Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Tunnel
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Der Tunnel
1948
– Werkseintrag –

Der Tunnel

1948 · Roman

Ein Maler in Buenos Aires malt ein Bild, das die Kunstkritiker übersehen – nur eine Frau bleibt davor stehen, und er glaubt, in ihr eine verwandte Seele gefunden zu haben.

Überblick↑

Der Roman Der Tunnel des argentinischen Schriftstellers Ernesto Sábato erschien 1948 unter dem Originaltitel El túnel. Erzählt wird die kurze Liebesgeschichte des Malers Juan Pablo Castel zu María Iribarne. Es ist der erste von drei Romanen Sábatos und markiert den Beginn eines neuen Abschnitts in seiner geistigen Entwicklung: Der promovierte Physiker, der über radioaktive Strahlung geforscht hatte, wandte sich in den vierziger Jahren der Literatur zu. Das Buch gilt als herausragender Roman der existenzialistischen Literatur Lateinamerikas. Manche halten es zudem für eine der besten Einführungen in Sábatos literarisches Werk. Im deutschen Sprachraum erschien es unter wechselnden Titeln: 1958 als Der Maler und das Fenster, 1976 als Maria oder die Geschichte eines Verbrechens und zuletzt 2010 unter dem Titel Der Tunnel.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht der angesehene Maler Juan Pablo Castel, der in Buenos Aires lebt und in kritischer Distanz zur Welt um ihn herum. Die Sprache der Kunstkritiker ist ihm unerträglich, ebenso der Jargon, den unterschiedliche geistige und politische Strömungen anderen aufzudrängen versuchen. Eine Schlüsselrolle spielt ein Bild, das Castel die Fensterszene nennt. Durch ein Fenster hindurch sieht man darauf einen einsamen Strand, an dem eine Frau aufs Meer blickt.

Die Kunstkritiker nehmen dieses Bild nicht zur Kenntnis. Anders María Iribarne: Sie bleibt in einer Ausstellung gebannt davor stehen. Castel glaubt, in ihr eine verwandte Seele erkannt zu haben, und die beiden lernen einander kennen. Es beginnt eine Liebesbeziehung, die von Anfang an unter erschwerten Bedingungen steht. María ist mit einem älteren, blinden Mann verheiratet. Immer wieder entzieht sie sich Castel, indem sie Buenos Aires verlässt und auf ein Landgut am Meer fährt.

Der Roman erzählt, wie der Maler versucht, Marías Verhalten zu ergründen, und wie ihn dieser Versuch immer tiefer in Zweifel und Eifersucht führt. Zugleich handelt das Buch von der großen Einsamkeit eines klugen Menschen. Castel meint zunächst, María und er hätten jeder für sich in Gängen und Tunneln gelebt, bis sie einander am Ende dieser Gänge begegnet seien. Vermittelt habe diese Begegnung die Fensterszene, die damit zum Fenster zwischen den Tunneln ihrer Einsamkeit wurde.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman setzt gewissermaßen vom Ende her ein. Juan Pablo Castel sitzt im Gefängnis in Buenos Aires, weil er seine Geliebte María Iribarne getötet und sich anschließend der Polizei gestellt hat. Er will Rechenschaft über seine Tat ablegen und erzählt, wie es zu der Beziehung und schließlich zu dem Mord kam. María sei der einzige Mensch gewesen, der ihn habe verstehen können.

Gleich zu Beginn erwähnt Castel ein furchtbares Geschehnis aus einem Konzentrationslager, von dem er gelesen hatte. Kurz darauf malte er die Fensterszene, die gegenüber seinem früheren Werk einen Einschnitt bedeutet. Auf dem Bild blickt man durch ein Fenster auf einen einsamen Strand, an dem eine Frau aufs Meer schaut. Die Kunstkritiker übergehen es. María dagegen bleibt in einer Ausstellung gebannt davor stehen. Castel glaubt, eine verwandte Seele gefunden zu haben; die beiden lernen einander kennen und beginnen eine Liebesbeziehung.

Es stellt sich heraus, dass María mit einem älteren, blinden Mann verheiratet ist. Auch entzieht sie sich Castel immer wieder, indem sie aus Buenos Aires verschwindet und auf das am Meer gelegene Landgut eines Bekannten fährt. Als Castel sie dort einmal besucht, führt sie ihn an eine bestimmte Stelle am Meer. Sie erklärt ihm, dass sie schon oft dort gesessen habe und dass sie genau diesen Ort in der Fensterszene wiedererkannt habe.

Castel versucht, Marías Verhalten zu analysieren, und gelangt dabei zu der Überzeugung, ihrer Liebe nicht sicher sein zu können. Er steigert sich in immer heftigere Eifersuchtsphantasien hinein. Er beschimpft seine Geliebte zunehmend gröber, bittet sie danach um Verzeihung und sucht alle Schuld bei sich selbst. Schließlich zerstört er in einem Anfall von Raserei das Bild mit der Fensterszene mit einem Messer. Danach fährt er zum Landgut hinaus, auf dem María sich aufhält, und ersticht sie.

Mit dem Scheitern der Beziehung wird Castel bewusst, dass die Begegnung am Ende der Tunnel eine Illusion war. Sie konnte die Einsamkeit der beiden nicht aufheben, und durch das vermeintliche Fenster kann in Wahrheit nichts hindurchgelangen: Es ist kein Fenster, sondern eine Mauer aus Glas. Castel erkennt, dass María kein Tunnelmensch ist wie er, sondern der weiten Welt angehört, dem normalen Leben. Der einzige Tunnel ist jener, in dem sein eigenes Leben von Kindheit an verlaufen ist. Und er begreift, dass die Einsamkeit seines Lebens viel tiefer reicht, als ihm bisher klar war. Die Fensterszene enthält, wie María erkannt hatte, eine Botschaft der Hoffnungslosigkeit über eine sinnlos gewordene Welt.

Stil↑

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht des Malers selbst, der aus dem Gefängnis heraus Rechenschaft ablegt. Der Roman beginnt vom Ende her: Die Tat ist von der ersten Seite an bekannt, und alles Weitere ist Rückblick und Selbstprüfung. Diese Bauweise lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Frage, was geschieht, und hin zu der Frage, wie es in Castels Innerem dazu kommen konnte. Der Erzähler seziert unablässig seine eigenen Gefühle und die Beweggründe der Geliebten. Zu seinen Grundüberzeugungen gehört, dass die Wirklichkeit gerade nicht einfach ist, sondern kompliziert und verworren.

Prägend ist die Bildsprache des Titels. Tunnel, Gang, Fenster und Glasmauer bilden ein durchgehendes Netz von Bildern, an dem der Erzähler seine Lage über die ganze Erzählung hinweg begreiflich zu machen versucht. Das gemalte Bild der Fensterszene ist dabei Angelpunkt der Handlung und Sinnbild zugleich.

In Sábatos Schreiben wirken mehrere Einflüsse zusammen. Ende der dreißiger Jahre kam er mit einem Stipendium nach Paris und knüpfte dort Kontakt zu Surrealisten wie André Breton und Óscar Domínguez. Er führte ein Doppelleben: der Tag gehörte der Forschung, die Nacht den Treffen mit den Surrealisten und dem eigenen Schreiben. Neben dem Surrealismus prägten ihn Psychoanalyse, Existenzialismus und die moderne Literatur; er las Joyce, Proust und Kafka. Im Hintergrund steht die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, des Faschismus und der Konzentrationslager. Mit den Moskauer Prozessen zerbrach für Sábato zudem der Kommunismus als gesellschaftliche Alternative, an der er sich als Student noch orientiert hatte. Die Welt nahm er als zerrissen und krisengeschüttelt wahr, ebenso die Menschen, die in ihr leben.

Rezeption↑

Zunächst gestaltete sich die Veröffentlichung schwierig. Die Verlage in Buenos Aires lehnten das Manuskript des als Schriftsteller noch unbekannten Sábato ab. Ein Abdruck gelang schließlich in der Zeitschrift Sur. Albert Camus wurde auf den Text aufmerksam, veranlasste die Übersetzung ins Französische und die Publikation bei Gallimard. Erst durch die Anerkennung im Ausland kam auch in Argentinien eine Buchausgabe zustande.

Heute gilt der Roman als herausragendes Werk der existenzialistischen Literatur Lateinamerikas, und manche halten ihn für eine der besten Einführungen in Sábatos literarisches Schaffen. Der Titel wird mit Franz Kafka in Verbindung gebracht: Sábato war ein Leser Kafkas, und es wird vermutet, dass er auf dessen gleichnamige Parabel anspielt. Kafkas Text beschreibt die Lage der Menschheit als die von Eisenbahnreisenden, die in einem nahezu endlosen Tunnel verunglückt sind; im Dunkel verwirren sich Anfang, Ende und schließlich jede Orientierung. Fast zeitgleich mit Sábatos Roman entstand Das Labyrinth der Einsamkeit von Octavio Paz. Auch Paz versteht Einsamkeit vor allem als eine der modernen Gesellschaft, in deren Labyrinth die Menschen gefangen sind.

Der Stoff wurde zweimal verfilmt. 1952 entstand eine Verfilmung unter der Regie von León Klimovsky, 1988 eine weitere unter der Regie von Antonio Drove. Die deutschsprachige Ausgabe von 2010 erschien im Verlag Klaus Wagenbach in einer von Helga Castellanos aus dem argentinischen Spanisch übersetzten und neu durchgesehenen Fassung.

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