1966
Paradiso
Überblick↑
Der Roman Paradiso des kubanischen Dichters, Essayisten und Erzählers José Lezama Lima erschien 1966. Es war sein erster Roman und der einzige, den er zu Lebzeiten veröffentlichte. Das Buch gilt als sein Hauptwerk und zählt zu den wichtigsten und innovativsten Romanen spanischer Sprache. Lezama Lima verstand es als Zusammenfassung und Krönung seines eigenen dichterischen Systems. Später wurde der Stoff unter dem Titel El viajero inmóvil verfilmt; Regie führte Tomás Piard, produziert wurde der Film vom kubanischen Filminstitut ICAIC.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge José Cemí, der selbst Dichter werden will. Der Roman verfolgt seinen Weg von der Kindheit bis in die Studienjahre. Zunächst greift die Erzählung weit zurück und schildert die Herkunft der Familie über mehrere Generationen. Von dort aus entfaltet sich Cemís langsame Bildung: seine frühen Eindrücke, sein Aufwachsen, seine Begegnungen mit anderen Menschen.
Das Buch ist bewusst als Weg der Einweihung angelegt. Es zeigt, wie ein Mensch allmählich in die Dichtung hineinwächst. Vieles darin ist der eigenen Lebensgeschichte des Autors abgelauscht, weshalb der Roman oft als Bildungsroman gelesen wird. Wer ihn aufschlägt, sollte sich auf einen anspruchsvollen Text einstellen, der seine Leser fordert.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Entwicklung des Dichters José Cemí von seiner Kindheit bis zu den Universitätsjahren. Der Roman beginnt nicht bei der Figur selbst, sondern bei ihren Wurzeln: Er geht den familiären Ursprüngen nach und baut damit den Hintergrund auf, aus dem Cemí hervorgeht. Erst von dieser Vorgeschichte her wird die eigene Lebensbahn des jungen Mannes sichtbar.
Der Weg, den das Buch beschreibt, ist ein Weg der Einweihung. Cemí soll nicht einfach erwachsen werden, sondern zum Dichter reifen. Lezama Lima hatte den Roman als Zusammenfassung und Höhepunkt seines poetischen Systems entworfen; die Lebensgeschichte der Hauptfigur ist zugleich der Weg in dieses System hinein. Da vieles davon der Biographie des Autors folgt, trägt das Werk deutlich autobiographische Züge.
Zur Handlung im engeren Sinn treten Passagen ganz anderer Art. Der Roman verbindet Erzählung, Dichtung und Essay miteinander, sodass der Faden der Ereignisse immer wieder von gedanklichen und lyrischen Teilen überlagert wird. Zu den umstrittensten Stellen gehören homoerotische Szenen, die nach dem Erscheinen heftige Angriffe auslösten.
Die Entstehung zog sich fast siebzehn Jahre hin. Das erste Kapitel erschien bereits 1949 in zwei Ausgaben der Zeitschrift Orígenes, weitere Teile folgten nach und nach, bis 1966 der vollständige Roman herauskam.
Stil↑
Kennzeichnend für Paradiso ist eine überbordende, barocke Sprache. Der Text ist schwer zugänglich, und das liegt nicht allein an seinem Reichtum an Bildern und poetischen Wendungen. Ebenso anspruchsvoll macht ihn seine Uneinheitlichkeit: Erzählende, dichterische und essayistische Passagen stehen nebeneinander und gehen ineinander über.
Der Roman ist als Einweihungstext angelegt und schöpft teilweise aus dem Leben des Autors. Beides prägt seine Form. Auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Erscheinen bricht er mit den Regeln der herkömmlichen Erzählkunst und verlangt seinen Lesern viel ab.
Rezeption↑
Nach dem Erscheinen löste der Roman eine Fülle sehr unterschiedlicher Urteile aus. Die frühesten und begeistertsten Reaktionen kamen aus dem Ausland; zu den enthusiastischsten Stimmen zählten Octavio Paz und Julio Cortázar. Paz schrieb dem Autor kurz nach dem Erscheinen einen Brief. Zwei Jahre später äußerte sich auch der mexikanische Kritiker Carlos Monsiváis zu dem Buch.
Ganz anders fiel das offizielle Urteil in Kuba aus. Dort wurde der Roman als hermetisch, krankhaft und pornographisch abgetan, wobei sich der Vorwurf vor allem gegen die homoerotischen Passagen richtete. Cintio Vitier und Alejo Carpentier gehörten zu den Ausnahmen. Die Auseinandersetzung endete damit, dass das Buch aus dem Buchhandel zurückgezogen wurde. Hinzu kam, dass Lezama Lima 1968 den Julián-del-Casal-Preis gegen das Votum der UNEAC an Heberto Padillas Gedichtband Fuera del juego vergab. Damit verlor er die Gunst der revolutionären Regierung, zu der er bis dahin ein gutes Verhältnis gehabt hatte. Über sein Verhältnis zur kubanischen Regierung wird bis heute heftig gestritten, und die Darstellungen widersprechen einander.
Die Druckgeschichte des Romans war von Anfang an von Pannen begleitet. Die Erstausgabe von 1966, herausgebracht von der UNEAC, steckte voller Druckfehler; einige davon bemerkte Cortázar schon bei der Lektüre. Der argentinische Verlag De la Flor legte diesen fehlerhaften Text zwei Jahre später seiner eigenen Ausgabe zugrunde, nach Aussage des Autors ohne dessen Erlaubnis. 1968 erschien im mexikanischen Verlag Era eine überarbeitete Fassung, illustriert von René Portocarrero und von Cortázar und Monsiváis betreut. Sie berichtigte vor allem die verderbten Zitate, blieb aber selbst nicht fehlerfrei, unter anderem weil der Autor bei der Korrektur der Druckfahnen seine Handschriften nicht heranzog und die Fassung nach eigener Aussage nicht durchsah. Erst 1980 folgte bei Cátedra eine dritte Textgestalt, betreut von seiner Schwester Eloísa; sie glich die beiden früheren Ausgaben ab, glättete aber die Zeichensetzung zulasten der Eigenheiten des Autors. 1988 erschien in der Colección Archivos eine kritische Ausgabe, erarbeitet von einem Team unter Cintio Vitier, das alle Vorgängerfassungen mit der Handschrift verglich. Ende 2021 brachte der Verlag Era eine Neuausgabe heraus, die als endgültige Fassung gelten soll.
Die spanische Zeitung El Mundo nahm den Roman in ihre Liste der hundert besten spanischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts auf.
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