Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Untergang
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Der Untergang
1948
– Werkseintrag –

Der Untergang

1948 · Essay

Ein Mann verfolgt von einem Ferienhaus vor den Toren Hamburgs aus, wie die Stadt in mehreren Bombennächten des Sommers 1943 in Flammen aufgeht – und ringt danach um Worte für das Unfassbare.

Überblick↑

Der autobiografische Essay Der Untergang von Hans Erich Nossack schildert die schweren Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943, die unter dem Namen „Operation Gomorrha“ bekannt wurden. Nossack begann den Text noch im selben Jahr, unmittelbar unter dem Eindruck der Zerstörung. Zunächst erschien er 1948 als Teil des Bandes Interview mit dem Tode im Krüger-Verlag, 1961 dann als eigenständige Veröffentlichung bei Suhrkamp. Der Text zählt zu den frühen Zeugnissen der deutschen Nachkriegsliteratur, die das Grauen des Bombenkriegs in nüchterner Sprache festhalten.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht das Erleben der Bombennächte über Hamburg im Juli und August 1943. Der Erzähler und seine Frau Gabriele, im Text „Misi“ genannt, halten sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt auf. Für einen Erholungsurlaub haben sie sich ein Haus in der Lüneburger Heide bei Maschen gemietet, etwa fünfzehn Kilometer vor Hamburg.

Von dort aus erleben sie die Katastrophe zunächst aus der Ferne. In der Nacht weckt sie das Geräusch der heranfliegenden Bomber. Der Erzähler bleibt draußen, um das Geschehen zu beobachten, und sieht die abgeworfenen Leuchtkörper, das Abwehrfeuer und über der Stadt eine Rauchwolke, die vom Feuer rot angestrahlt wird. Bald begegnen ihnen die ersten Menschen, die aus der brennenden Stadt fliehen.

Der Bericht folgt dem langsamen Begreifen einer Verwüstung, deren Ausmaß sich erst nach und nach erschließt. Immer wieder wird das Erzählte von ausgedehnten Gedanken unterbrochen: über das eigene Ich, über die Wahrnehmung und vor allem über die Frage, ob Sprache ein solches Ausnahmegeschehen überhaupt fassen kann.

Die Handlung im Detail↑

Die Konfrontation mit dem Inferno vollzieht sich in mehreren Stufen. Am Anfang steht das Geräusch der Flugzeuge, die sich mit ihrer Bombenlast nähern und die Nossacks in ihrem Ferienhaus wecken. Der Erzähler geht nicht in den Keller, sondern bleibt draußen, weil er das Geschehen sehen will. Zu erkennen sind zunächst nur die abgeworfenen Leuchtkörper, die sogenannten „Tannenbäume“, das Abwehrfeuer der Flak und eine sich ausbreitende Rauchwolke, „die durch das Feuer der Stadt von unten her rot angestrahlt war“.

Die nächste Stufe ist die Begegnung mit den Menschen, die aus Hamburg fliehen. Den Nossacks wird allmählich klar, dass auch sie selbst in ihrem Ferienhaus zu Flüchtlingen geworden sein könnten. Ob ihr Wohnhaus in der Stadt noch steht oder ebenfalls zerstört ist, wissen sie lange nicht.

Es folgt die Fahrt in die Stadt und damit die Gewissheit, dass sie selbst betroffen sind. In ihrem Wohnhaus sind auch die Manuskripte und Tagebücher verbrannt – Nossack hatte zu diesem Zeitpunkt noch nichts veröffentlicht. Das Kontor im Freihafen steht zwar noch, doch die Räume sind durch die Bomben und das Löschwasser verwüstet. Die Nossacks sammeln einige Habseligkeiten ein, darunter eine Schreibmaschine, und finden auch noch einige Manuskripte wieder. In den folgenden Tagen wird alles geplündert, vor allem die Kaffeeproben und Verschiffungsmuster. „In den hundert Kontoren fand sich später buchstäblich keine Bohne mehr.“

Eine weitere Stufe ist das Bewusstwerden, dass eine vertraute Welt und mit ihr die eigene Vergangenheit verloren sind. Für den Erzähler macht sich dieser Verlust vor allem an der Kirche Sankt Katherinen fest. In diesem Zusammenhang taucht eine Erinnerung auf: Vögel, die als Omen des Untergangs gedeutet werden. Diese Vögel erscheinen auch in Nossacks Text Nekyia als zwei geheimnisvolle Wesen, die dort den Turm des Rathauses umkreisen. Weitere tierische Boten des Untergangs zeigen sich in Gestalt von Ungeziefer.

Wenn Nossack die Reaktionen der Menschen auf die Vernichtung beobachtet – auch die eigene –, so bemerkt er vor allem verschiedene Formen scheinbarer Gleichgültigkeit. Ihn erstaunt, dass eigentlich erwartbare Reaktionen wie Wut oder Rachedurst ausbleiben. Diese Gleichgültigkeit äußert sich auch gegenüber der Macht des Staates und seiner Organe.

Solche Beobachtungen werden immer wieder von langen Reflexionen durchbrochen. Sie kreisen um das Ich, um die Wahrnehmung und besonders um die Frage, ob Sprache einer solchen Ausnahmesituation überhaupt gerecht werden kann. Ausgespart bleibt die Frage nach der Schuld der Deutschen am Krieg und an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Demgegenüber steht eine Neigung zur Überhöhung und Mythisierung: Vom „jüngsten Tag“ und von der „Sintflut“ ist die Rede, der Krieg erscheint als eine Art Naturereignis, als „das Wüten der Welt gegen sich selbst“, und die Fahrt in die zerstörte Stadt wird zu einem Eintritt in die Unterwelt.

Stil↑

Bemerkenswert ist die Mischung der Formen. Der Text vereint Merkmale von Bericht, Autobiografie und Essay in sich. Die genaue Beobachtung des Geschehens wird immer wieder von teils ausgedehnten Reflexionen unterbrochen, die sich um das Ich, die Wahrnehmung und vor allem um die Sprache selbst drehen: Nossack fragt danach, ob sich eine solche Ausnahmesituation überhaupt in Worte fassen lässt.

Kennzeichnend ist die vergleichsweise nüchterne Darstellung des Grauens. Zugleich gibt es eine deutliche Tendenz zur Überhöhung und Mythisierung. Bilder wie „Sintflut“ oder „jüngster Tag“ heben das Geschehen ins Allgemeine, der Krieg erscheint als eine Art Naturereignis, und die zerstörte Stadt wird zur Unterwelt. So verbindet sich die genaue Wiedergabe des Erlebten mit einer mythischen Deutung.

Rezeption↑

Die Erstausgabe stieß in der Zeit des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland auf Desinteresse. Das änderte sich, als 1981 eine aufwändig gestaltete Neuauflage mit Fotografien von Erich Andres im Kabel Verlag erschien und von großer medialer Aufmerksamkeit begleitet wurde. Nun wurde das Werk zum Verkaufsschlager. In der Zeit des NATO-Doppelbeschlusses und der Aufstellung der Pershing 2 traf es den Zeitgeist. Heute gilt es als verlässlicher Longseller.

Bereits 1949 erschien eine französische Übersetzung unter dem Titel L'effondrement in der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes. Weitere Übersetzungen folgten, darunter ins Englische, Italienische und Spanische. Der Untergang ist der mit Abstand meistverkaufte Text Nossacks.

Das Werk begründete seinen Ruf als „epischer Experte für Katastrophen“. Er gilt als einer der ersten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur, die die Schrecken des Bombenkriegs in relativ nüchterner Form beschrieben. In der ab 1997 geführten Debatte um W. G. Sebalds Thesen zu Luftkrieg und Literatur wurde Nossacks Bericht als herausragendes Zeugnis gewürdigt.

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