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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · The Rape of the Lock
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Cover The Rape of the Lock
The Rape of the Lock
1712
– Werkseintrag –

The Rape of the Lock

1712 · Epik

Aus dem Diebstahl einer Haarlocke macht Pope ein komisches Heldengedicht, das eine gesellschaftliche Lappalie mit dem ganzen Prunk der antiken Götterwelt überzieht.

Überblick↑

Das Versepos The Rape of the Lock (deutsch: Der Lockenraub) ist ein pseudoheroisches Gedicht von Alexander Pope. Es verspottet eine belanglose gesellschaftliche Plänkelei, indem es sie in den feierlichen Ton und die Götterwelt der großen antiken Epen kleidet. Erstmals erschien es im Mai 1712 in zwei Gesängen. Eine überarbeitete und auf fünf Gesänge mit 794 Zeilen erweiterte Fassung folgte 1714. Der Reiz des Werks liegt im Widerspruch zwischen dem winzigen Anlass – dem Abschneiden einer Haarlocke – und der gewaltigen, heroischen Sprache, in der davon erzählt wird.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Anlass des Gedichts war ein wahrer Vorfall, von dem Popes Freund John Caryll berichtete. Arabella Fermor und ihr Verehrer Lord Robert Petre stammten beide aus vornehmen katholischen Familien, und das zu einer Zeit, in der der Katholizismus in England gesetzlich verboten war. Petre begehrte Arabella leidenschaftlich und schnitt ihr ohne Erlaubnis eine Locke ihres Haars ab. Der Streit darüber führte zu einem Bruch zwischen den beiden Familien. Pope schrieb das Gedicht auf Bitten seines Freundes, um die Zerstrittenen wieder heiter miteinander zu versöhnen.

Im Gedicht trägt die junge Frau den Namen Belinda. Über sie wachen die Sylphen, luftige Schutzgeister der Jungfrauen, die Pope als spöttisches Gegenstück zu den Göttern und Göttinnen der klassischen Epen einführt. So wird der raub einer Haarlocke zum Ausgangspunkt eines scheinbar weltbewegenden Geschehens. Obwohl vieles daran zum Lachen reizt, hält Pope zugleich das Gefühl aufrecht, Schönheit sei zerbrechlich und ihr Verlust für eine Frau jener Zeit eine ernste Sache.

Die Handlung im Detail↑

Ausgangspunkt der Handlung ist der kühne Griff des verliebten Baron: Er schneidet Belinda heimlich eine ihrer Locken ab. Diese kleine Tat wird von Pope mit dem ganzen Aufwand eines großen Epos geschildert. Die Entführung der schönen Helena schrumpft hier zum Diebstahl einer Haarlocke. Die mächtigen Götter werden zu winzigen Sylphen, und der berühmte Schild des Achilles verwandelt sich in einen von Belindas Unterröcken.

Der verlust der Locke trifft Belinda tief. Was für Außenstehende eine Nichtigkeit sein mag, wird für sie zum schweren Schlag, denn ihre Schönheit ist ihr Kostbarstes. Pope steigert das Geschehen mit den feierlichen Mitteln der alten Dichtung – mit Anrufung, Klage und großem Ausruf – bis hin zu einem Wortgefecht, das den tatsächlichen Reden aus Homers Ilias nachgebildet ist. Am Ende steht eine Verwandlung, die dem ganzen Sturm im Wasserglas einen glänzenden Abschluss gibt. So löst sich der Zwist auf komische, versöhnliche Weise: aus einem kränkenden Vorfall wird ein heiteres Kunstwerk.

Stil↑

Grundzug des Gedichts ist die Nachahmung des großen Epos für einen winzigen Anlass. Pope übernimmt die feierlichen Kunstmittel der antiken Dichtung – die Anrufung höherer Mächte, die Klage, den pathetischen Ausruf und den ausführlichen Vergleich – und wendet sie auf eine gesellschaftliche Lappalie an. Aus diesem Gegensatz zwischen erhabener Form und nichtigem Gegenstand entsteht die Komik.

Stellenweise geht Pope über die bloße Nachahmung hinaus zur Parodie, etwa wenn er dem Aufbau echter Reden aus Homers Ilias folgt. An die Stelle der Götter treten die Sylphen, luftige Geister, die Pope aus der Lehre der Rosenkreuzer entlehnt und zu einem eigenen Figurensystem ausbaut. Der Humor entspringt gerade dem Zusammenprall der eitlen Kleinigkeit mit der aufwendigen, streng geformten Sprache eines Heldengedichts.

Rezeption↑

Nachwirkung fand das Werk über Englands Grenzen hinaus. Luise Adelgunde Victorie Gottsched, die Gattin Gottscheds, übertrug es im 18. Jahrhundert ins Deutsche; ihre Übersetzung erschien 1744 unter dem Titel Lockenraub. Eine weitere deutsche Übersetzung von R. A. Schröder folgte 1908.

Bis in die neuere Zeit reicht ein besonderer Widerhall: Drei der Monde des Planeten Uranus sind nach Figuren des Gedichts benannt – Belinda, Umbriel und Ariel. Der Name Ariel geht dabei allerdings schon auf eine Gestalt aus Shakespeares Der Sturm zurück.

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