1946
Paroles
Überblick↑
Der Gedichtband Paroles versammelt 95 Gedichte von Jacques Prévert und erschien erstmals 1946. Der Titel bedeutet auf Deutsch so viel wie „Worte“ und deutet schon an, worum es Prévert geht: um eine gesprochene, unmittelbare, volksnahe Dichtung. Die Texte waren zuvor über Jahre verstreut in verschiedenen Zeitschriften erschienen, ehe sie der Verleger René Bertelé mit Zustimmung des Dichters zu einem Band zusammenfasste. Der Erfolg war sofort da und hielt über Jahrzehnte an. Damit gehört Prévert zu den meistgelesenen Dichtern der französischen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Gedichtsammlung erzählt Paroles keine durchgehende Geschichte, sondern reiht 95 sehr unterschiedliche Texte aneinander. Sie reichen vom Zweizeiler bis zu langen Stücken über viele Seiten. Manche sind in Prosa geschrieben, andere in freien Versen, wieder andere als kleine, dialogisierte Szenen. Die längeren Texte stehen vor allem am Anfang des Bandes, das längste Stück in der Mitte.
Prévert schreibt über den Alltag, über Paris und seine einfachen Leute, über die Liebe, die Kindheit und die Freiheit. Immer wieder wenden sich die Gedichte gegen Krieg, Gewalt, Macht und Zwang. Bekannte Stücke wie Barbara, Déjeuner du matin oder Inventaire zeigen die Bandbreite: mal zärtlich, mal spöttisch, mal anklagend. Viele der Texte wurden später vertont und als Chansons berühmt.
Die Handlung im Detail↑
Der Band besteht aus 95 nicht interpunktierten Texten von sehr verschiedener Form und Länge. Die längsten stehen überwiegend am Beginn: Tentative de description d'un dîner de têtes à Paris-France umfasst elf Seiten, Souvenirs de famille dreizehn, Évènements neun. Das längste Stück, La crosse en l'air mit fünfunddreißig Seiten, findet sich in der Mitte des Werks. Am Schluss steht ein später hinzugefügter, ebenfalls längerer Text, Lanterne magique de Picasso. Daneben gibt es sehr kurze Gedichte: Les Paris stupides besteht aus zwei Zeilen, L'amiral aus fünf Versen mit insgesamt fünfzehn Wörtern.
Auch die Formen wechseln stark. Es gibt Texte in Prosa, kleine dialogisierte Szenen in freien Versen und einen freieren Versgebrauch mit gelegentlichen, unregelmäßigen Reimen. Die betonte Mündlichkeit führt zu Wiederholungen und refrainartigen Zeilen, wie in Barbara, La chasse à l'enfant oder Je suis comme je suis. Solche Texte stehen den Liedern nahe, und tatsächlich wurden viele von ihnen von Joseph Kosma vertont.
Inhaltlich kreisen die Gedichte um mehrere große Themen, die sich oft überschneiden. Ein beherrschendes ist die Anklage von Gewalt, Krieg, bürgerlicher Politik und Religion. Prévert stellt die Mächtigen scharf infrage. Er zeigt sich antimilitaristisch, kirchenkritisch und als Verteidiger der einfachen Leute gegen das bürgerliche Geld. Er greift die Aktualität seiner Zeit auf: den Spanischen Bürgerkrieg, den Krieg in Äthiopien, die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs, den Faschismus. Auch die Werte von Familie, Vaterland und Arbeit stellt er infrage, wobei er die Arbeit als Ausbeutung und Erniedrigung darstellt. Weitere Formen der Unterdrückung kommen hinzu, etwa Gefängnis, Kolonisierung sowie Schule und ihre Zwänge. So ist Paroles ausdrücklich eine gesellschaftlich und politisch engagierte Dichtung.
Ein zweites Thema ist der Alltag, das Leben der Stadt und die Orte von Paris. Prévert erweist sich hier als anhänglicher Dichter der Stadt und der einfachen Welt; man nennt ihn einen „bohemehaften Pariser“. Als Gegengewicht zur revolutionären, anarchischen Wucht greift der Band die überlieferten lyrischen Themen von Liebe, Kindheit und Vogel auf, allerdings ohne romantische Selbsterhöhung des Ich. Es geht eher um ein persönliches und gemeinsames Glück, um Sinnlichkeit und Freiheit, um Unschuld und Zartheit, auch wenn Liebeskummer weiter besteht, wie in Le désespoir est assis sur un banc oder Le miroir brisé.
Ein letztes Thema ist die Kunst und das Schaffen selbst, mit Verweisen auf van Gogh, den Maler der Gewalt und des Lebens, und auf Picasso, der die Darstellung der Wirklichkeit aufbricht. In Pour faire le portrait d'un oiseau gibt Prévert eine Art poetisches Bekenntnis, in dem das Ideal „etwas Einfaches, etwas Schönes, etwas Nützliches“ sein soll.
Stil↑
Kennzeichnend für Préverts Kunst sind Spontaneität und Mündlichkeit, schon der Titel Paroles weist darauf hin. Sie nähren sich aus dem Surrealismus, aus neuer Ausdruckskraft und aus Provokation. Immer wieder sucht Prévert bissige Wendungen und den Witz, indem er mit Wörtern spielt. So verdreht er in Pater noster das Vaterunser, oder er reiht Klänge zu „la rime à rien“ (der Reim auf nichts). Das Wortspiel zieht sich durch das ganze Werk, auch jenseits des Spotts.
Ein weiteres häufiges Mittel ist die Häufung, oft verbunden mit der Anapher, also der Wiederholung desselben Wortes am Zeilenanfang. Dazu kommt ein einfacher, konkreter Wortschatz, der bisweilen sogar in reale Härte umschlägt. Neben den klassischen Mitteln der Dichtung wie Rhythmus und Klang, etwa der Alliteration in Barbara, fällt vor allem der Reichtum und die Ausdruckskraft der Bilder auf. Sie sind zahlreich und überraschend.
Hinter der scheinbaren Einfachheit steckt eine sorgfältige, genaue Arbeit an der Form. Die Texte sind reich an Bedeutung und voller kultureller Anspielungen. So verbindet sich das Volksnahe mit einer bewussten dichterischen Gestaltung.
Rezeption↑
Mit dem Erscheinen 1946 stellte sich sofort großer Erfolg ein. Schon eine Woche später wurde eine erste Neuauflage von 5.000 Exemplaren gedruckt, und im ersten Jahr erreichte der Band die für einen Gedichtband erstaunliche Zahl von 25.000 Stück. 1947 folgte eine um sechzehn Texte erweiterte Ausgabe, wieder mit Erfolg. Nachdem der Verlag von René Bertelé an Gallimard übergegangen war, wurde Paroles mehrfach neu aufgelegt, ab 1957 auch als Taschenbuch.
Die Verbreitung im Taschenbuch ließ nicht nach. Mit rund 2,5 Millionen verkauften Exemplaren zählt Paroles zu den meistverkauften Titeln dieser Reihe, was Prévert zu einem der meistgelesenen Dichter der französischen Literatur macht. Zusätzlich verbreiteten sich die Gedichte durch die Musik. Joseph Kosma vertonte viele von ihnen, und Sängerinnen und Sänger wie Juliette Gréco, Yves Montand, die Frères Jacques oder Mouloudji trugen sie als Chansons weiter. Besonders bekannt wurde Les Feuilles mortes, durch den Film Les Portes de la nuit von Marcel Carné und die Stimme von Yves Montand.
Als eine Art posthume Krönung des als Störenfried bekannten Dichters erschien sein Werk 1992 in der angesehenen Reihe der Pléiade.
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