürzt; vermutet wurde ein Suizid. 1806 zog die Mutter mit der jüngeren Tochter nach Weimar, Arthur blieb zunächst in Hamburg.

1807 brach Schopenhauer die Kaufmannslaufbahn ab. Auf Ratschlag Carl Ludwig Fernows wurde er im Juni Schüler am Gymnasium Illustre in Gotha. Im selben Jahr ging er nach Weimar. Dort wurde Franz Passow sein wichtigster Lehrer. Er verkehrte in Weimar mit dem Schriftsteller Johannes Daniel Falk und mit Zacharias Werner. 1809 verliebte er sich unglücklich in die elf Jahre ältere Schauspielerin und Opernsängerin Karoline Jagemann. Sie war damals die Geliebte des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Für sie schrieb er sein einziges überliefertes Liebesgedicht. Volljährig geworden, erhielt er seinen Anteil am väterlichen Erbe. Der Betrag war erheblich und machte ihn frei von finanziellen Sorgen.

1809 begann er in Göttingen ein Medizinstudium, das er bald zugunsten der Philosophie aufgab. Dort hörte er unter anderem Vorlesungen über Physiologie bei Johann Friedrich Blumenbach. Der Kantianer Gottlob Ernst Schulze machte ihn 1810 mit Kant und Platon vertraut. Im Herbst 1811 wechselte er nach Berlin, angezogen von Johann Gottlieb Fichte, dessen Vorlesungen er hörte. Er studierte außerdem bei Friedrich Schleiermacher, den er vor allem als Übersetzer und Interpret Platons schätzte, beim Altphilologen Friedrich August Wolf und beim Zoologen Martin Hinrich Lichtenstein. Von Berlin war er enttäuscht. Im Sommer 1813 ging er nach Rudolstadt und arbeitete dort im Gasthof „Zum Ritter“ seine Erstlingsschrift Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde aus. Im Oktober 1813 wurde er in Jena dafür in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie promoviert.

Seit November 1813 lebte Schopenhauer in Weimar. Über seine Mutter, die dort einen literarischen Salon unterhielt, lernte er Goethe persönlich kennen. Goethe formulierte in dieser Zeit seine Farbenlehre aus, und Schopenhauer gehörte zu ihren wenigen Unterstützern. Als er mit größerem Selbstbewusstsein eigene, abweichende Thesen vertrat, löste sich das enge Verhältnis allmählich; seine Bewunderung für Goethe blieb jedoch zeitlebens groß. Durch Friedrich Majer wurde er mit der altindischen Philosophie des Brahmanismus bekannt gemacht. 1814 überwarf er sich mit der Mutter und ging nach Dresden, wo er in Literatenkreisen verkehrte und in den Sammlungen und Bibliotheken der Stadt arbeitete. Seine eigene Farbenlehre Über das Sehn und die Farben schrieb er 1815; sie erschien 1816.

In Dresden schrieb er sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Es erschien im Dezember 1818 mit der Jahreszahl 1819 bei Brockhaus. Schopenhauer war von der geistesgeschichtlichen Bedeutung seiner Arbeit schon damals überzeugt, wirtschaftlich war sie kein Erfolg. Der Briefwechsel mit dem Verleger Friedrich Arnold Brockhaus ist ein aufschlussreiches Zeitdokument. Schopenhauer verbot sämtliche Änderungen an seinem Manuskript, vor allem Anpassungen an den zeitgenössischen Sprachgebrauch. Der zunächst höfliche Ton kippte, nachdem der Kontrakt unterzeichnet war. „Es liegt am Tage, daß bei Ihnen Wort und That, Versprechen und Halten, zwei sehr verschiedene Dinge sind“, schrieb er dem Verleger. Brockhaus erwiderte scharf, sprach ihm ab, ein Ehrenmann zu sein, und weigerte sich, weitere Briefe anzunehmen.

Im September 1818 trat Schopenhauer eine Reise nach Italien an, die über Venedig, Rom, Neapel und Paestum nach Mailand führte. Dort erreichte ihn im Juni 1819 die Nachricht vom Zusammenbruch des Danziger Handelshauses A. L. Muhl & Co., bei dem ein Teil seines Vermögens lag. Er brach die Reise ab; erneut kam es zu Spannungen mit der Mutter. Die finanzielle Notlage veranlasste ihn, sich um eine Dozentur in Berlin zu bewerben. 1820 habilitierte er sich und nahm die Lehrtätigkeit auf. Seine Veranstaltungen setzte er in bewusster Konkurrenz zeitgleich mit den viel besuchten Vorlesungen Hegels an und blieb fast ohne Zuhörer. Bald begann er, die Universitätsphilosophie zu verachten. 1821 zahlte das Handelshaus Muhl seine Forderungen aus. 1822 brach er zu einer zweiten Italienreise auf.

Ab 1821 unterhielt er mehrere Jahre ein Verhältnis mit der damals neunzehnjährigen Opernsängerin Caroline Medon. Zu einer Heirat kam es nie, weil er ihrem Gesundheitszustand und ihren Absichten misstraute. In diese Berliner Jahre fällt auch die Marquet-Affäre. Die Näherin Caroline Louise Marquet hatte ihn durch ein lautes Gespräch im Vorzimmer seiner Wohnung in Rage gebracht. Er warf sie handgreiflich hinaus. Sie verklagte ihn, weil ein andauerndes Zittern des Armes zurückgeblieben sei, und bekam nach fünfjährigem Prozess vor dem Kammergericht Recht. Schopenhauer musste ihr vierteljährlich 15 Taler zahlen. Er zahlte bis zu ihrem Tod 1842.

Nach längeren, teils krankheitsbedingten Aufenthalten in München, Bad Gastein und Dresden kehrte er im April 1825 nach Berlin zurück und versuchte erneut eine universitäre Laufbahn. Seine Ideen fanden noch keine Resonanz. Eine lobende Stimme kam von Jean Paul. Beim Ausbruch der Choleraepidemie floh Schopenhauer 1831 aus Berlin nach Frankfurt am Main. Hegel fiel der Epidemie vermutlich zum Opfer. Mit Caroline Medon kam es zum Bruch, weil er verlangte, sie solle ihren außerehelichen Sohn zurücklassen. Im Alter von 43 Jahren interessierte er sich noch einmal für ein junges Mädchen, die siebzehnjährige Flora Weiss, die ihn abwies. Nach einem Aufenthalt in Mannheim von Juli 1832 bis Juni 1833 ließ er sich am 6. Juli 1833 endgültig in Frankfurt nieder.

Nach langem Schweigen meldete er sich 1836 mit Über den Willen in der Natur wieder zu Wort. 1837 griff er in die Gestaltung der Kant-Gesamtausgabe ein und setzte sich erfolgreich dafür ein, die erste Fassung der Kritik der reinen Vernunft aufzunehmen. 1838 starb seine Mutter. Die Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften krönte 1839 seine Preisschrift Über die Freiheit des menschlichen Willens. Zusammen mit der nicht ausgezeichneten zweiten Schrift Über das Fundament der Moral erschien sie 1841 unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik. Mit 55 Jahren bezog der Philosoph, der bis dahin meist zur Untermiete gewohnt hatte, am Mainufer an der Schönen Aussicht eine eigene Wohnung und behielt sie sechzehn Jahre.

1843 hatte Schopenhauer den zweiten Band seines Hauptwerks vollendet und wandte sich erneut an den Verlag, den inzwischen die Söhne Brockhaus führten. Der Briefwechsel zeugt diesmal von gegenseitigem Respekt. 1844 erschien die ergänzte und überarbeitete zweite Auflage. 1851 kamen die zwei Bände Parerga und Paralipomena mit den Aphorismen zur Lebensweisheit heraus. Richard Wagner ließ ihm seine Dichtung Der Ring des Nibelungen überreichen. Im Mai 1857 besuchte Friedrich Hebbel den Philosophen. Die erst spät angetragene Mitgliedschaft in der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin lehnte er ab.

Am 9. September 1860 erkrankte er an einer Lungenentzündung. Monatelang hatte er zuvor über Atemnot mit starkem Herzklopfen im Gehen geklagt. Am 21. September 1860 starb er im Alter von 72 Jahren in seiner Frankfurter Wohnung. Testamentarisch hatte er verfügt, dass sein Leichnam fünf Tage unbestattet bleiben solle. Am 26. September wurde er auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Erst 1864 erschien seine Schrift Eristische Dialektik. Darin formuliert er 38 rhetorische Kunstgriffe, mit denen man aus Streitgesprächen als Sieger hervorgehen soll. Das gilt selbst dann, wenn die Tatsachen gegen die eigene Position sprechen.


Literarische Merkmale↑

Modern war an Schopenhauer seine Auffassung von der Philosophie als einer besonderen Art von Schriftstellerei. Er verstand sich als Bewahrer der deutschen Sprache. Änderungen an seinen Manuskripten verbot er nicht nur, um die Schärfe der philosophischen Formulierungen zu sichern, sondern auch aus sprachlichen Gründen. Anpassungen an den zeitgenössischen Sprachgebrauch lehnte er ebenso ab.

Seine Genauigkeit ging bis ins Kleinste. In einem Anhang zum Hauptwerk, in dem er Kants Philosophie kritisiert, verglich er alle Auflagen der Kantischen Werke auf begriffliche Abweichungen hin. Dahinter stand eine klare These: Nur die erste Auflage sei mit seiner eigenen Philosophie verträglich, nicht die späteren. Dasselbe Anliegen trieb ihn 1837, als er sich in die Kant-Gesamtausgabe einmischte.

Schopenhauer schrieb streitlustig. Gegen Hegel, Schelling, Fichte und den zunächst verehrten Schleiermacher verfasste er drastische Polemiken; Hegels Denken nannte er abwertend „Hegelei“ und „Scharlatanerei“. Auch gegen den philosophischen Skeptizismus wählte er eine spöttische Wendung: Dieser brauche eher eine „Therapie“ oder „Kur“ als eine ernsthafte Diskussion. In der Eristischen Dialektik machte er das Streiten selbst zum Gegenstand und sammelte 38 Kunstgriffe, mit denen man Recht behält, ohne Recht zu haben. Diese Kunstgriffe richteten sich polemisch gegen den Diskussionsstil seiner Zeitgenossen und liefern Beispiele für rabulistische Argumentation.

Seine Sätze bleiben auch dort anschaulich, wo die Gedanken schwer wiegen. Das Leben „schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile“, heißt es über das menschliche Dasein. Die Welt nennt er ein „Jammertal“, die Kunst ein „Quietiv des Willens“. Seine bekannteste Formel zur Willensfreiheit lautet: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Und sein Hauptwerk beginnt mit einem Satz, der zum Merkspruch wurde: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Auch sein bitterer Witz ist überliefert, etwa der Kommentar zum Tod seiner Prozessgegnerin: „Obit anus, abit onus“ – die Alte stirbt, die Last vergeht.


Rezeption↑

Zu den ersten Lesern der Erstlingsschrift gehörte Goethe, der durch den literarischen Salon von Schopenhauers Mutter auf ihn aufmerksam geworden war. Danach blieb es lange still. In Berlin, der Hochburg des deutschen Idealismus, trat Schopenhauer nicht aus dem Schatten seines Konkurrenten Hegel heraus und blieb laut der Deutschen Biographie ohne nennenswerte Wirkung. Die erste Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung verkaufte sich kaum. Seine Ideen fanden zunächst keine Resonanz. Eine lobende Stimme kam von Jean Paul.

Die Wende kam über einzelne Fürsprecher. Friedrich Dorguth machte zuerst auf ihn aufmerksam und nannte ihn 1843 in seiner Schrift Die falsche Wurzel des Idealrealismus einen Denker von weltgeschichtlicher Bedeutung – zu einem Zeitpunkt, als Schopenhauer noch wenig bekannt war. Schopenhauer selbst sprach von seinen „Aposteln und Evangelisten“ und nannte Dorguth den „Urevangelisten“. Als bedeutendster dieser Anhänger trat 1840 Julius Frauenstädt auf, den Schopenhauer darum „Erzevangelist“ nannte; später erschien dessen Brief über die Schopenhauersche Philosophie. Nach den Parerga und Paralipomena von 1851 wuchs die Aufmerksamkeit. Richard Wagner ließ ihm seine Dichtung überreichen, Friedrich Hebbel besuchte ihn 1857, und eine Reihe von Porträts durch Jules Lunteschütz, Julius Hamel und andere Künstler entstand. Die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie wurde ihm erst spät angetragen; er lehnte ab.

Dass sein Werk aktuell blieb, verdankt sich vor allem der Lehre vom „Primat des Willens“. Sie ist die zentrale Idee seiner Philosophie. Die Neue Deutsche Biographie nennt im Zusammenhang mit Schopenhauer Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Richard Wagner, Thomas Mann, Stefan George und Max Scheler.

Auch institutionell ist sein Nachleben gesichert. Seit 1911 besteht in Frankfurt am Main die Schopenhauer-Gesellschaft. Seit 1912 erscheint ihr Jahrbuch; es trägt seit 1945 den Titel Schopenhauer-Jahrbuch. 1988 wurde die Schopenhauer-Stiftung Arthur Angelika Hübscher in memoriam Christian Hübscher gegründet. Im selben Jahr gab die Deutsche Bundespost eine Briefmarke heraus, und es erschien eine Sondermünze. An der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main besteht ein Schopenhauer-Archiv. Die Forschungsliteratur ist umfangreich. Sie reicht von der kurz nach seinem Tod verfassten Darstellung Wilhelm Gwinners über Rüdiger Safranskis Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie bis zum Schopenhauer-Handbuch von 2014. Sogar die Belletristik hat ihn aufgegriffen, etwa in Irvin D. Yaloms Roman Die Schopenhauer-Kur.

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