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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Wide Sargasso Sea
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Wide Sargasso Sea
1966
– Werkseintrag –

Wide Sargasso Sea

1966 · Roman

Der Roman erzählt die Vorgeschichte jener Frau, die bei Charlotte Brontë nur als die eingesperrte erste Gattin Mr. Rochesters vorkommt: ein Mädchen aus Jamaika, das einen Namen hatte, bevor man es „Bertha“ nannte.

Überblick↑

Der Roman Wide Sargasso Sea von Jean Rhys erschien 1966 bei André Deutsch. Auf Deutsch ist er unter den Titeln Die weite Sargassosee und Sargassomeer erschienen. Vielfach wird er als feministische und postkoloniale Antwort auf Jane Eyre von Charlotte Brontë gelesen. Denn er erzählt die Vorgeschichte jener Frau, die bei Brontë nur als Mr. Rochesters erste Gattin „Bertha“ auftaucht. Rhys gibt ihr einen Namen, Antoinette Cosway, und eine eigene Stimme.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf Jamaika wächst Antoinette Cosway in einer Familie auf, die von den Nachbarn gemieden wird. Der Vater ist tot, die Mutter Annette lebt mit den beiden Kindern in ärmlichen Verhältnissen. Eine zweite Heirat der Mutter bringt zwar Geld ins Haus, aber keine Ruhe: Der Zorn der Umgebung entlädt sich in einer Nacht, die die Familie auseinanderreißt. Antoinette kommt in eine Klosterschule.

Der zweite Teil erzählt von der Ehe, in die sie aus finanziellen Gründen gedrängt wird. Ihr Mann, ein Engländer, bleibt namenlos. Aus dem Kennenlernen und den Flitterwochen auf Jamaika wächst rasch Misstrauen. Antoinette glaubt, ihr Mann liebe sie nicht, sondern hasse sie. Er wiederum vermutet, ihre Familie habe ihn ausgenutzt. Ein Brief von Daniel Cosway, der sich als Antoinettes Bruder ausgibt, verschärft den Streit. Die frühere Dienerin Christophine versucht zu helfen.

Der dritte Teil führt nach England. Antoinette lebt dort auf einem Dachboden, bewacht von einer Angestellten, und findet sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht.

Die Handlung im Detail↑

Nach dem Tod des Vaters lebt Antoinettes Mutter Annette mit Tochter und Sohn in relativer Armut auf Jamaika. Die meisten anderen Einwohner lehnen die Familie ab und gehen ihr aus dem Weg. Schließlich heiratet Annette erneut, den Engländer Mr. Mason. Eines Nachts steckt eine wütende Menge das Haus in Brand. Anlass sind Masons Pläne, billige Arbeitskräfte von auswärts heranzuschaffen. Die Bewohner entkommen, doch der Sohn Pierre stirbt an seinen Verletzungen. Die trauernde Mutter wendet sich gegen ihren Mann, der sie daraufhin fern von der Familie einsperren lässt. Von da an sieht Antoinette ihre Mutter kaum noch. Sie selbst kommt in eine Klosterschule. Mason holt sie später wieder heraus, weil er sie einigen seiner englischen Bekannten vorstellen will.

Der zweite Teil erzählt abwechselnd aus der Sicht Antoinettes und ihres Ehemannes, mit dem sie aus finanziellen Gründen verheiratet wurde. Es geht um Kennenlernen, Hochzeit und Flitterwochen auf Jamaika. Im Mittelpunkt steht die Ehe und wie sie sich verändert: erst die vermeintliche Liebe, dann ein Misstrauen, das immer stärker wird. Antoinette vermutet, ihr Mann liebe sie nicht, sondern hasse sie. Der namenlose Ehemann wiederum glaubt, seine Frau und ihre Familie nutzten ihn wegen seines Standes nur aus. Dann erhält er einen Brief von Daniel Cosway, dem angeblichen Bruder Antoinettes. Der Brief bestärkt seine Befürchtungen und spricht von der Verrücktheit seiner Frau. Die Ehe gerät in immer schwerere Not.

Der Mann zieht sich von Antoinette zurück und lebt seine Affäre offen vor ihr aus. Er beginnt, sie „Bertha“ zu nennen, und nimmt ihr damit ihren eigenen Namen und Schritt für Schritt ihre Identität. Antoinette verzweifelt und bittet ihre ehemalige Dienerin Christophine um Hilfe. Diese gibt ihr einen Liebeszaubertrank für den Mann, der bei ihm jedoch nicht wirkt. Christophine bittet ihn schließlich, Antoinette bei ihr wohnen und sich um sie kümmern zu dürfen. Er lehnt ab und nimmt seine Frau mit nach England.

Der dritte Teil wird aus Antoinettes Sicht erzählt. Sie hat sich stark verändert und lebt seit unbestimmt langer Zeit in England. Mit ihrem früheren Ich kann sie sich nicht mehr identifizieren. Sie schildert ihr Leben auf dem Dachboden eines Hauses, von dem sie überzeugt ist, es stehe gar nicht in England. In einem kargen, kalten Zimmer bewacht sie die Angestellte Grace Poole. Ihren Mann bekommt sie in dieser ganzen Zeit nicht zu Gesicht. Schon auf der Schiffsreise hatte sie zu entkommen versucht. Nun schreibt sie ihrem Bruder Richard einen Brief und fleht ihn um Rettung an. Er besucht sie, erklärt aber, er könne ihr nicht helfen. Daraufhin greift sie ihn an und verletzt ihn, und er reist wieder ab.

Am nächsten Morgen wacht sie ohne jede Erinnerung an diesen Vorfall auf. Sie ist überzeugt, ihr Bruder habe sie nicht erkannt, weil sie keines ihrer alten Kleider trug. Dieser Gedanke lässt sie nicht mehr los. Sie findet das Kleid und versinkt in Erinnerungen. Immer wieder träumt sie denselben Traum: Sie verlässt heimlich ihr Zimmer, setzt das Haus in Brand und springt vom Dach hinunter. Dann wacht sie auf. Die wache Bertha ist überzeugt, dass dieser Traum eine tiefere Bedeutung hat. Das Buch endet abrupt, als sie mit einer Kerze das Zimmer verlässt.

Stil↑

Aufgebaut ist Wide Sargasso Sea in drei Teilen, die aus wechselnden Perspektiven erzählt werden. Der zweite Teil ist der längste, es folgen der erste und, mit deutlichem Abstand am kürzesten, der dritte. Teil eins gehört ganz Antoinette und handelt von ihrer Kindheit und Jugend bis zur Ehe. Teil zwei wechselt zwischen ihrer Sicht und der ihres Mannes, wobei überwiegend er von der Ehe und ihren Zerreißproben berichtet. Beide Teile stehen in der ersten Person. Auch Teil drei ist in der ersten Person geschrieben, wieder aus der Sicht Antoinettes beziehungsweise Berthas.

Die Erzählweise ändert sich im letzten Teil merklich. Anders als zuvor wird die Geschichte hier zum großen Teil über Rückblicke, innere Monologe und Traumsequenzen vermittelt. Auf wenigen Seiten schildert sie Antoinettes Zeit in England im Haus ihres Mannes, wo sie zur madwoman in the attic wird.

Nur dieser dritte Teil spielt zur selben Zeit wie Jane Eyre und deckt sich mit jener Erzählung. Die Teile eins und zwei sind Vorgeschichte und stehen weitgehend unabhängig von den Ereignissen bei Charlotte Brontë.

Rezeption↑

In Kritiken und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen gilt der Roman vielfach als feministische und postkoloniale Antwort auf Jane Eyre. Gerade darin liegt seine Wirkung: Eine Nebenfigur aus dem Werk einer anderen Autorin bekommt eine Herkunft, einen Namen und eine eigene Erzählstimme.

Der Stoff wurde auch verfilmt. 1993 kam die Verfilmung Sargasso Sea – Im Meer der Leidenschaft unter der Regie von John Duigan heraus. 2006 folgte der Fernsehfilm Jean Rhys' Wide Sargasso Sea in der Regie von Brendan Maher.

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